Stockholm will neue Atomkraftwerke bauen

17. Juni 2010, 21:05

Parlament macht Atomausstieg rückgängig - Abschied von der Kernenergie war 1980 per Volksabstimmung beschlossen worden

Zwei Jahre nach Österreichs Zwentendorf-Abstimmung stimmten die Schweden 1980 für einen Ausstieg aus der Kernenergie. Doch die Stimmung der Bevölkerung hat sich gewandelt. Heute ist eine Mehrheit für Atomkraft.

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Schweden will das jahrzehntelange Verbot des Neubaus von Kernreaktoren aufheben und stattdessen den Bau neuer Anlagen gestatten, um ausgediente zu ersetzen. Dieser historische Beschluss wurde im Stockholmer Reichstag für den Donnerstagabend erwartet. Die Annahme des Gesetzes mit den Stimmen der vier bürgerlichen Koalitionsparteien galt als wahrscheinlich. Vor allem innerhalb der Zentrumspartei, kleiner Koalitionspartner der Regierung von Premier Fredrik Reinfeldt, hatte es einigen Widerstand gegen den Beschluss gegeben.

Mit dem Kippen des alten Gesetzes, das seit 1980 den Bau neuer Atomkraftwerke strikt untersagt hatte, fällt in Schweden ein Tabu. Ein Tabu freilich, dessen Bruch im Ausland wohl für weitaus mehr Aufmerksamkeit sorgen dürfte als in Schweden selbst. Dass vor dem Votum am Donnerstag massive Proteste ausblieben, kann denn auch als Fingerzeig auf das politische Klima in Schweden gelten: Das Land, einst an der Speerspitze der europäischen Anti-AKW-Bewegung, ist für Atomkraftgegner schon lange kein Leuchtturm mehr. Im Gegenteil gehört Schweden mittlerweile zu den Nationen, die weltweit am stärksten auf die umstrittene Energieform setzen: Die Hälfte des Energiebedarfs wird aus Atomkraft gewonnen. Die restlichen 50 Prozent werden durch Wasserkraft erzeugt, auch wenn die Regierung unter Fredrik Reinfeldt kürzlich einen umfassenden Ausbau von Windenergie-Anlagen beschloss.

Seit 1980, als die Schweden unter dem Eindruck der Harrisburg-Katastrophe für den Atomausstieg stimmten, hat sich in der Bevölkerung und innerhalb der politischen Eliten ein massiver Stimmungswandel vollzogen. Heute befürworten acht von zehn Schweden eine gesteigerte Anwendung dieser Energiequelle; in seltener Einigkeit sagen nicht zuletzt Gewerkschaften und Arbeitgeber grundsätzlich Ja zur Kernkraft.

Seit Mitte der 1990er-Jahre sind die Sympathien für die Kernkraft stetig gestiegen. Die Atomkraft gilt ihren Befürwortern als "saubere" Energiequelle, die nicht zum Ausstoß von Kohlendioxid und zur globalen Erwärmung beiträgt. Und sie gilt als Voraussetzung für eine stabile Energieversorgung und somit für Wirtschaftskraft - ein Argument, das unter dem Eindruck der Finanzkrise weiter an Gewicht gewonnen hat. Für einen Kernkraftausstieg fehlen Schweden, das ausdrücklich nicht auf fossile Energiequellen setzen will, bisher reale Alternativen. Ein weiterer Ausbau der Wasserkraft ist umweltpolitisch beinahe ebenso umstritten wie Kernenergie. Die geplanten Windkraftwerke können nur für einen geringen Teil zur Energiebilanz beitragen.

Die weitverbreitete Sympathie für die Kernkraft mag ein Grund dafür sein, dass die zahlreichen Sicherheitsmängel, Pleiten und Pannen, die in den vergangenen Jahren aus schwedischen Kernkraftwerken vermeldet wurden, bei der Öffentlichkeit jeweils nur für eher geringe Aufregung sorgen konnten.

