Forschungsgruppe dokumentierte die vielfältigen Beeinträchtigungen des Ökosystems
Eigentlich hatten Heike Vester und Marc Timme vom Max-Planck-Institut für Dynamik und
Selbstorganisation in Göttingen die akustische Kommunikation von Walen in Chile untersuchen wollen. In der Region Aysén entdeckten sie allerdings, dass Lachsfarmen die Tierwelt und
das dortige Naturschutzgebiet "in einem bisher völlig unbekannten
Ausmaß" belasten, schreiben die ForscherInnen in einer "Korrespondenz" an die Zeitschrift "Nature". Sie dokumentierten demnach nicht nur eine bisher unbekannte Bedrohung für die einheimischen Seelöwen, sondern auch, dass sich die Lachsindustrie rasant in den bisher
weitestgehend unberührten Süden der Region ausbreite.
Chile gilt als einer der wichtigsten Produzenten von Zuchtlachs. Die
massenhafte
Aquakultur konzentriert sich vor allem auf die verzweigten Fjorde der
Provinz
Aysén in Patagonien. Während Teile der Provinz selbst den Status eines
Nationalparks haben, gilt dieser Schutz nicht für das angrenzende Meer.
Die
somit aus Sicht der Regierung völlig legalen Lachsfarmen haben zum Teil
verheerende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem - auch weil der
atlantische
Lachs in Chile ein Fremdling ist, Krankheiten einschleppt und so die
bedrohten
einheimischen Arten zusätzlich unter Druck setzt. Zudem belasten der
Einsatz von
Medikamenten und der anfallende Müll das Ökosystem.
Ausbreitung
In den vergangenen
zwei Jahren hatte der Virus ISA (infectious salmon anemia), der bei Lachsen zu
Blutarmut und Tod führt, viele Lachsfarmen im Norden Chiles zum
Aufgeben gezwungen. "Doch nun breiten sich die Farmen immer weiter nach Süden
aus", berichtet Heike Vester von der norwegischen Forschungseinrichtung Ocean
Sounds, die derzeit in Göttingen promoviert. Da die verzweigten Fjorde der
Region von Land aus nur schwer zugänglich sind, zeigte sich der Forscherin das gesamte
Ausmaß erst bei Studien vom Wasser aus. Zudem konnte sie dokumentieren, dass sich junge Südamerikanische Seelöwen in den Schutznetzen verfangen, welche die Lachsfarmen umgeben. Vielfach bleibt beim Losreißen ein Netzteil um ihren Körper zurück, an
dem sie im Verlauf ihres Wachstums ersticken.
Das dortige Ökosystem werde auf vielfältige Weise beeinträchtigt, berichten die TeilnehmerInnen der Expedition: Überschüssiges
Futter für die Zuchtfische und Kot treibe mengenweise im Wasser. Die gedrängte
Haltung der Lachse erzwinge den Einsatz von Medikamenten und Pestiziden.
Messungen hätten gezeigt, dass in der unmittelbaren Umgebung der Farmen keinerlei Leben mehr
existiert. "Überall liegt ein Geruch wie von Bleichmittel in der Luft", so
Vester. Akustische Messungen der Biologin ergaben zudem einen
ständigen Lärmpegel von Versorgungsschiffen und den Generatoren der Futtermaschinen. "Dieser Lärm kann die bedrohten Meeressäuger wie etwa
Blau-, Buckel- und Seiwale sowie Peale-Delfine und Chilenische Delfine
vertreiben und ihre Kommunikation in den verzweigten Fjorden und Kanälen
stören", so Marc Timme vom Max-Planck-Institut für Dynamik und
Selbstorganisation, der die Doktorarbeit der Biologin mitbetreut.
Plädoyer
In ihrer Stellungnahme an die Zeitschrift "Nature" schlagen
die Göttinger ForscherInnen vor, dass Lachsindustrie, die lokale
Bevölkerung und
UmweltschützerInnen gemeinsam eine Lösung des Problems suchen. In
Ländern wie
Italien, Australien und den USA wird ein solches gemeinsames Vorgehen
bereits
erprobt. Ziel müsse es sein, dass neben den Lachsfarmen auch die
einheimische
Fischerei und die Umwelt zu ihrem Recht kommen. Nur so lasse sich auch ein
schonender Tourismus als aussichtsreicher, neuer Industriezweig
etablieren. (red)