Eine Art Kopfoper

16. Juni 2010, 23:11
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"Tannhäuser" an der Wiener Staatsoper: Jubel und Buhrufe für Regisseur Claus Guth

Wien - Noch-Direktor Ioan Holender hinterlässt seinem Nachfolger nicht nur Finanzreserven von 11,8 Millionen Euro, sondern auch die ambitionierte Inszenierung eines Werkes, das ins Repertoire der Staatsoper gehört. Regisseur Claus Guth (am Ende bejubelt und ausgebuht), verlegt das Geschehen von Wagners "Tannhäuser" dabei ins Wien der Jahrhundertwende. Man sieht das Hotel Orient, in dem Tannhäuser von seinen sich vergnügenden "Freunden" Moralpredigten erhält.

Man landet im Schwindfoyer der Staatsoper, wo es zu einer ambivalenten Wiederbegegnung mit Elisabeth kommt. Und da ist am Ende auch eine Anstalt für ramponierte Seelen, in der der Sänger liegt, womit klar wurde, was schon klar war: Alles spielt sich im Kopf von Tannhäuser ab; er ist der träumend halluzinierende Patient, für den es keine Rettung gibt. Die musikalische Seite des Ganzen hat hohes Niveau: Johann Botha (als Tannhäuser) ist vokal nach wie vor ein toller Mix aus Kraft und Klarheit. Darstellerisch wirkt er als jener Fels in der szenischen Brandung, der mitunter an der Grenze zur unfreiwilligen Komik entlangagiert.

Christian Gerhaher (als Wolfram) präsentiert sich hingegen als jener grandiose lyrische Bariton, der mit darstellerischen Zwischentönen für Glanz sorgt; intensiv und glaubwürdig auch Anja Kampe (als Elisabeth). Franz Welser-Möst und das Staatsopernorchester sorgen für Farbzauber, Dynamik, sinnvolle Akzente und eine Intensität, die aus der drängenden Ästhetik des Dirigenten erwächst. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2010)

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