Radikale Islamisten drohen Fußballfans

17. Juni 2010, 12:08
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Milizen bestrafen Ansehen der Spiele im Fernsehen - Auspeitschung droht

Mogadischu - Wer sich in Somalia Spiele der derzeit in Südafrika stattfindenden Fußball-WM im Fernsehen anschauen möchte, muss mit Bestrafungen rechnen. Radikalislamische Milizen, die große Teile des Krisenstaates am Horn von Afrika kontrollieren, drohen mit drakonischen Strafen für alle, die sich an dem als "un-islamisch" verteufelten Sport erfreuen wollen.

"Ich warne die somalische Jugend", drohte etwa Sheikh Mohamed Abdi Aros, Sprecher der Miliz Hizbul Islam. "Sie soll es nicht wagen, diese WM-Spiele anzusehen. Das ist Zeit- und Geldverschwendung." Auch am Freitag dürfte in den von den Radikalen kontrollierten Moscheen wieder gegen die WM und die Begeisterung fürs runde Leder gepredigt werden.

Hizbul Islam zeigte gleich an den ersten WM-Tagen, dass es den Islamisten mit ihren Drohungen ernst ist: Am Samstag wurden während des Spiels Nigeria-Argentinien zwei junge Männer erschossen, die das Spiel im Fernsehen ansahen. Wenig später wurden in der Region Afgoye, etwa 60 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Mogadischu, nach arabischen Medienberichten mehr als 30 Jugendliche und junge Männer festgenommen. Sie hatten trotz Verbots das Spiel Deutschland - Australien gesehen. Ihnen drohen nun öffentliche Auspeitschungen.

Einstiges Nationalstadion ein Ausbildungsgelände der Islamisten

Auch die Al-Shabaab-Miliz, die wegen ihrer El Kaida-Kontakte von den USA und anderen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, verhängte einen Fußballbann. Die somalische Fußball-Nationalmannschaft kann nur unter Polizeischutz trainieren, das einstige Nationalstadion in Mogadischu ist inzwischen ein Ausbildungsgelände der Islamisten.

"Vor vier Jahren haben Fans, die zu Hause keinen Fernseher hatten, die Übertragungen im Kino sehen können", erinnert sich ein Fußballfan in Mogadischu wehmütig. "Aber Al-Shabaab hat alle Kinos schließen lassen, weil sie unislamisch sind." Nur in den wenigen Teilen Mogadischus, die von den Truppen der schwachen und hilflosen Übergangsregierung kontrolliert werden, können Fußballliebhaber noch ins Kino gehen und die WM erleben.

"Wir wagen nicht zu jubeln, damit uns niemand hört"

Glück hat, wer ein Fernsehgerät und eine Satellitenschüssel besitzt und heimlich zu Hause die Spiele verfolgen kann. Doch von einem richtigen Fußballabend, an dem nicht nur mitgefiebert, sondern auch mit gejubelt wird, sind diese Treffen des "Fußball-Untergrunds" weit entfernt. "Wir drehen den Ton ab und schauen uns ganz leise die Übertragung an", verrät Mowlid Abdulkadir Farah, der sich von den Radikalen die Freude am Fußball nicht gänzlich nehmen lassen will. "Aber wir horchen immer, was sich draußen tut und wagen nicht zu jubeln, damit uns niemand hört."

Auch Ibrahim Ahmed Saed aus Mogadischu widersetzt sich in aller Stille dem Fußballverbot. "Ich habe schon soviel in den Fernseher und den Satellitenempfänger investiert, nur um die WM-Spiele zu sehen", sagt er. "Nun kann ich einfach nicht aufgeben. Ich muss die Spiele sehen."

Saed hat Angst vor Strafe und wird nur eine "stumme" WM genießen können. Der Anhänger der italienischen Mannschaft kann die Haltung der Islamisten nicht verstehen, gibt es doch selbst in so streng muslimischen Ländern wie Saudi Arabien, Kuwait oder dem Iran ganz legal Fußballmannschaften und -spiele. "Ich bete zu Allah, und ich komme all meinen religiösen Pflichten nach", versichert er. "Aber die Spiele sehe ich mir trotzdem an. Das hat nichts mit meinem Glauben an Allah zu tun." (APA)

  • Ein somalischer Fußballfan während des Vorrundenspiels Ghana gegen Serbien.
    foto: epa/badri media

    Ein somalischer Fußballfan während des Vorrundenspiels Ghana gegen Serbien.

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