"Man könnte von 'Fischwäsche' sprechen"

22. Juni 2010, 15:17
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Duncan Copeland von der Environmental Justice Foundation im derStandard.at-Interview über illegale Fischerei, EU-Regeln und Konsumentenverantwortung

Jedes Jahr werden vor den Küsten Afrikas Fische im Wert von mindestens einer Milliarde Dollar illegal gefangen. Der Großteil landet in Asien, doch auch die EU als weltgrößter Abnahmer von Fisch und Meeresfrüchten importiert illegal gefangenen Fisch.

Weil sich immer mehr Staaten bemühen, Schutzbestimmungen durchzusetzen, weichen Reeder auf sogenannte Billigflaggen ("Flags of Convenience" - FoC) aus. Dabei verleihen lateinamerikanischee und asiatische Staaten für einen geringen Betrag das Recht, unter der Flagge des betreffenden Landes zu fahren. Das Schiff untersteht dann auch der Gerichtsbarkeit des Flaggenstaates. So gelingt es den Unternehmern, verschärfte Regeln zu umgehen.

Die britische NGO Environmental Justice Foundation dokumentiert im Südatlantik, wie ausländische Schiffe die Gewässer afrikanischer Staaten leerfischen. Duncan Copeland erklärt im Gespräch mit Berthold Eder, was gegen illegale Fischerei und Flaggenwechsel getan werden kann.

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derStandard.at: Ex-Agrar- und Fischereikommissar Franz Fischler bezeichnete 2004 die Praxis, Schiffe in sogenannten "Billigflaggenstaaten" zu registrieren, als "Geißel des Meeres". Was wurde seither unternommen, um dies zu ändern?

Duncan Copeland: Leider sehr wenig. Das Thema wird jetzt zumindest diskutiert, aber konkrete Initiativen einzelner Staaten oder Organisationen wie der EU fehlen weiter.

derStandard.at: Immer mehr Fischkutter, deren Eigentümer in der EU sitzen, benutzen Billigflaggen. 2005 waren 13,4 % der zur Fischerei genutzten Seefahrzeuge über 24 Meter in einem der 14 großen FoC-Länder registriert, 2009 waren es bereits 16,7 Prozent. Was sind die Motive der Eigner?

Copeland: Unternehmer, die illegale Fischerei betreiben, wollen vor allem ihren Profit maximieren. Außerdem können sie so Regeln umgehen, die Schiffe, die unter EU-Flaggen fahren, befolgen müssen. Viele Billigflaggenländer halten sich nicht an internationale Fischereigesetze und sind nicht Mitglied von Organisationen, die illegale Fischerei bekämpfen. Außerdem können Schiffe, die beim illegalen Fischfang ertappt werden, einfach Namen und Flagge wechseln und so der Strafverfolgung entgehen. Den Eintrag im Schiffsregister samt Flagge kann man per Internet oder Fax für ein paar hundert Dollar in 24 Stunden erledigen.

derStandard.at: Der Flaggenstaat ist für Rechtsverstöße eines Seefahrzeugs verantwortlich. Wie kontrollieren Länder wie Bolivien oder die Mongolei, die keinen Meereszugang haben, was Schiffe unter ihrer Flagge anstellen?

Copeland: Das ist vollkommen lächerlich. Viele Billigflaggenländer können überhaupt nichts kontrollieren, weil sie nicht über die erforderlichen Kapazitäten verfügen.

derStandard.at: 2008 wurde die Verordnung des EU-Rates zur Bekämpfung der illegalen, nicht gemeldeten und unregulierten Fischerei (1005/2008) verabschiedet, seit 1. Jänner 2010 ist sie in Kraft. Sind bereits Erfolge zu festzustellen?

Copeland: Nach einem halben Jahr kann man noch wenig sagen. Da die Umsetzung der Verordnung den einzelnen Mitgliedsstaaten überlassen wird, konnten wir bisher nur feststellen, das sich einige Staaten mehr und andere weniger Mühe geben.

derStandard.at: Welche EU-Staaten meinen Sie damit?

Copeland: Wir arbeiten derzeit an einem Ländervergleich, aber es ist noch zu früh, um ein Urteil abzugeben. Wenn die Verordnung in allen Mitgliedsländern umgesetzt ist, wird sie helfen, die Einfuhr illegal gefangenen Fischs einzuschränken – bis dahin ist sie aber nur ein Stück Papier.

derStandard.at: Wie kann mal illegal und legal gefangenen Fisch unterscheiden?

Copeland: Alle Fischimporte müssen über ein Zertifikat verfügen, das nachweist, dass sie legal gefangen wurden. Damit kann zurückverfolgt werden, von welchem Schiff und aus welchen Fanggebiet das Produkt kommt. Bei Ländern, die ihre Schiffe streng kontrollieren, kann so ein System funktionieren.

Es bietet aber zahlreiche Schlupflöcher: bei unseren Ermittlungen haben wir verfolgt, wie ein chinesisches Schiff eine Fischereilizenz für die Gewässer Sierre Leones erwarb, dann aber illegal vor Guinea und Liberia fischte. Auf dem von den Chinesen ausgestellten Zertifikat steht dann aber Sierra Leone als Herkunftsland, und damit gilt der gesamte Fang des Schiffes als legal und kann in die EU eingeführt werden.

Außerdem beobachteten wir immer wieder, wie Fischkutter auf hoher See ihre Ladung auf größere Kühlschiffe umladen, obwohl dies eigentlich verboten ist. Durch dieses "transshipping" ist eine Kontrolle der Herkunft des Fangs praktisch unmöglich – man könnte im Vergleich zu Geldwäsche von "Fischwäsche" sprechen.

derStandard.at: Jährlich werden Fische im Wert von über einer Milliarde Dollar vor den Kusten Afrikas illegal gefangen. Ein guter Teil davon landet auf dem EU-Markt. Sind Konsumenten, die im Supermarkt den billigsten Fisch kaufen, mitverantwortlich für die Schäden, die illegale Fischerei verursacht?

Copeland: Natürlich ist die steigende Nachfrage nach Fisch und Meeresfrüchten eine der Ursachen für illegale Fischerei. Die EU ist der weltgrößte Markt für diese Produkte, und durch Konsumenten, die billigen Fisch ohne Rücksicht auf dessen Herkunft kaufen, steigt die Nachfrage weiter. Steigende Nachfrage bedeutet für die Betreiber illegaler Fischereiflotten mehr Anreize, Schutzbestimmungen zu umgehen und so ihre Profite weiter zu steigern. (derStandard.at)

  • Duncan Copeland: "Die EU ist der weltgrößte Markt für diese Produkte, und durch 
Konsumenten, die billigen Fisch ohne Rücksicht auf dessen Herkunft 
kaufen, steigt die Nachfrage weiter"
    foto: ejf

    Duncan Copeland: "Die EU ist der weltgrößte Markt für diese Produkte, und durch Konsumenten, die billigen Fisch ohne Rücksicht auf dessen Herkunft kaufen, steigt die Nachfrage weiter"

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