Doku-Filmerin Borgers: "Übertriebene Lorbeeren"

17. Juni 2010, 17:41
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Belgische Doku-Regisseurin: "Ich denke, dass die Politik mehr Einfluss auf die Zeitung bekommen wird" - Sammler Rudolf Leopold trauert um langjährigen Freund - Schönborn: "Manche inhaltliche Differenzen"

Wien - Die belgische Filmemacherin Nathalie Borgers, die mit ihrer Doku "Kronen Zeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück" vor acht Jahren einen seltenen Blick hinter die Kulissen der Tageszeitung machen durfte, erfuhr von der APA vom Tod Hans Dichands. "Ich freue mich nicht, wenn jemand stirbt, aber mein Verhältnis zu ihm war sehr schwierig", meinte die 45-Jährige. "Er hatte eine Vision für Österreich, die sehr konservativ war und die stark mit den niedrigsten Gefühlen der Menschen spielte. Interessant wird nun sein, wie das Land mit diesem Mann und seinem Lebenswerk umgeht, vor allem auch der ORF - also ob es übertriebene Lorbeeren geben wird."

Arte ein " linker Kommunistensender"

Borgers hatte in der Vorbereitung der Doku keine leichte Zeit mit Dichand. "Er hat den Film damals wegen seinem Ego gemacht, denke ich, weil er Aufmerksamkeit für seine Zeitung aus dem Ausland bekam." Als der Zeitungsmacher herausfand, dass es sich bei dem Film um eine Koproduktion mit ARTE ("für ihn ein linker Kommunistensender") handelte, wollte Dichand wieder aussteigen - doch Borgers hatte zu dem Zeitpunkt bereits einen unterschriebenen Vertrag. "Im Laufe des Drehens hat er mir dann einen Brief geschickt, dass ich nicht mehr rein darf, weil ich angeblich ein Komplott mit dem 'Standard' plane."

Im ORF wurde die Doku nie ausgestrahlt, was für Borgers nicht zuletzt für die Macht Dichands sprach. "Ich kann nicht gut sagen, dass es gut ist für Österreich, dass er gestorben ist - aber er hat Leute benutzt wie Wolf Martin oder Andreas Mölzer, die mit der Angst und der Ausländerfeindlichkeit der Leute gespielt haben. Das hat Österreich nicht geholfen." Für Borgers war Dichand "sehr höflich und gut erzogen, so lange alles nach seinem Sinn lief". Nun sei sie gespannt auf die Nachfolgeregelungen. "Ich denke, dass die Politik mehr Einfluss auf die Zeitung bekommen wird - allerdings habe ich auch nicht so viel Hoffnung in die Politiker."

Sammler Rudolf Leopold

Tief betroffen hat sich unterdessen der Kunstsammler und Museumsgründer Rudolf Leopold gegenüber der APA über das Ableben Dichands ("einer der wichtigsten und prägendsten Persönlichkeiten der Zweiten Republik") geäußert. "Er war - wie ich - ein leidenschaftlicher Kunstsammler und hat auch viele bedeutende Werke für seine Sammlung erwerben können", so Leopold über seinen langjährigen Freund. "Ein Stück dieses Sammlerlebens sind wir gemeinsam gegangen."

Schönborn trauert

Kardinal Christoph Schönborn hat Hans Dichand als "großen Publizist und Zeitungsmacher" gewürdigt. Der Wiener Erzbischof, der in der "Sonntags-Krone" eine eigene Kolumne hatte, würdigte vor allem Dichands Überzeugung, "dass Religion zum Menschen gehört", dass die "Geschichte Österreichs ohne die katholische Kirche nicht verständlich" sei und "dass die Botschaft des Evangeliums eine Antwort auf die Fragen des heutigen Menschen nach woher, wohin und wozu des Lebens" sein könne.

Dichand seien die Menschen "mit ihren Sorgen und Freuden" ein Anliegen gewesen, so der Wiener Erzbischof in einer Aussendung. Persönlich hätten ihn die Begegnungen mit Dichand immer wieder bewegt und beeindruckt - "trotz mancher inhaltlicher Differenzen". Dichand habe "die Seiten seiner Kronenzeitung dem Evangelium ganz bewusst geöffnet und mir die Möglichkeit gegeben, an den Sonn- und Feiertagen das Evangelium den heutigen Lesern näher zu bringen", sagte der Kardinal dem Zeitungsmacher posthum Dank.

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