Jabulani weiterhin in der Kritik, auch Höhenluft ein Problem - Besserung des Spielniveaus erwartet
Bloemfontein/Johannesburg - Für die einen ist der Ball
oder die Höhe schuld, für die anderen die gute taktische Schulung
der 'Kleinen': Das schwache Niveau mit vielen Fehlpässen und
wenigen Toren bei der Fußball-WM in Südafrika hat eine
Experten-Diskussion ausgelöst. 'Der Ball fliegt in der Höhenluft
ganz anders. Alle Teams haben mit ihren Pässen Probleme. Sehr oft
fliegt die Kugel über die Köpfe der Adressaten ins Aus', stellte
Lothar Matthäus in der Bild-Zeitung fest.
Nigerias Trainer
Lars Lagerbäck sieht dagegen andere Gründe
für die Torflaute und das meist langweilige Mittelfeldgeplänkel der
ersten WM-Tage. 'Alle Teams sind sehr gut organisiert und taktisch
viel besser vorbereitet als früher', sagte der Schwede, wollte in
das allgemeine Klagelied über das niedrige Niveau allerdings nicht
einstimmen: 'Es fallen zwar wenig Tore, aber ich habe bislang in
den Spielen eine Menge Fußball gesehen.'
Ähnlich beurteilt
Diego Maradona den geringen
Unterhaltungswert der ersten Partien. 'Die Mannschaften studieren
und analysieren sich noch gegenseitig. Da ist man in den ersten
Spielen vielleicht vorsichtiger, als man sein sollte', sagte der
frühere Weltklasse-Fußballer und versicherte: 'Ich mache mir auch
keine Sorgen darüber, dass bislang so wenige Tore gefallen sind.
Das wird sich noch ändern.'
Davon geht auch der
niederländische Mittelfeldstar Wesley
Sneijder aus. 'Langsam gewöhnt sich jeder an die Umstände vor Ort -
an den neuen Ball, an die Höhe. Jetzt geht es richtig los', meinte
der 26-Jährige, der der spielerischen Qualität bei dem Turnier am
Kap bisher nicht viel abgewinnen konnte: 'Ich habe es genossen, die
ersten Spiele von Nationen wie Nordkorea und Neuseeland zu
verfolgen. Dabei habe ich aber festgestellt, dass das Niveau in der
Champions League höher ist als bei der WM.'
Fakt ist: Nur 25
Tore in den ersten 16 Spielen, den ersten
Auftritten jeder Mannschaft, sind WM-Negativrekord. Nur Deutschland
(beim 4:0 gegen Australien) und Brasilien (beim 2:1 gegen
Nordkorea) gaben jeweils zehn Schüsse aufs Tor ab, alle anderen
Teams deutlich weniger. Erschreckend: In einigen Spielen kamen
weniger als 65 Prozent der Pässe an, bei der Partie Serbien gegen
Ghana (0:1) sogar nur acht Prozent der Flanken. Selbst bei
Standards ist die Erfolgsquote teilweise extrem niedrig: Beim Spiel
Südkorea gegen Griechenland (2:0) fanden nur zwei von 17 Eckbällen
ihren Adressaten.
Kein Wunder, dass die Experten die Hände
vors Gesicht
schlagen. 'Ich kann nicht glauben, was ich da sehe', sagte
ARD-Experte Günter Netzer beim 1:0 Japans gegen Kamerun
fassungslos. Und 'TV-Bundestrainer' Jürgen Klopp stellte bei RTL
fest: 'Das Niveau ist bislang noch nicht das höchste.' Für den
Trainer von Borussia Dortmund liegt die mangelnde Qualität vor
allem am großen Druck: 'In der Vorrunde geht es vor allem darum,
die Punkte einzufahren.'
Für die meisten ist der Ball
'Jabulani' das Grundübel. 'Dieser
Ball ist der schlechteste, den ich je in meinem Leben gesehen habe.
Er ist schrecklich für die Spieler', schimpfte Englands Trainer
Fabio Capello. Vor allem in Kombination mit der Höhe - fünf der
neun WM-Städte liegen mehr als 1000 m hoch - sei der Ball schwer zu
kontrollieren. 'Da ist er 20 bis 25 Prozent schneller', meint
ZDF-Experte Oliver Kahn. Der Grund: In der dünnen Luft trifft der
Ball auf geringeren Widerstand.
Der ehemalige Schiedsrichter
Urs Meier kann die Diskussion um
das Spielgerät indes nicht nachvollziehen. 'In der Schweiz spielt
man schon seit einem halben Jahr mit diesem Ball, und das gilt auch
für andere Nationen. Jetzt wird auf einmal groß darüber
diskutiert', meinte der Schweizer. Die Bedingungen bei der WM seien
aber anders als in der Liga, betont der Niederländer Mark van
Bommel: 'Wir spielen schon seit November bei den Bayern mit diesem
WM-Ball. Aber er fliegt in dieser Höhe ganz anders als in der
Bundesliga.'
Einen ganz anderen Grund für ihren mühsamen
WM-Auftakt fanden
die Brasilianer. 'Es war furchtbar kalt. Das macht uns schwer zu
schaffen', sagte Torschütze Maicon nach dem 2:1 gegen Nordkorea. (SID)