WAZ will "Krone"-Anteile behalten

18. Juni 2010, 12:32
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Hombach: "Aufgrund der geänderten Machtverhältnisse nicht mehr an einem Verkauf interessiert" - Familie Dichand will "Verantwortung tragen"

Wien - Nach dem Tod des legendären "Krone"-Herausgebers Hans Dichand könnte bei Österreichs größter Tageszeitung in den kommenden Monaten ein neuer Machtkampf eröffnet werden. Die deutsche WAZ will ihren 50 Prozent-Anteil an der "Kronen Zeitung" nach Dichands Ableben jedenfalls nicht mehr verkaufen. Dies erklärte Bodo Hombach, einer der WAZ-Bosse, im "Handelsblatt". "Nach dem Ableben des großen alten Verlegers Hans Dichand sind wir aufgrund der geänderten Machtverhältnisse nicht mehr an einem Verkauf interessiert", so Hombach.

Die deutsche Tageszeitung zitiert darüber hinaus einen "Unternehmensinsider" der WAZ mit den Worten: "Dichand konnte schalten und walten, das ist nun vorbei." Die WAZ und Hans Dichand teilten sich bisher die "Krone"-Anteile im Verhältnis 50 zu 50. Nach dem Tod von Hälfteeigentümer Hans Dichand erhält die WAZ nun automatisch mehr Eigentümerrechte.

Kein Alleingeschäftsführer mehr

Als Alleingeschäftsführer und Herausgeber hatte Dichand das alleinige wirtschaftliche Sagen. Diesen Posten des Alleingeschäftsführers mit allen personellen Vollmachten gibt es nun nicht mehr, die Geschäftsführung wird künftig paritätisch besetzt, Dichands Erben und die WAZ entscheiden in wirtschaftlichen und personellen Fragen gleichberechtigt. Das Vorschlagsrecht für den "Krone"-Chefredakteur - seit 2003 ist das der von Dichand senior eingesetzte Christoph Dichand - liegt weiter bei der Familie Dichand. Wegfallen soll nach Angaben aus Deutschland nun übrigens auch jene Vertragsklausel, die Dichand senior - unabhängig vom Ergebnis - eine garantierte Rendite von über 8 Millionen Euro im Jahr gesichert hatte.

Die WAZ könnte darüber hinaus künftig auch größter Einzelgesellschafter der Tageszeitung werden, so die Familie Hans Dichands in Sachen "Krone" nicht an einem Strang zieht. Sollte Hans Dichand die Weitergabe seines "Krone"-Anteils nicht testamentarisch geregelt haben, dann würde Dichands Frau Helga im Zuge der gesetzlichen Erbfolge ein Drittel zufallen, und an Dichands Kinder Michael, Johanna und Christoph die restlichen zwei Drittel. Die Verteilung der "Krone"-Anteile würde in diesem Fall dann so aussehen: 50 Prozent WAZ, 16,66 Prozent Helga Dichand, und je 11,11 Prozent Michael, Johanna und Christoph Dichand. Die Dichand-Erben haben freilich schon in der Freitag-Ausgabe der "Krone" angekündigt, dass man "eine Familie" sei und wisse, dass man Verantwortung trage - "und wir werden sie tragen!".

Vermögen auf 750 Millionen Euro geschätzt

Dichand selbst erklärte Zeit seines Lebens, dass er sein Lebenswerk "in der Familie halten und weitergeben" wolle. Zuletzt hatte Dichand, dessen Vermögen auf 750 Millionen Euro geschätzt wird und der auch eine sagenumwobene Kunstsammlung angehäuft hat, über Monate hinweg versucht, den 50 Prozent-Anteil der WAZ zurückzukaufen. Der deutsche Medienkonzern soll dafür um die 200 Millionen Euro verlangt haben, ein Preis, der Dichand zu hoch erschien. Beim Einstieg der WAZ 1987 soll diese nach damaligen Brancheninfos umgerechnet etwa 100 Millionen Euro gezahlt haben. In den letzten Jahren war das Verhältnis zwischen Dichand und WAZ allerdings zerrüttet.

Mit den geänderten Kräfteverhältnissen im Hause "Krone" könnte die WAZ nun versuchen, ihren wirtschaftlichen Einfluss zu erhöhen. Über das jüngste Jahresergebnis war man in Essen jedenfalls mehr als unzufrieden. Aus einer Zeitung mit der Reichweite und Auflage der "Krone" müsse mehr herauszuholen sein, so Meinung der deutschen Partner.

Christoph Dichand

Viel hängt nun davon ab, welche Pläne die Dichand-Erben mit der "Krone" haben. Eine bedeutende Rolle wird dabei "Krone"-Chefredakteur Christoph Dichand zufallen, der die Aufgabe hat, für eine journalistische Generationenablöse in der "Krone" zu sorgen. Wenig verlegerische Ambitionen werden hingegen seinen Geschwistern Michael und Johanna nachgesagt. Ob die Familie Dichand oder Teile davon in der näheren Zukunft "Krone"-Anteile abgeben könnten, darüber gehen die Meinungen in der Branche denn auch auseinander. Der frühere "Krone"-Geschäftsführer Hans Mahr glaubt nicht an einen möglichen Verkauf, wie er im Ö1-"Morgenjournal" erklärte.

Noch nichts bekannt war am Freitag über das Begräbnis Dichands. Der Zeitungsmacher soll auf dem Grinzinger Friedhof beerdigt werden. Den künstlerisch gemeißelten Grabstein, der dort schon bereit steht, soll Dichand übrigens selbst vor längerer Zeit ausgesucht haben. Auf der Internet-Seite der "Kronen Zeitung" (krone.at) wurde unterdessen ein Kondolenzbuch eingerichtet, in das sich bis Freitagmittag etwas mehr als 2.000 Menschen eingetragen haben. (APA)

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