Die WM hat ihre erste Topsensation

16. Juni 2010, 18:45
1066 Postings

Schweiz sorgt für bisher größte WM-Überraschung und bezwingt Europameister und Titelfavorit Spanien

Durban - Ottmar Hitzfeld, der deutsche Trainer der Schweizer, baute aus Österreichs EURO-Genossen 2008 einen tollen Riegel. Sie standen notgedrungenerweise tief gegen die trickreichen Spanier. Vicente del Bosque ließ den amtierenden Europameister zunächst ohne Fernando Torres auflaufen, den Siegestorschützen im Wiener EM-Finale gegen Deutschland. Der Liverpool-Stürmer wurde nach seiner Knieoperation im April noch geschont.

Die Schweizer wagten sich selten über die Mittellinie und machten damit den Raum knapp in der spanischen Angriffszone, was ja auch das einzige Rezept gegen das berühmte Tiqui-Taca, das Kurzpassspiel der Iberer ist. Die Spanier ließen den Ball laufen, zogen das übliche Power-Play auf, und je näher sie dem Strafraum kamen, desto dichter wurde die schweizerische Versammlung. Und wenn sie dann doch ein Loch bekam wie in der 24. Minute, als Gerard Pique nach einem Steilpass von Andres Iniesta Stephane Grichting aussteigen ließ und schoss, dichtete Goalie Diego Benaglio, der im Alltag für Wolfsburg fängt, ab. Es war die erste gute Chance in diesem Spiel. Auf der Gegenseite prüfte Reto Ziegler Spaniens Fänger Iker Casillas mit einem aufsitzenden Freistoß.

Die Reverenz der Schweizer, was die Defensive betritt, kann sich sehen lassen. Bereits als der englische Referee Howard Webb die Partie vor 60.000 Zuschauern im Moses-Mabhida-Stadion zu Durban anpfiff, hatten sie 394 gegentorlose Minuten hinter sich. Im Achtelfinale bei der WM 2006 in Deutschland schieden sie nach 0:0 gegen die Ukraine im Elferschießen aus. Das bisher letzte Tor kassierten sie 1994. Beim 0:3 gegen Spanien.

In der 36. Minute lieferten die Schweizer eine Groteske: Philippe Senderos säbelt in einer wahnwitzigen Aktion seinen Kollegen Stephan Lichtsteiner um, verletzt sich dabei und muss von Steve van Bergen ersetzt werden. Die Überlegenheit der Spanier führt erst in Minute 42 zur nächsten Chance. David Villa versuchte nach einem Sturmlauf Benaglio zu überheben, doch der Ball fiel neben das Tor.

Und nach der Pause kam es, wie es mitunter kommt. Wer kein Tor schießt wie Spanien, der kriegt eben eines. 52. Minute: Die Schweizer fahren einen ihrer äußerst raren Konter, zunächst scheitert Eren Derdiyok am hart attackierenden Casillas, doch im zweiten Versuch fixiert Gelson Fernandez das 1:0.

In der 61. Minute kamen Torres und Jesus Navas und brachten frischen Schwung ins spanische Spiel. Der Schweizer Riegel wankte. Aber er zerbrach nicht. Und wenn sich eine Lücke auftat, dann half das Glück. Wie bei einem mächtigen Lattenschuss von Xabi Alonso (74.). Die Spanier drückten. Und ließen in der 74. Minute Herrn Derdiyok entwischen, der zwei Iberer auf geradezu spanische Art aussteigen ließ und die Stange traf. Am Ende wurde der Schweiz noch bang. Erst nach mehr als 95 Minuten war der erste Sieg gegen Spanien im 19. Spiel Realität. (bez, DER STANDARD Printausgabe, 17.6.2010)

Gruppe H (1. Runde):

Spanien - Schweiz  0:1 (0:0). Durban, Moses-Mabhida-Stadion, 60.000, SR Howard Webb (England). 

Tor: 0:1 (52.) Fernandes

Spanien: Casillas - Ramos, Pique, Puyol, Capdevila - Busquets (62. Torres), Xabi Alonso - David Silva (62. Navas), Xavi, Iniesta (77. Pedro) - Villa

Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, Senderos (36. Von Bergen), Grichting, Ziegler - Barnetta (92. Eggimann), Huggel, Inler, Fernandes - Nkufo, Derdiyok (79. H. Yakin)

Gelbe Karten: keine bzw. Grichting, Ziegler, Benaglio, H. Yaki

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Schweiz schockt den Europameister.

Share if you care.