Gauck: "Bin nicht so schön wie Obama"

16. Juni 2010, 18:03
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Gauck genießt seinen Bundespräsidenten-Wahlkampf

"Herr Gauck, hier bitte, mehr nach links, ja danke, jetzt noch von der Seite." Geduldig posiert Joachim Gauck im Berliner Gorki-Theater für Dutzende Fotografen. Nicht eine Sekunde Pause ist dem rot-grünen Präsidentschaftskandidaten gegönnt, danach warten 90 Journalisten der Auslandspresse - einer von unzähligen Terminen, die Gauck dieser Tage absolviert.

Ob er sich nicht wie US-Präsident Barack Obama fühle, wird er gefragt. Überall nur Begeisterung für den DDR-Bürgerrechtler. "Ich bin ja nicht so jung und schön wie Obama" , sagt Gauck. Das Auditorium kichert. Ist das Ironie? Meint er es ernst? Ganz sicher kann man nicht sein, gestand doch Gauck im TV freimütig, eitel zu sein. Die Welle an Aufmerksamkeit, die ihm derzeit in Deutschland entgegenschlägt, genießt er sichtlich.

Warum aber kann er Menschen so begeistern, während viele bei Erwähnung des schwarz-gelben Konkurrenten Christian Wulff (CDU) nur seufzen? Er spüre eine "große Suchbewegung der Menschen nach einer Person, der sie vertrauen können" , sagt Gauck. Offenbar traue man ihm besser zu, "die Sprachlosigkeit zwischen Regierenden und Regierten zu überwinden." Deshalb brauche "Frau Merkel" keine Angst vor seinem eventuellen Sieg haben. Nie und nimmer wäre dies "ein Angriff auf die Kanzlerin" , sagt Gauck.

Er spricht druckreif von seiner "Liebe zur Freiheit" , kein "Äh" findet sich in den geschwungenen Sätzen, in denen sich bloß selten einfach Subjekt an Prädikat an Objekt reiht. Rhetorisch beeindrucken - das sei ja schön und gut, meint ein niederländischer Kollege. Aber würden einen Bundespräsidenten Gauck nicht schon bald die schnöden Amtsgeschäfte überfordern? Gauck erklärt, dass er sich ja von Juristen beraten lassen würde. Die Botschaft ist klar: Niemals würde er einfach alles hinwerfen, wie Horst Köhler es getan hat.

Dann bleibt ja nur noch eines zu klären: Herr Gauck, wären sie ein ostdeutscher-Präsident? Auch das verneint Gauck: "Ich kann westdeutsch sprechen und habe immer schon westdeutsch gedacht." (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2010)

  • Joachim Gauck will zwischen Volk und Regierung vermitteln.
    foto: epa/tim brakemeier


    Joachim Gauck will zwischen Volk und Regierung vermitteln.

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