Die Greenpeace-Aktivisten, die am Donnerstag in Stockholm vor Gericht standen, sind für die zweifelhafte Sicherheit in Schwedens Atomkraftwerken beredtes Beispiel: Ihnen war es am Montag problemlos gelungen, in das Gelände des Kernkraftwerks Forsmark einzudringen und dort ihre Protest-Transparente zu entrollen - gegen das Votum, welches Schweden in Zukunft noch enger an die Atomenergie binden soll. (Anne Rentzsch aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2010)

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Chocoholic
00
22.6.2010, 09:44
Hoechste Zeit, das Land zu wechseln.

Wenn man dann noch bedenkt, dass dieses Land gerade waehrend der haertesten Zeit im Winter dann noch die Preise hochschnellen laesst, weiss, wie 'sozial' Schweden wirklich ist ....

krokokater
 
02
18.6.2010, 18:59
Kommentar zum Artikel der NZZ

Matthias Drews (18. Juni 2010, 16:19)
Wunschdenken der Atom- Lobbyisten
Die Schwedische Regierung hat ausserdem festgelegt, dass neue Atomkraftwerke rein privatwirtschaftlich erstellt werden müssen, also ohne Staatsbürgschaften und Subventionen. Dazu kommt der Beschluss, dass sie bei einem Unfall die volle Haftung übernehmen müssen. Das bedeutet nichts anderes, als dass in Schweden auch in Zukunft keine neuen AKWs gebaut werden. Träumt weiter Atomfreunde, ein AKW ohne Steuermilliarden hat es noch nie gegeben und es wird auch nie eins geben, weil diese Technologie viel zu riskant und zu teuer ist.
Das beste Beispiel für dieses finanzielle Desaster kann man gerade im finischen Olkiluoto besichtigen.

Odo
00
18.6.2010, 03:42
Wenn selbst Herr Obama als (angeblicher) Vorreiter des Umwelt- und Klimaschutzes in den USA neue Atomkraftwerke gut findet, warum sollten die Schweden da anderer Meinung sein?

http://derstandard.at/126585215... hren-bauen

Naeich
 
02
17.6.2010, 23:39
Bin schon gespannt ....

wie die Politiker und Firmen-CEOs das dann abhandeln werden, wenn statt einem "oil-spill" ein kleiner "radioactive-spill" oder sonst ein kleiner Nuklearunfall passiert. Kleiner vergessener Schalter, Wassereinbruch im staatlich finanzierten Salzbergwerk-Endlager oder sonst eine Kleinigkeit, wo die Folgen nicht von Bakterien und chemisch innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten abgebaut werden, sondern halt ein paar Tausend Jahre (oder laenger) vor sich hin strahlen.

Ivan Bukov
20
18.6.2010, 08:39

Die Laender stehen vor einer Entscheidung und Schweden hat hiermit die Wahl getroffen. Nachdem ein "Radioactive spill" in modernen Reaktoren (z.b. EPR) praktisch auszuschliessen ist darf ich sie beruhigen, die Umwelt wird sich sogar verbessern

C18H27NO3
03
18.6.2010, 10:20

Ich verweise hier auf das zitat: "absaufende lager" ASSE2 in D (was durchaus ein nuclear spill ist) und die Geschichte von Forsmark in Schweden und erspare mir jeglichen weiteren kommentar...

Ivan Bukov
00
22.6.2010, 12:01

Die von ihnen genannten AKWs sind mindestens 30 Jahre alt!
Das ist doch Schwachsinn und das waere ungefaehr so als wuerden sie sich gegen einen neuen Passat aussprechen weil der Lada 1300 Baujahr 1986 ein unsicheres Auto ist!

C18H27NO3
00
15.7.2010, 08:13

mit einem neuen passat kann man genauso einen unfall bauen wie mit einem alten lada! Glauben sie nicht? Ein blick auf die strasse sollte reichen... Sichererer? Ja! Absolute Sicherheit gibts nicht. Das sind feuchte wunschträume.

Ivan Bukov
00
15.7.2010, 09:53

Tja leider gehts ohne Auto aber nicht!

