Kochen: Vom Muss zum Wollen

19. Juni 2010, 10:02
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Kanadische Studie: Mehrheit der Familien kocht in der Regel noch immer überraschend oft zuhause

Vancouver/Paris/Wien - Im Angesicht von Mikrowelle und Fastfood wurde das Kochen schon vielfach totgesagt. Eine aktuelle, kanadische Studie zeigt jedoch ein anderes Bild: "Die Mehrheit der Familien kocht in der Regel noch immer überraschend oft zuhause", so Dean Simmons von der University of British Columbia über seine Erhebungen. "Wäre Kochen nur das Erhitzen und Zubereiten von Nahrung, würde die Küche allmählich verschwinden, da die Technologie ständig besser wird. Das passiert jedoch nicht."

Warum Eltern - meist sind es noch immer die Mütter - doch noch zum Kochtopf greifen, ist laut Simmons die Suche nach Kontrolle über die Ernährung der Kinder, die Geldersparnis und die verbindende Funktion des gemeinsamen Essens. "Der Familientisch schafft einen Platz daheim, an dem man sich gerne versammelt. Fehlt er, gibt es oft kein Familienleben", so der Forscher. Selbst Jugendliche, die nicht gerne kochen, gaben in Befragungen an, dies nachholen zu wollen für den Zeitpunkt, in dem sie das Haus verlassen.

Widersprüchliche Trends in Nordeuropa

Für Jean-Claude Kaufmann, Autor des Buches "Kochende Leidenschaft", betont die Küche im protestantischen Nordeuropa die Freiheit des Einzelnen, im katholischen Süden die Familie. Zugleich gebe es aktuell zwei widersprüchliche Trends. "Einerseits naschen Menschen öfters oder bereiten ein schnelles Essen vor. Kompensiert wird dies, indem man zu gewissen Zeiten sehr wohl ausgiebig und mit Leidenschaft kocht und die Familie um den Tisch versammelt. Kochen ist somit zum beliebten Hobby geworden", so der französische Soziologe von der Pariser Sorbonne.

Dass sich die Küche verändert, sehen beide Experten. "Die Auswahl der Zutaten und Gerichte ist mit der Globalisierung enorm gestiegen", so Kaufmann. Simmons führt auch das Spezialwissen über neue Küchengeräte an, sowie die Sicht der jungen Generation, dass Kochen nicht mehr allein die Aufgabe der Frau sei. In den Worten Kaufmanns: "Nach wie vor wollen sich Männer aus Faulheit kaum die Hände an Hausarbeit schmutzig machen. Kochen ist hier zur Ausnahme geworden, wobei Männer eher dann ans Werk gehen, wenn sie sich vor einem Publikum beweisen können, das ihre Kunst und Kreativität lobt." Was Geschirrspülen und Wegräumen betrifft, gebe es hingegen noch Rückstände. Insgesamt könnte sich das häusliche Kochen in Veränderung befinden, vom kochen "müssen" zum kochen "wollen".

Verlust wäre Kulturverlust

Aus den Wohnungen verschwinden wird die Küche jedenfalls nicht, so die Experten unisono. "Schon 1970 haben einige Architekten gedacht, dass die Küche sich auf eine winzige Stelle mit einigen technischen Geräten reduzieren wird. In der Praxis zeigte sich jedoch ein stiller Protest der Menschen gegen solche Ideen. Heute geht der Trend eindeutig wieder in Richtung einer Vergrößerung der Küche, in der man einen wesentlichen Teil des Lebens zuhause verbringt", betont Kaufmann.

Kochen bereichert die Kulturgeschichte des Menschen, so die Analyse von Franz Wuketits vom Wiener Institut für Wissenschaftstheorie. "Die Erfindung des Kochens hatte weitreichende Folgen für die Biologie, Gesellschaft und auch Kultur. Unmittelbar liegt auf der Hand, dass sich gekochte Nahrung leichter kauen lässt als Rohkost. Doch da es bei allen Völkern verbreitet ist, kann man das Kochen auch als Gattungsmerkmal des Menschen sehen", so der Philosoph. Der Verlust des Kochens würde somit einem Kulturverlust gleichkommen. (pte/red)

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    foto: derstandard.at
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