Lachsfarmen belasten Chiles Umwelt in "bisher unbekanntem Ausmaß"

17. Juni 2010, 16:11
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Forschungsgruppe dokumentierte die vielfältigen Beeinträchtigungen des Ökosystems

Eigentlich hatten Heike Vester und Marc Timme vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen die akustische Kommunikation von Walen in Chile untersuchen wollen. In der Region Aysén entdeckten sie allerdings, dass Lachsfarmen die Tierwelt und das dortige Naturschutzgebiet "in einem bisher völlig unbekannten Ausmaß" belasten, schreiben die ForscherInnen in einer "Korrespondenz" an die Zeitschrift "Nature". Sie dokumentierten demnach nicht nur eine bisher unbekannte Bedrohung für die einheimischen Seelöwen, sondern auch, dass sich die Lachsindustrie rasant in den bisher weitestgehend unberührten Süden der Region ausbreite.

Chile gilt als einer der wichtigsten Produzenten von Zuchtlachs. Die massenhafte Aquakultur konzentriert sich vor allem auf die verzweigten Fjorde der Provinz Aysén in Patagonien. Während Teile der Provinz selbst den Status eines Nationalparks haben, gilt dieser Schutz nicht für das angrenzende Meer. Die somit aus Sicht der Regierung völlig legalen Lachsfarmen haben zum Teil verheerende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem - auch weil der atlantische Lachs in Chile ein Fremdling ist, Krankheiten einschleppt und so die bedrohten einheimischen Arten zusätzlich unter Druck setzt. Zudem belasten der Einsatz von Medikamenten und der anfallende Müll das Ökosystem.

Ausbreitung

In den vergangenen zwei Jahren hatte der Virus ISA (infectious salmon anemia), der bei Lachsen zu Blutarmut und Tod führt, viele Lachsfarmen im Norden Chiles zum Aufgeben gezwungen. "Doch nun breiten sich die Farmen immer weiter nach Süden aus", berichtet Heike Vester von der norwegischen Forschungseinrichtung Ocean Sounds, die derzeit in Göttingen promoviert. Da die verzweigten Fjorde der Region von Land aus nur schwer zugänglich sind, zeigte sich der Forscherin das gesamte Ausmaß erst bei Studien vom Wasser aus. Zudem konnte sie dokumentieren, dass sich junge Südamerikanische Seelöwen in den Schutznetzen verfangen, welche die Lachsfarmen umgeben. Vielfach bleibt beim Losreißen ein Netzteil um ihren Körper zurück, an dem sie im Verlauf ihres Wachstums ersticken.

Das dortige Ökosystem werde auf vielfältige Weise beeinträchtigt, berichten die TeilnehmerInnen der Expedition: Überschüssiges Futter für die Zuchtfische und Kot treibe mengenweise im Wasser. Die gedrängte Haltung der Lachse erzwinge den Einsatz von Medikamenten und Pestiziden. Messungen hätten gezeigt, dass in der unmittelbaren Umgebung der Farmen keinerlei Leben mehr existiert. "Überall liegt ein Geruch wie von Bleichmittel in der Luft", so Vester. Akustische Messungen der Biologin ergaben zudem einen ständigen Lärmpegel von Versorgungsschiffen und den Generatoren der Futtermaschinen. "Dieser Lärm kann die bedrohten Meeressäuger wie etwa Blau-, Buckel- und Seiwale sowie Peale-Delfine und Chilenische Delfine vertreiben und ihre Kommunikation in den verzweigten Fjorden und Kanälen stören", so Marc Timme vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, der die Doktorarbeit der Biologin mitbetreut.

Plädoyer

In ihrer Stellungnahme an die Zeitschrift "Nature" schlagen die Göttinger ForscherInnen vor, dass Lachsindustrie, die lokale Bevölkerung und UmweltschützerInnen gemeinsam eine Lösung des Problems suchen. In Ländern wie Italien, Australien und den USA wird ein solches gemeinsames Vorgehen bereits erprobt. Ziel müsse es sein, dass neben den Lachsfarmen auch die einheimische Fischerei und die Umwelt zu ihrem Recht kommen. Nur so lasse sich auch ein schonender Tourismus als aussichtsreicher, neuer Industriezweig etablieren. (red)

  • Eine verlassene Lachsfarm in einem Fjord im Norden der Region Aysén
    foto: heike vester, mpi für dynamik und selbstorganisation

    Eine verlassene Lachsfarm in einem Fjord im Norden der Region Aysén

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