Dichand und die Macht

Das Volk, die Zeitung und der "Alte"

17. Juni 2010, 19:00
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    Zirkel der Macht: Dichand mit Kanzler Werner Faymann und Bürgermeister Michael Häupl,

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    mit Bundespräsident Thomas Klestil

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    und mit Weggefährte Helmut Zilk.

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    "Krone"-Titelseite (11. März 1988) mit Grillparzer-Zitat.

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    "Krone"-Titelblatt mit Muttertagsbild des NS-Malers Switbert Lobisser.

Hans Dichand war mehr als ein Zyniker mit enormer Begabung zum Zeitungsmachen - Er sah sich und die "Krone" als Beauftragte und Vollstrecker einer mythischen Volksgemeinschaft - Den Willen des Volkes sah er, wo er selbst war: sehr weit rechts

Vor etwas mehr als einem Jahr schrieb Hans Dichand in seiner Inkarnation als der alte Römer "Cato", der erste Artikel der österreichischen Bundesverfassung laute bekanntlich "Alle Macht geht vom Volke aus". Auf den Irrtum aufmerksam gemacht, änderte er später auf die richtige Fassung ab: Das Recht geht vom Volke aus. Macht nichts, hätte Dichand wohl gesagt. Hauptsache ist das Volk.

Dichands (Selbst-)Legitimation leitete sich aus seiner echten Überzeugung her, dass er und die "Krone" die Verkörperung des Volkswillens, ja des Volkes selbst seien. "Wir sind kein Boulevardblatt, sondern eine Volkszeitung!", sagte er einmal mit echter Empörung. Dichand betrachtete die "Krone" und ihre Leser als "große Gemeinschaft", ja, als "Volksgemeinschaft". Die "Krone" warb mit dem abgewandelten Grillparzer-Spruch "In unserem Lager ist Österreich".

"Das Volk" hat der "Krone" also sozusagen die Macht verliehen und die darf man natürlich in dessen Namen ausüben - zuletzt immer wütender, verstiegener und aussichtsloser, wie bei dem angestrebten Austritt aus der EU.

Das mag zwar als Wahnidee erscheinen, aber die Zahlen schienen Dichand ja irgendwie recht zu geben (wenn die verkaufte Auflage zuletzt auch bröckelte). Um das Juwel "Krone" wurde immer gestritten. Beim Nachlesen der komplizierten Gründungsgeschichte könnte man zu dem Schluss kommen, dass vielleicht auch andere Eigentumsrechte an dem Blatt gehabt hätten, nicht nur Dichand. Aber ohne ihn wäre das nie so ein Erfolg geworden, "geistiges" Eigentum ist hier auch materielles.

Aber all die Schriftsteller, Intellektuellen etc., die bitter analysierten, dass die "Krone" in ihrer biederen Lüsternheit, frommen Verschlagenheit, weinerlichen Aggressivität, ihrem Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Selbstmitleid und ihrer trotzdem beachtlich erfolgreichen Existenz ein ziemlich genaues Abbild eines beträchtlichen Teiles des österreichischen Volkes sei - die haben auch recht.

Die "Krone" hat jahrzehntelang das geistige Klima eines sehr autoritär verfassten Landes einbetoniert. "Die 'Krone' ist Hauptorgan der Anti-Aufklärung und der Anti-Moderne, vor allem in der Kunst", sagte einmal ein liberaler VP-Politiker (als es solche noch gab).

Sie ist mächtig, weil die Politiker an ihre Macht glauben (Faymann verließ auf die Todesnachricht den EU-Gipfel für ein Statement).

Dabei ist da die Beweislage keineswegs eindeutig. Dichand hat Politiker massiv unterstützt, die seinen rechten Vorstellungen entsprachen: Kurt Waldheim, Hannes Androsch, Jörg Haider, Karl-Heinz Grasser. Alle endeten eher unrühmlich. Er hat andererseits ihm zuwidere liberale Politiker abgeschossen wie Erhard Busek, oder Caspar Einem. Helmut Zilk, wohl sein Idealbild eines rechten, populistischen Sozialdemokraten, hielt er gegen alle "Tschechenspion"-Evidenz die Stange. Im Jahr 2000 wollte er die Koalition der Schüssel-ÖVP mit der Haider-FPÖ verhindern. Nicht weil er moralisch etwas dagegen gehabt hätte, sondern weil er richtigerweise meinte, Haider müsse nur noch eine Wahl abwarten, um selbst Kanzler zu werden.

Jedenfalls ist die "Krone" das Gesamtkunstwerk eines einzigen Mannes. Dichand war jahrzehntelang Gründer, bestimmender Eigentümer, Verleger, Chefredakteur, Personalchef, Redakteur (und Autor) von Leserbriefen an die "Krone" - bis zuletzt. Er war "der Alte", dem kaum jemand zu widersprechen wagte, weder seine Redakteure noch etliche Bundeskanzler und Minister dieser Republik. Persönlich wirkte er wie "ein lieber Opa" (eine Dame, die ihre Erfahrungen mit ihm in der verblichenen Zeitschrift Basta veröffentlichte). Die neue Wissenschaftsministerin Karl, die er wegen ihres angenehmen Äußeren wohlwollend empfing, warnte er, einer seiner Redakteure sei Ungar, da müsse man sich vorsehen.

