Präsidentschaftskandidat Juan Manuel Santos im STANDARD-Interview
Juan Manuel Santos gilt als haushoher Favorit für die Präsidenten-Stichwahlen in Kolumbien am Sonntag. Im Gespräch mit Sandra Weiss erklärt er, warum er die Politik seines Mentors Álvaro Uribe fortsetzen will.
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STANDARD: Sie pochen darauf, die "Politik der demokratischen Sicherheit" von Präsident Álvaro Uribe fortzuführen. Wollen Sie dieses Programm, das vor allem auf massive Militärpräsenz setzt, unverändert beibehalten? Oder wollen Sie als Präsident andere, neue Akzente setzen als bisher?
Santos: Es ist ganz wichtig, dass wir diese erfolgreiche Strategie beibehalten und die Errungenschaften von Präsident Uribe nicht über Bord werfen. Vor acht Jahren konnte man sich in Kolumbien nicht frei bewegen. Aus Furcht vor Straßensperren der Farc-Guerilla gingen die Menschen kaum noch vor die Türe. Unter Uribe haben unsere Streitkräfte wieder die Kontrolle über weite Landesteile übernommen. Das müssen wir fortsetzen, aber durch weitere Maßnahmen der Entwicklung ergänzen. Deshalb rede ich nicht mehr von der "Strategie der demokratischen Sicherheit" , sondern vom demokratischen Wohlstand.
STANDARD: Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat Ihnen wegen des Militärabkommens mit den USA Kriegstreiberei vorgeworfen. Dieses weitet US-Präsenz an Soldaten und Militärbasen in Kolumbien aus.
Santos: Die Aufregung darüber ist ein Sturm imWasserglas. Kolumbien ist keine Bedrohung. Ich verurteile die Einmischung von Chávez in unseren Wahlkampf. Sie hat einzig zum Ziel, meine Wahl zu verhindern. Das ist unannehmbar. Ich will mich aber um gute Beziehungen zu allen Nachbarstaaten bemühen, denn wenn die Präsidenten streiten, ist es die Bevölkerung, die leidet.
STANDARD: In Europa wurde Uribes Politik zwiespältig aufgenommen. Einerseits erkennt Europa die bessere Sicherheitslage an, andererseits haben Skandale wie der um das Ausspionieren von Regimekritikern für Unbehagen gesorgt. Wie wollen Sie die Beziehungen zu Europa verbessern?
Santos: Ich selbst habe in London studiert und sehr gute Beziehungen zu Europa. Viele Regierungschefs kenne ich persönlich. Mir ist es sehr wichtig, die Beziehungen zu Europa auszubauen, auch deshalb, um die enge Bindung an die USA etwas auszubalancieren.
STANDARD: Uribes letzte Amtszeit war überschattet von Korruptionsskandalen, vor allem in Ihrer "Partei de la U" . Wie wollen Sie künftig die Korruption bekämpfen?
Santos: Ich werde keinerlei Korruption tolerieren. Wir werden die Strafen für derartige Delikte verdoppeln und die Verfassung reformieren, damit Korruption nicht verjährt. Außerdem schwebt mir eine Sondereinheit zur Korruptionsbekämpfung vor.
STANDARD: Kolumbien hat zwar Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht in den letzten Jahren, aber noch immer leben 45 Prozent der Kolumbianer unter der Armutsgrenze. Was können die Armen von Ihnen als Präsident erwarten?
Santos: Mein wichtigstes Ziel ist die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Armutsbekämpfung. Ich werde ein großes Infrastrukturprogramm starten, Straßen und Staudämme bauen. Dann werde ich die Sozialprogramme der Regierung von Álvaro Uribe fortsetzen und vertiefen, beispielsweise ein Grundeinkommen für Bauern. Der Mittelstand wird durch Steuersenkungen und günstige Kredite gefördert werden, damit neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Und ich werde dreimal so viele Sozialwohnungen bauen wie bisher. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2010)
Zur Person
Juan Manuel Santos (48) stammt aus einer
Politikerdynastie. Er studierte Wirtschaft an der London School of
Economics und in Harvard, danach arbeitete er als Medienmanager. Im Jahr
2006 wurde er Verteidigungsminister von Kolumbien.