"Bach ist für mich zutiefst romantisch"

16. Juni 2010, 18:47
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Starpianist Martin Stadtfeld, der beim Klangraum in Waidhofen an der Ybbs gastiert, im Gespräch

Waidhofen/Ybbs - Der Vergleich hatte ja kommen müssen: Als der damals 22-jährige Martin Stadtfeld im Jahr 2002 als erster Bundesdeutscher den renommierten Leipziger Bach-Wettbewerb gewann, dauerte es nicht lange, bis die Rede davon war, hier sei ein neuer Glenn Gould aufgetaucht. Allerdings verbindet die beiden außer dem blitzartigen Karrierestart mit Bach und mit Anfang zwanzig nur wenig.

Sicher: Stadtfeld pflegt auch ein konsequentes Non-legato-Spiel, wie es das kanadische Enfant terrible bis zu manieristischer Härte kultiviert hatte. Doch ist er keineswegs ein Gould-Epigone, sondern bringt Ansätze mehrerer Interpretationsrichtungen zusammen und wählt daraus mitunter für jedes Stück ein anderes Klangbild, in dem auch fein abgestufte, sanfte Farben wie jene eines Murray Perahia ihren Platz finden.

Auch ein zweites Vorurteil müsste nun langsam ausgeräumt werden: das Bild von Stadtfeld als Bach-Spezialist, als der er allenthalben gehandelt wird. Zwar ist jenes Repertoire, mit dem er sich bislang an die breite Öffentlichkeit und in den CD-Markt gewagt hat (Sony Classical), noch recht überschaubar: Neben Bach hat er sich bislang vor allem auf Beethoven, Mozart und Schubert konzentriert.

Klug komponiertes Programm

Bach, so sagt Stadtfeld im Gespräch mit dem Standard, sei zwar für ihn "das Größte, die wichtigste Auseinandersetzung, mein Fundament - und überhaupt die Grundlage des Klavierspiels". Doch habe er, so der heute 30-Jährige, "schon in meiner Jugend ein großes Repertoire gehabt. Ich habe mich nie als Spezialist gefühlt. Alles hängt miteinander zusammen. Bach ist etwa für mich zutiefst romantisch. Musik ist eine einzige große Entwicklung."

Einen für ihn eher ungewohnten Auszug aus dieser "Entwicklung" bietet Stadtfeld, wenn er im Klangraum gastiert, wo prominente Pianisten regelmäßig gastieren. Zwar hat er auch Bach und die frühe Mozart-C-Dur-Sonate auf dem Programm, aber ebenso die Sonate von Alban Berg, Liszts Bach-Variationen und dessen Bearbeitungen von Wagners Tannhäuser-Ouvertüre sowie von Isoldes Liebestod. Ein klug komponiertes Programm voller Querbezüge, bei dem der Pianist auch unerwartete Zusammenhänge zwischen den Werken herstellt: "Die Stücke von Mozart und Berg stammen von jeweils 18- bis 19-jährigen Komponisten, die unglaublich expressiv sind. Beide sind blutjunge Genies, die sich mit einem großen Wurf der Öffentlichkeit präsentieren."

Wenn man mit Stadtfeld über den weiteren Umkreis seiner Tätigkeit spricht, klingt er allerdings ein wenig kulturpessimistisch: "Für mich wäre es ein großer Wunsch, dass klassische Musik wieder mehr in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt wäre. Zu schaffen macht mir, dass wir in einer Popmusikkultur leben. Dass drei Generationen nur mit Pop großgeworden sind, führt dazu, dass klassische Musik zu einer Nische wird."

Der Musiker will diesem Trend auf seine Weise entgegenwirken: Seit er bei der Reihe "Junge Wilde" des Konzerthauses Dortmund mitwirkte, geht er in Schulen, um zu spielen und "um über Musik zu sprechen. Nicht über mich - mit Starkult habe ich nichts am Hut. Aber gerade Musik von Bach hat offenbar auch bei Kindern und Jugendlichen eine ganz unmittelbare Wirkung." (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2010)

 

17. 6, 19.30 Uhr, Klangraum Waidhofen/Ybbs, Kristallsaal. Informationen und Karten: 07442/511-255

  • Martin Stadtfeld: "Fühle mich nicht als Spezialist."
    foto: corn

    Martin Stadtfeld: "Fühle mich nicht als Spezialist."

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