Er war leise, wirkte harmlos, beklagte sich bei Geschäftspartnern über die Ungerechtigkeit der Welt, aber eben die empfanden ihn als "brandgefährlich" oder, wie ein Rechtsanwalt, als "Geheimdienstchef". Die längste Zeit war die Krone-Mannschaft wirklich eine Art Familie, aber zuletzt mussten plötzlich ganz alte Weggefährten gehen.

Die eigentliche Stärke der Dichand-"Krone" lag aber weniger in konkreten politischen Ergebnissen als in der Schaffung/Ausnutzung eines breiten Meinungsklimas. Dieses ist meist mit den schlimmeren Volks-Ressentiments identisch und manchmal extrem rechts.

Das entspricht Dichands früher Prägung. Er ist in Graz, "Stadt der (NS-)Volkserhebung", aufgewachsen, als Matrose der deutschen Kriegsmarine fast ertrunken. Die deutsche Wehrmacht war sein Leitbild. Einmal zierte ein Muttertagsbild des NS-Malers Switbert Lobisser das Titelblatt (Bild). Am 11. März 1988, zum 50. Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Hitler-Deutschland, griff Dichand mit einem trotzigen Grillparzer-Zitat in die Debatte ein (Bild). Es erschienen Texte der Starkolumnisten, in denen der Holocaust geleugnet und verschleierte Geburtstagsgedichte auf Hitler ausgebracht wurden. Seit die "Kriegsgeneration" ausstirbt und Nahestehende mehr Einfluss ausüben, gibt es kaum mehr Antisemitismen. Und zur Verwirrung mancher Leser erschienen zuletzt sogar Leserbriefe und Kolumnen pro Arigona Z.

Hans Dichand war ein sehr rechter Österreicher, der das total normal fand. "Ich bin weder Rassist noch gegen Ausländer. Ich bin nur dagegen, dass man so einen Humanitätsdilettantismus pflegt, der die Steuerzahler belastet, weil man Sozialschmarotzer und Kriminelle stützt." Genauso könnten es auch die allermeisten Krone-Leser und sehr viele Österreicher gesagt haben. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2010)

Kommentar posten
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zuckermaus3
02
18.6.2010, 16:06
Dichand hat nur ein Ziel gekannt: Dichand!

tramezzino
01
18.6.2010, 13:17
ohne falk

lieber herr rauscher, wäre die krone nicht die krone, wie sie ist. aber das wissen sie ja; nur warum hammses nicht geschrieben?

- rau -
01
19.6.2010, 08:25
Stimmt schon, Falk war geschäftlich am Erfolg

mitbeteiligt, aber in meinem Artikel ging es um Dichands journalistisches Selbstverständnis und seine Macht. Falk war journalistisch unbedeutend, wie der Mißerfolg von "Täglich Alles" dann bewies.

Hershel S. Krustofsky
07
18.6.2010, 12:28
in der süddeutschen war, glaub ich, eimal zu lesen (sinngemäß):

die größte leistung von hans dichand besteht darin, dass in österreich mittlerweile eine generation hernagewachsen ist, die glaubt, die kronenzeitung sei tatsächlich eine zeitung...

good news 08
03
18.6.2010, 12:22
Was Dichand politisch wirklich bewegt hat

Der Kampf Dichands gegen Heide Schmidt ist in den Nachrufen bisher zu kurz gekommen. Die Vernichtung des Liberalen Forums und damit eines liberalen Gewichtes in Österreich ist der wohl nachhaltigste politische Effekt, der Hans Dichand zuzuschreiben ist.
Kampagnen gegen Slavik, Schüssel, Plassnik, Einem sind dagegen persönliche Episoden, die die politische Landschaft nicht verändert haben. Die SPÖ und ÖVP regieren nach wie vor das Land.

Vorname Nachname
21
18.6.2010, 16:19
geh hoer auf .... liberal ...

... das war der frecheste politische etikettenschwindel seit vielen jahrzehnten

wennst dir angesehen hast wofuer die eigentlich gestanden sind ..

jedenfalls nicht fuer liberalismus
ned amal a bisserl ...

Harry Y.
 
01
19.6.2010, 14:12

Für Linksliberalismus, wenn ich mich nicht irre. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen würde die Freiheit und das Geschick des Einzelnen ja fördern - jedenfalls ihrer Meinung nach und imho wahrheitsgemäß.

Herr und Frau Österreicher
 
05
18.6.2010, 12:08

Sehr guter Artikel!!!

machsplank
00
18.6.2010, 16:18

finde ich auch !!

