"Sie schauen gleichzeitig auf uns herab und zu uns auf"

21. Juni 2010, 15:56
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Nicht der Journalismus leidet unter dem Siechtum des US-Zeitungsmarkts, sagt Dan Froomkin von der "Huffington Post"

"Ich finde die Aussicht noch immer toll", sagt Dan Froomkin und blickt von der Dachterrasse des Huffington-Post-Büros. Ihm gegenüber ragt das Washington Monument in den heißen Junidunst, der über der US-Haupstadt liegt. Seit Juli 2009 ist Froomkin hier Büroleiter und Chef-Korrespondent der Internetzeitung. Vorher diente er zwölf Jahre lang der Internetseite der renommierten Washington Post als Autor und Redakteur, etwa mit seinem Blog White House Watch. Daneben arbeitet Froomkin für die Journalimus-Monitoringseite Nieman Watchdog. Im Interview mit derStandard.at erklärt er unter anderem, warum die Zeitungen an ihrer Krise selbst schuld sind.

derStandard.at: Der US-Tageszeitungsmarkt hat zwischen 2007 und 2009 30 Prozent an Einnahmen eingebüßt. Wie sehr fühlen sich Internetjournalisten wie Sie schuldig an der Krise?

Dan Froomkin: Das Internet trägt nicht die Schuld an der Krise der Zeitungen. Zwei Gründe sprechen dagegen: erstens glaube ich, dass die Zeitungen im Laufe der Jahre als Produkt einfach schlechter geworden sind. Viele sind nicht mehr dem Leben der Menschen, die sie lesen, angemessen, passen nicht mehr zu der Hightech-Welt, in denen die Leser teils leben.

Und zum Zweiten: hätten die Zeitungen sich zu Beginn aggressiv dem Internet zugewandt, ginge es ihnen heute besser. Ein Fakt ist aber auch, dass die Tageszeitungen heute mehr gelesen werden denn je, nur das traditionelle Produkt Printzeitung hat nicht mehr den Stellenwert, den es früher hatte.

derStandard.at: Gerade die internationale Berichterstattung leidet besonders unter der Baisse. Was bedeutet das für ein Land, das derart stark von Zuwanderung lebt und zudem zwei Kriege in Asien führt?

Dan Froomkin: Das ist ein sehr deprimierendes Thema. Die Krise ist wie ein Sturm durch die Medien gefegt, außenpolitische Berichterstattung ist teuer, deshalb haben die zum Sparen gezwungenen Medien bei ihr begonnen. Das wird noch davon verstärkt, dass es sowieso kein übermäßiges Interesse an Außenpolitik gibt, die Menschen lesen auch im Internet nicht viel darüber.

Dieses Land hat immer schon nach innen geblickt, schon vor der Krise der Zeitungen. Das wird mehr und mehr zum Problem, die Amerikaner müssten eigentlich viel mehr darüber wissen, was in der Welt los ist und wie die Welt Amerika sieht. Nur eine kleine Elite liest ausländische Medien, die ihnen diesen Blick vermitteln.

derStandard.at: Aber war das nicht immer schon ein Problem?

Froomkin: Gerade jetzt ist Amerika drauf und dran, seine politische und intellektuelle Dominanz einzubüßen. Ich glaube nicht, dass vielen Amerikanern bewusst ist, dass sich der Platz ihres Landes auf der Welt verändert hat. Das sollte ihnen aber bewusst sein, sonst gibt es ein böses Erwachen, wenn sie es herausfinden.

derStandard.at: Wie sehr lebt das alte Triumvirat des US-Journalismus, "check, re-check, double-check", im Netz weiter?

Froomkin: Es stimmt schon, dass das diese Qualität, wie man sie von den alten Zeitungshäusern kennt, von vielen Seiten im Netz nicht geboten werden kann. Auch nicht von den Internetseiten dieser alten Zeitungshäuser. Einfach, weil der Druck, Dinge schnell und als Erstes zu veröffentlichen, immens groß ist. Das Motto dieser Unternehmen ist "Get it right and get it first", aber natürlich leidet auf lange Sicht "Get it right" unter diesem Druck.

Da hat man dann zwei Möglichkeiten, entweder man verzögert den ganzen Prozess, indem man Serien von Checks durchführt. Oder man tut alles dafür, die Geschichte schon beim ersten Mal richtig zu erzählen. Und wenn dann doch ein Fehler passiert, diesen so transparent und so schnell wie möglich zu verbessern.

derStandard.at: "Huffington Post" gilt als liberales Medium, "Drudge Report" als konservatives. Braucht es diese gewisse Parteilichkeit im Internet, um Leser anzulocken?

Froomkin: Ich würde es nicht Parteilichkeit nennen. Wir sind ja auch den Demokraten gegenüber sehr kritisch. Solange der inhaltliche Blick überwiegt, hat diese Zuordnung aber sicherlich auch Vorteile, weil man Menschen anzieht und versammelt. Jedenfalls dann, wenn man seriösen Journalismus betreibt. Ich denke, dass wir das tun. Ich finde das im Übrigen ehrlicher als diese vorgebliche Ausgewogenheit, die man in einer durchschnittlichen Tageszeitung in den Vereinigten Staaten findet.

derStandard.at: Haben Sie das Gefühl, dass Kollegen aus diesen "durchschnittlichen Tageszeitungen" auf Sie als Internetjournalisten herabschauen?

Froomkin: Ja und nein. Sie fühlen sich bedroht von Websiten, die sie als Parasiten ihrer Arbeit betrachten. Von da kommt ihre Geringschätzung. Diese Tendenz wird aber bald verschwunden sein, glaube ich. Je mehr selbst produzierten Inhalt die Menschen auf den Websiten lesen, desto schneller. Auf der anderen Seite schicken uns die Traditionsblätter massenhaft Anfragen, ob wir ihre Geschichten nicht verlinken wollen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Sie schauen also gleichzeitig auf uns herab und zu uns auf.

derStandard.at: Ihre Meinung zu Wikileaks würde mich interessieren. Ist das Journalismus?

Froomkin: Ich bin ein großer Fan von Wikileaks, es kommt aber darauf an, wie man Journalismus definiert. Wenn man sagt, Journalismus müsse den Menschen erklären, was die Mächtigen ihnen verschweigen, dann macht Wikileaks einen fantastischen Job. Sie lösen dort auch ein, was man sich vom Internet eigentlich erhofft hat, das bisher aber nicht funktioniert hat: Whistle-Blower haben einen Platz gefunden.

derStandard.at: Und wie geht's weiter mit Internetjournalismus?

Froomkin: Was sicher stimmt ist, dass soziale Netzwerke noch wichtiger werden. Ich kann mir vorstellen, dass immer mehr mobile Geräte zum Einsatz kommen werden. Eine Netzzeitung, die genau darauf abgestimmt ist, wo man sich gerade befindet, das könnte das nächste große Ding werden, zumindest bei lokalen Blättern. Das war jetzt leider eine langweilige Antwort, sorry. (Florian Niederndorfer/derStandard.at, 20.6.2010)

  • "Die Amerikaner müssten eigentlich viel mehr darüber wissen, was in der Welt los ist und wie die Welt Amerika sieht."
    foto: derstandard.at/flon

    "Die Amerikaner müssten eigentlich viel mehr darüber wissen, was in der Welt los ist und wie die Welt Amerika sieht."

  • Dan Froomkin im "Lincoln"-Raum des Washingtoner Büros der "Huffington Post".
    foto: derstandard.at/flon

    Dan Froomkin im "Lincoln"-Raum des Washingtoner Büros der "Huffington Post".

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