José Saramago 1922-2010

18. Juni 2010, 14:27
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    foto: apa / guiseppe giglia

    "Ich bin kein Pessimist, sondern bloß ein gut informierter Optimist" , war Credo des Literaturnobelpreisträgers, überzeugten Kommunisten und Intellektuellen von Weltrang, José Saramago.

Portugiesischer Autor war 1998 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden

Lanzarote - Die Heimsuchung beginnt an einer Straßenkreuzung. Wenn Menschen plötzlich den Sehsinn verlieren, können sie sich an keine Ampelregelung mehr halten, fahren einander in die Parade, herrscht gleich ein riesiger Stau. Eine Stadt stürzt ins Chaos, weil sie eines hellen Morgens zu einer Stadt der Blinden geworden ist. Die Szenen, mit denen der gleichnamige Film von Fernando Meirelles beginnt, sind ein eindringliches Bild für die Abhängigkeit des menschlichen Zusammenlebens vom Augensinn: Wenn wir einander nicht ins Gesicht sehen können, ist die Barbarei gefährlich nahe.

Wo genau diese Stadt der Blinden liegt, geht aus dem Film nicht hervor, schon die literarische Vorlage lässt diesen Umstand im Unklaren. Sie stammt von dem portugiesischen Nobelpreisträger José Saramago, er veröffentlichte Die Stadt der Blinden im Jahr 1995, und ausnahmsweise erteilte er auch eine Genehmigung für eine Verfilmung, die allerdings deutlich in einer Globalgesellschaft spielt und keinen Rückbezug mehr auf den portugiesischen Ursprung der Geschichte erkennen lässt. Das ist in gewisser Weise symptomatisch für das literarische Schaffen Saramagos, das sich allmählich aus dem spezifischen Kontext eines kleinen Landes mit einer Weltsprache emanzipierte und vor Allegorien auf das Schicksal der Gattung nicht zurückscheute.

Eine wichtige Station auf diesem Weg war 1991 der Roman Das Evangelium nach Jesus Christus, der von der katholischen Kirche als blasphemisch eingeschätzt wurde. Jesus wird darin sehr menschlich geschildert. Interessanterweise lässt ihn der bekennende Atheist Saramago aber doch in Beziehung zu Gott treten; er erzählt tatsächlich das Geschehen der Evangelien, wenn auch aus einem stets unkonventionellen Blickwinkel (so wird Josef zum Beispiel eine Schuld am Kindermord von Bethlehem zugeschrieben). In den Auseinandersetzungen um das Buch fühlte sich Saramago von der damaligen portugiesischen Regierung nicht ausreichend unterstützt. Er übersiedelte mit seiner Frau nach Lanzarote, blieb aber Bürger und Steuerzahler von Portugal.

Spiel mit Formen und Wissen

Auf der vulkanischen Kanareninsel entstand im Lauf der Jahre neben der literarischen Produktion ein umfangreiches Tagebuchwerk, seit zwei Jahren auch in Form eines Blogs, in dem er seine eher aphoristische Seite ausleben konnte (eine deutsche Auswahl ist für diesen Herbst angekündigt). Die Sprache seiner Romane hingegen ist überwiegend anspruchsvoll und zeichnet sich auch in der deutschen Übersetzung durch lange Satzkonstruktionen aus. Es ist der Stil eines "homme des lettres" , der sich die Welt der Literatur nach eigenen Gesetzen erschließen musste.

José Saramago kam 1922 in dem Dorf Azingha in einfachen Verhältnissen zur Welt. Seine Eltern waren Landarbeiter, schon bald zogen sie aber in die Hauptstadt Lissabon um, wo der Vater eine Stelle als Polizist annahm. Der Sohn fand aus eigenen Stücken zu den Büchern und eignete sich neben der Arbeit bei der portugiesischen Sozialversicherungsanstalt eine umfangreiche Belesenheit an. Während der Jahre des portugiesischen Faschismus arbeitete er bei einem Verlag, veröffentlichte aber nur sporadisch eigene Texte und debütierte als Romanschriftsteller erst 1980: In Hoffnung im Alejento verarbeitete er die Erfahrungen der portugiesischen Landbevölkerung im Feudalismus und verlieh seiner kommunistischen Gesinnung erzählerisch Ausdruck.

Sein Selbstbewusstsein als Autor war durch die langen Jahre des Wartens nicht beeinträchtigt, seine dann rasch folgenden Romane zeugen von einem souveränen Spiel mit Formen und historischem Wissen. Selbst mit dem größten Vorgänger Fernando Pessoa nahm er es ausdrücklich auf, indem er in Das Todesjahr des Ricardo Reis eine der pseudonymen Figuren Pessoas auf den eigenen Autor treffen lässt - ein reflexiver Roman, in dem auch über das Schicksal der Literatur in einer unfreien Gesellschaft nachgedacht wird.

José Saramago war zweifellos der repräsentative Autor Portugals in den letzten dreißig Jahren, ein Erzähler von Ideen und ein europäischer Intellektueller von Rang. Am Freitag ist er im Alter von 87 Jahren auf Lanzarote gestorben.

Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Aus Protest gegen die portugiesische Regierung hatte er die letzten 20 Jahre auf Lanzarote gelebt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Printausgabe 19.6./20.6.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 35
1 2
Radi Ator
00
19.6.2010, 18:39
darum

lebe jeden tag als wäre es dein letzter. irgendwann wird es stimmen ;-)

_Bauernbub_
00
19.6.2010, 17:23

Auch wenn es als nicht sein bestes Werk angesehen wird, bezeichne ich die "Stadt der Sehenden" als mein Lieblingsbuch von ihm.

Genowo
00
19.6.2010, 13:30

Ich liebe seine Bücher.
Danke dafür!

folxxx
10
19.6.2010, 12:07
eine traurige nachricht

und ein ausfuehrlicherer nachruf (leider nur auf spanisch) auf saramago hier : http://www.elpais.com/especial/... -saramago/

Andreas Globus
92
19.6.2010, 11:09
"Stadt der Blinden" ... ein herrliches Buch....

Der Autor ... verglich die Lage der Palästinenser mit Ausschwitz.
Ein hasserfüllter blinder Kommunist schrieb ein Buch über Blinde.
Das Buch ist gut.
Seine Lebensphilosophie blind.

Er soll in Ruhe ruhen.

tweedy3
00
19.6.2010, 19:41
Mit offenen Augen und Ohren

weit herumgekommen sind Sie aber trotz ihres vielversprechenden Namens aber nicht.

Schlom Wurzel
11
19.6.2010, 17:18

"hasserfüllter blinder Kommunist" - wenn Sie über solches Insiderwissen verfügen, sollten Sie unbedingt eine Biographie über Sarmago herausbringen. Ansonsten behalten Sie Ihre dummen Unterstellungen für sich, denn Sie haben anscheinend von den Umständen, unter denen Saramago aufwuchs, keinen Funken Ahnung. Saramago vertrat seine politische Gesinnung auch in schwierigsten Zeiten, Sie hingegen sind nur ein Sprechblasenproduzent.

tante ösistan
00
19.6.2010, 10:19
wunderbares buch:

die stadt der sehenden - die fortsetzung. lesen!

DemHerrnKarlSeineFrau
01
19.6.2010, 12:08
noch besser das steinerne floß, das memorial, das zentrum...

sehr gute, poetische und kritische Literatur!

Der Alte vom Berge
01
18.6.2010, 22:58
"Ich Glaube...

...das alle wir Einfluss haben, nicht weil man Künstler ist, aber weil wir Bürger sind."

[José Saramago]

Recht hat er Gehabt. ^^

Roswitha Hikade
13
19.6.2010, 09:02
Zivilcourage

Ich denke von ihm könnten wir viel lernen!
Man nehme seine Bücher und lese darin.
Die Stadt der Sehenden ist ein Zerrbild unseres, gesellschaftspolitischen Verständnisses, Österreich nicht ausgenommen!
Danke Saramago

-Lucien-
311
18.6.2010, 22:09

Total überwertet! Danke für nichts!

Schljapnikow der IV
00
20.6.2010, 12:04

wieso genau?
was haben sie gelesen und hat ihnen nicht gefallen?

viridisdens
00
19.6.2010, 23:39
vielleicht sollte man ein buch vorher lesen, bevor man seinen senf dazu gibt

ps: es geht nicht um winnetou I

Günther Hase
 
11
19.6.2010, 15:30
Gehen Sie zurück in das "Freiheit für Honsik" Forum,

das dürfte eher Ihre Kragenweite sein.

DemHerrnKarlSeineFrau
12
19.6.2010, 12:04
Naja, wenn man nur den Film basierend auf sein Buch kennt...

aber deine Aussage ist peinlich und zeugt von sehr niederer Intelligenz.

Harry Y.
 
01
19.6.2010, 12:59
Kindisch.

OS Gandalf
112
18.6.2010, 22:28

überwertet - aha? von saramago hättest du also zumindest sprachlich noch was lernen können.

Karin Stadler2
23
18.6.2010, 22:03
Ein ganz grosser Humanist

ist von uns gegangen.
Er lebt in seinem wunderbaren Werk weiter.

pike bishop
30
18.6.2010, 21:39

der letzte Absatz ist super originel, besonders wenn man die davor auch gelesen hat.

Chat long
24
18.6.2010, 18:26
Sich verabschieden

In seinem letzten auf Deutsch erschienenen autobiographischen Bändchen "Kleine Erinnerungen" beschreibt Saramago seinen Großvater, wie er am Tag vor seinem Tod "... in seinem Garten von Baum zu Baum geht, die Stämme umarmt und sich von ihnen ebenso verabschiedet wie von den vertrauten Schatten und den Früchten, die er nie mehr essen wird."
Schön zu wissen, dass Saramago so über den Tod hat schreiben können.

Irma la Douce
12
18.6.2010, 18:05
Empfehlung:


Vor, während und nach einer Reise nach Portugal Saramago lesen!

anders and
 
11
18.6.2010, 19:47

nachdem er vor 3 Jahren prophezeite, Portugal würde bald zu einer spanischen Provinz werden, ist er dort noch weniger beliebt!

Gaviota
03
18.6.2010, 23:28

Wer ist schon bei seiner eigenen Mischpoke beliebt, der es wagt die Wahrheit zu sagen?

ab ins exil
 
32
18.6.2010, 17:11

*'Die Stadt der Sehenden' aus dem Bücherregal nehm und zu lesen anfang*

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