Knochenmann
00
18.6.2010, 12:03

Arigona Z... nein, das ist zu offensichtlich. Nennen wir sie einfach A. Zogja.

tramezzino
62
18.6.2010, 11:47
lobisser

als ns maler zu bezeichnen ist aber ein fester topfen. er starb 1943. seine holzschnitte stammen aus den 20er und 30er jahren. er hat ein paar auftragswerke für die nazis gemacht, aber ihn deswegen als ns-maler zu bezeichnen (noch dazu in einer zeit, wo er fast nichts mehr geschaffen hat) ist absolut übertrieben.

wenn ein bauer in dieser zeit milch an die nazis geliefert hat, ist er dann ein "ns bauer" gewesen?

Harry Y.
 
00
19.6.2010, 14:19

Ein Bauer kann mit seiner Milch aber kaum völkische Bilder malen.
(Jedoch sehr wohl, jetzt im Werbezeitalter -
na ja siehe Schärdinger.)

- rau -
02
19.6.2010, 08:39
Dieses Posting ist ein klassischer Beweis, wie

in Dichandanien (=Österreich) ein Nazi kein Nazi sein muss/darf.
Hitler erhielt 1934 Lobisser-Zeichnungen als Geschenk. Goebbels und Rudolf Heß waren Käufer.
Im Jahr 2000 wurde im Kärntner Landhaus hinter der Holzverschalung das "Hakenkreuz"-Fresko entdeckt, mit dem Lobisser 1938 den "Anschluß" verherrlichte.
Mag sein, dass er - wie so viele Kärntner und Österreicher - die Natur des NS nicht erkennen konnte/wollte, aber er war jedenfalls massiver Sympathisant.

Rauscher, der Hundefreund
50
18.6.2010, 10:07
Allerweil, ich würd´so "unrühmlich" enden wie der

...Androsch. Da haben´s einen Hirsch g´schossen Herr Rauscher, einen kapitalen.

pinguin78
21
18.6.2010, 12:15

und dass caspar einem ein liberaler sei, ist auch ein gerücht...

- rau -
08
18.6.2010, 11:26
Androsch wollte Kanzler werden.

Er war Vizekanzler und Finanzminister. er musste wegen seiner Steuergeschichte, die in einer rechtmäßigen Verurteilung endete zurücktreten, seine politische Karriere war beendet. Falls das nicht reicht: auch als Generaldirektor der CA musste er wegen dieser geschichte letztlich zurücktreten.
Dass er sich eine Karriere als Industrieller aufgebaut hat, ist ok, ändert aber nichts an seinem Scheitern als Politiker.

farbrauschen
03
18.6.2010, 16:07

"...er musste wegen seiner Steuergeschichte, die in einer rechtmäßigen Verurteilung endete zurücktreten, seine politische Karriere war beendet...."


seufz.
das waren zeiten,
als es so etwas wie rechtmäßige verurteilungen und rücktritte von politikern noch gab.

die zeiten sind vorbei.

heutzutage wird gefinzt,
oder irgendetwas nebuloses über suppen geschwanert,
die leider immer, immer
zu dünn
sind...

und zurücktreten tut einfach niemand mehr.
egal, wieviel dreck er am stecken hat.

odranoel-64
00
27.6.2010, 12:56
Politikerrücktritte nach Verurteilung sind in der ÖVP

eher selten, wie der ehemalige Salzburger LH Dr. Haslauer beweist. Obwohl vom VfGH rechtskräftig verurteilt trat er nicht zurück, sondern äußerte sogar, weiterhin im rechtswidrige Verhalten fortzufahren.
Ja, ja, so sind´s halt die ÖVPler.

Erisian Liberation Front
01
18.6.2010, 14:47
Stattdessen

wurde er Milliardär, der Loser ...

Dilbert
00
18.6.2010, 14:14

Ich vermute, er wär lieber Kanzler als Industrieller geworden.

Der Weise von Zion
04
18.6.2010, 09:56

ob der orf jetzt die harmlose doku bringt, die aber dichand und ähnlich gesinnten trotzdem brandgefährlich erschien?

Wieviel Demokratie ist es bitte?
17
18.6.2010, 10:41
Der ORF

ist doch seinerseits die täglich verfilmte Krone auf zwei Kanälen. Wenn diese Simulation eines öffentlich-rechtlichen Sendes das sendet, wäre es, als würden The Sun, Blick und Bild kritisch über die Kronen Zeitung berichten.

Der Weise von Zion
06
18.6.2010, 09:53

da verschlug es rauscher die sprache nach kroneart
"Faymann verließ auf die Todesnachricht den EU-Gipfel für ein Statement."

Paolo Rossi
00
18.6.2010, 09:38

woran starb er denn eigentlich?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
18.6.2010, 10:18
so wie das geschildert wurde

an einer Pneumonie/Lungenentzündung.

Und natürlich letztendlich, wie medizinisch medizinisch meist neutral ausgedrückt, "an Herzversagen".

Ich habe, wohlgemerkt, NICHT Zugang zu Patientenakten des AKH Wien.

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