Südafrika sucht neue Identität

24. Juni 2010, 09:49
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"Development through Soccer" – Aids-Aufklärung in Südafrika durch die Magie des Fußballs

Der Fußball nicht nur als Fetisch, sondern auch als missionarisches Werkzeug: Für die Kinder ist die Aufgabenstellung am Fußballplatz klar aber nicht einfach, sie müssen den Ball um in gleichen Abständen platzierte Hütchen herum dribbeln. Wirft ein Kind ein Hütchen um, gibt es eine Strafe für alle. Liegestütz oder Kniebeugen etwa. In den von NGOs mitfinanzierten Fußballschulen von Südafrika lernen sie nicht nur Technik, sondern fürs Leben. Nach den Übungseinheiten gibt es eine Besprechung mit den Trainern und dabei stellt sich die Frage wie man das Szenario auf das wirkliche Leben übertragen kann. Am Beispiel HIV. Wenn eine Person in der Gemeinde ungeschützt Sex hat und den Virus weitergibt, betrifft das alle.

FIFA erzürnt Aids-Organisationen

In Südafrika sind über fünfeinhalb Millionen Menschen HIV-positiv. Jede dritte junge Frau, jeder vierte junge Mann, eine Viertelmillion Kleinkinder, insgesamt etwa 25 Prozent der Bevölkerung. Dieser Tage kickt jedenfalls die Bafana Bafana um WM-Glorie und lenkt ab vom Elend. Genauso wie der Weltfußballverband FIFA, der eine perfekt inszenierte Weltmeisterschaft organisiert hat und keine unangenehmen Nebengeräusche braucht.

So dürfen NGOs auf Geheiß der FIFA während der WM keine Informationsstände errichten und Kondome verteilen. Jemand, der über ob derartiger Vorkommnisse den Kopf schüttelt, ist Johannes Hillje, Leiter von "kickHIV!", einem Projekt der deutschen NGO "GoAhead!": "Einfach unverantwortlich, dass so etwas knallhart verboten wird. Man kann die sozialen Probleme nicht ausblenden. Es gibt nicht nur schöne Stadien in Südafrika, sondern auch eine Aids-Pandemie."

Vertrauen in den Trainer

"KickHIV!" sammelt Spenden in Deutschland für zwei "Development Through Soccer"-Programme, die Fußball und Aidsaufklärung in Südafrika verbinden. Fußball ist der bei weitem populärste Sport, die Sportpädagogik soll helfen ein sensibles und tabuisiertes Thema mit so vielen Kindern wie möglich zu besprechen. "Der Trainer ist eine andere Respektsperson als der Klassenlehrer. Man kennt das ja selber: Was man in der Schule hört, geht beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus. Der Fußballtrainer genießt Respekt und die Kinder hören zu, weil er Dinge vermittelt, die sie interessieren", sagt Hillje.

Die Arbeit trägt erste Früchte, eine Studie der Hilfsorganisation "Grass Root Soccer" belegt, dass durch Aufklärung ein gehobenes Bewusstsein über Verhütungsmethoden gegen HIV/Aids wie beispielsweise Abstinenz, Treue und dem Gebrauch von Kondomen besteht. Im Nachbarland Simbabwe stieg in geförderten Schulen der Prozentsatz an Schülern, die drei Leute nennen konnten, mit denen sie über HIV sprechen können von 33 auf 72 Prozent. 

Kondom als Affront gegen die Männlichkeit

Auf internationalen Druck kommt der Kampf gegen das Virus und seine Folgen langsam in die Gänge. Aids raft derweil die arbeitsfähige Bevölkerung dahin und zurück bleiben Kinder und Jugendliche ohne Hilfe: 2,5 Millionen Waisen gibt es in Südafrika. Fragwürdig ist vor allem der Umgang der Eliten mit der Krankheit. Manto Tshabalala-Msimang, in der Vorgängerregierung Thabo Mbekis Gesundheitsministerin, sagte einst, dass "rote Rüben und Zitronensaft gegen die Infektion wirken". In den Medien prahlen Kicker mit ihrer exzessiven Lebensart, dazu gehören Kinder von verschiedenen Frauen", schreibt Ronny Blaschke für die Deutsche Akademie für Fußballkultur.

Die Politik agierte lange Zeit unentschlossen. Der erste Präsident des freien Südafrika, Nelson Mandela, dessen Sohn in den 90er Jahren an Aids verstarb, schwieg lange. Mandelas Nachfolger Mbeki führte dieses "Erbe" fort, Tausende starben unnötig früh. Jacob Zuma, der jetzige Präsident sagte 2005, er dusche einfach nach ungeschütztem Sex. Mittlerweile gibt es immerhin ein Finanzierungsplan, der jährlich eine Milliarde Euro für Prävention vorsieht. Ein Problem ist auch die gesellschaftlichen Kultur, die über kaum werteorientierte Sexualität verfügt. "Kulturelle Traditionen, wie Polygamie bei den Zulus, kann man nicht von heute auf morgen verändern. Es gibt aber ein Umdenken. Die Eliten sind natürlich trotzdem nicht so gefährdet, darum setzen wir mit unseren Projekten bei den Menschen ganz unten an", sagt Johannes Hillje.

Programme in allen Provinzen als Ziel

Sein Projekt "kickHIV!" hat bereits 26.000 Euro an Spendengeldern gesammelt, angestrebt wird freilich eine viel höhere Summe. Mit dem Geld wird in den Schulen und Nachhilfezentren allerlei finanziert: Das Gehalt und die Ausbildung von Trainern, Unterrichts- und Sportmaterialen, Mahlzeiten für die Kinder oder Bustickets. "Die Rechnung ist einfach", sagt Hillje, "mit 8.000 Euro können wir in einer Provinz ein komplettes Fußballprogramm anbieten. Südafrika hat neun Provinzen, das wären dann also 72.000 Euro. Da könnte man schon ganz viele Kinder erreichen, pro Nachhilfezentrum gibt es 400 Aidswaisen".

Und aufzuklären gäbe es in Südafrika sowieso noch genug: Da wäre die umstrittene Haltung des Vatikan zu Aids; die vielen traditionellen Heiler, die den Leuten Wunder und Genesung vorgaukeln und die fast okkult agierenden Freikirchen. Hillje: "Das nationale Aids-Bekämpfungsprogramm ist ein Fortschritt und zeigt, dass die schlimme Situation eingestanden wird." (Florian Vetter, derStandard.at, 24.6.2010)

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    Eine zentrale Botschaft für die Kinder in Südafrikas Fußballschulen: Aids ist kein Spiel.

  • Aids bleibt eines der größten Entwicklungshindernisse Südafrikas. 5,7 Millionen Menschen sollen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) infiziert sein.
    foto: epa/johannesburg star/kim ludbrook

    Aids bleibt eines der größten Entwicklungshindernisse Südafrikas. 5,7 Millionen Menschen sollen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) infiziert sein.

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