"Burnout darf nicht pathologisiert werden"

18. Juni 2010, 17:00
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Arbeit fördert die Gesundheit, aber nur wenn die Rahmenbedingungen passen - Welche Faktoren bei betrieblicher Gesundheitsvorsorge zu beachten sind, darüber diskutierten Personalisten mit Ärzten

Unternehmen tragen Verantwortung auch gegenüber ihren Mitarbeitern, Stichwort Corporate Social Responsibility (CSR). Doch wo verläuft die Grenze zwischen privatem und unternehmerischem Verantwortungsbereich, wenn es um die Gesundheit des einzelnen Mitarbeiters geht? Darüber wurde mit Personalisten bei Polansky Personal Beratung diskutiert.

Wenn es um betriebliches Gesundheitsmanagement geht, sei nur eine ganzheitliche Betrachtung sinnvoll, erklärt Alexander Gaiger, Psychotherapeut und Facharzt für Innere Medizin im AKH Wien. Biologische, soziale und psychologische Faktoren würden beim Heilungsprozess eine enorme Rolle spielen, so die Wissenschaft. Dasselbe sollte auch bei betrieblichen Vorsorgeprogrammen berücksichtigt werden. "Bei betrieblichen Gesundheitsprogrammen macht es daher wenig Sinn, das gleiche Angebot über die gesamte Belegschaft zu stülpen" , so Gaiger. Denn auch die gesundheitliche Beanspruchung sei unterschiedlich.

Kritisch sieht er, dass gerade im Managementbereich Belastungssituationen, die zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, nach wie vor gesellschaftlich anerkannt, sogar erwünscht seien. "Es gilt als Privileg, gehetzt zu sein" , sagt Gaiger. Gleichzeitig warnt er auch davor, Burnout zu pathologisieren. "Burnout ist schwer greifbar, aber manchmal ist es auch nur die natürlichste Reaktion des Körpers" , ergänzt er.

Mehrere Dimensionen

Auf keinen Fall dürfe Krankheit isoliert betrachtet werden. Krankheit habe immer mehrere Dimensionen. Neben Vorsorgeprogrammen müssen auch Begleitmaßnahmen für den Krankheitsfall etabliert werden. Wie wird mit Mitarbeitern, die an Krebs erkrankt sind, umgegangen, wie kann die Rückkehr in den Beruf nach längerer Krankheit gestaltet werden, nennt Gaiger in diesem Zusammenhang als Beispiele. Aber auch begleitende Programme für herausfordernde Unternehmensphasen, wie beispielsweise während Change-Prozessen, seien für das betriebliches Gesundheitsmanagement wichtig.

In der Arbeitswelt müsse man funktionieren, niemand gibt da gerne Schwächen und Krankheit zu. Wie könne in einem solchen Umfeld die Akzeptanz der betrieblichen Vorsorgemaßnahmen erhöht werden, lautete eine Frage. Die Antwort darauf von Eva Höltl, der Leiterin des Gesundheitszentrums der Erste Bank: "Klein beginnen, beispielsweise mit Gesundenuntersuchungen für alle Mitarbeiter, und dann Schritt für Schritt und zielgerichtet darauf aufbauen." Das brauche aber Zeit, ergänzt sie. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.6.2010)

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    Krankheit darf nicht isoliert betrachtet werden

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