Milchleber
00
17.6.2010, 16:01
CO2-Tellerrand

wenn nur CO2 als Messlatte genommen wird, ist klar, dass man zu diesem Wahnsinn zurückkehrt ... weil die Schäden durch Strahlung und die Abfallproblematik fallen im Moment noch in keine medienwirksame Umweltstatistik ...

penguin_from_hell
00
18.6.2010, 09:22

Vergessen werden hierbei fast immer auch die Schäden und den enormen Energieaufwand bei der Gewinnung, Aufbereitung und dem Transport zu erwähnen und zu berücksichtigen.
Das sind Faktoren die gerne unter den Tisch gekehrt werden.

Simplicius Simplicissimus
11
17.6.2010, 15:25
Die Schweden sind ...

... die Diktatoren Europas. Mit sehr sichtbaren Merkmalen zur brauner Farbe.

Katze in der Fensterbank
01
17.6.2010, 20:41
Je in Schweden gewesen?

Gegen den durchschnittlichen Schweden wirken Österreicher wohl eher wie Diktatoren.

Chocoholic
00
22.6.2010, 09:46
Ja, ich habe hier ueber 6 Jahre gelebt: ich bestaetige es>

es geht in Richtung kommunistische Diktatur. Hier geht es nicht um die einzelnen persoenlichen Begegnungen, hier geht es um die Art und Weise, wie Gesetze und Entscheidungen eingefuehrt und durchgefuehrt werden.

Aufmupfen gibt es fast nicht, sind doch alle EinwohnerInnen normalerweise gut finanziell abgespeist. Entweder durch eigene Erwerbsarbeit oder durch staatliche Windelwickler.

Dorian Gray
04
17.6.2010, 13:14
Wenn die Atommeiler alle mal Leck werden,

wird die angebliche Klimaerwärmung wohl das geringste Problem darstellen.

Wenn mal schweden umschwenkt hat die Atomlobby
mit den gesponserten Klimaschmäh wohl einen
Volltreffer gelandet.

ente,ente,ente,ente,ente,ente,ente,...
14
17.6.2010, 12:51

wenn schon subventionen, dann gleich für erneuerbare energien wie sonne, wasser, wind.
ein windrad fliegt mir wenigstens nicht um die ohren. ausser ich steh bei einem orkan drunter...

dieDenker.org/oberdenker
00
17.6.2010, 12:02
Fast schon verwerflich...

...den Umweltschutz (genauer: Klimaschutz) als Argument für die Atomkraft zu verwenden:

http://www.diedenker.org/inhalte/v... .php?t=828

Fisch^^Fisch
02
17.6.2010, 11:48
Wenn das die Schweden machen

bekommen wir dann auch neue AKW?

Schweden ist ja schließlich das Vorbild für alles und jeden..

PaterPäderasty
03
17.6.2010, 13:24
...hol Dir eins von IKEA zum Selbstbau mit Anleitung.

MCU
03
17.6.2010, 12:09
Atomstrom kaufen wir eh von Deutschland und Frankreich ein,

da brauchen wir nicht unbedingt selber bauen.

GreyPaladin
01
17.6.2010, 15:17

ist das der strom mitm gelben mascherl?

Chocoholic
00
22.6.2010, 09:47
Sie werden es nicht glauben, aber viele verkaufen tatsaechlich Atomstrom als die 'sauberere' Energiegewinnung ;)

GreyPaladin
00
23.6.2010, 14:15

Darauf wollte ich gar nicht anspielen....

C18H27NO3
47
17.6.2010, 11:46

Ob man jetzt zu den bestehenden ~200 Kraftwerken noch ein paar ersetzt oder nicht, das sehe ich ziemlich entspannt: Uran ist ein endlicher brennstoff wie öl, Uran deckt nichtmal 10% des primärenergiebedarfs der menschheit (vgl. Gas:30%) und wird beim derzeitigen verbrauch zeitgleich mit gas knapp werden. Kernkraftwerke sind genauso wenig zukunftsfähig wie öl/gas/kohlekraftwerke.

Reedbeat
00
17.6.2010, 15:41

erdgas/fossiles-gas wird knapp werden. gibt ja noch co2-neutrales bio-gas, das kann nie knapp werden.

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