Vor Gipfel

Schwellenländer handeln sich an die Weltspitze

Lukas Sustala, 16. Juni 2010, 17:54

Kommission und Parlament gegen Rat - Gipfel diskutiert Finanztransaktionssteuer

Der Plan von Frankreich und Deutschland zur Bildung einer EU-Wirtschaftsregierung auf Ebene der Staats-und Regierungschefs stößt auf wachsenden Widerstand. Vor dem EU-Gipfel, der heute, Donnerstag, stattfindet, übten EU-Kommission und Europaparlament, die eine Abwertung befürchten, Kritik. Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte: "Die Kommission ist die Wirtschaftsregierung von Europa."

Der Vorsitzende der Sozialdemokraten im Parlament, Martin Schulz, warnt vor einem "deutsch-französischen Direktorium". Der Vizepräsident der Konservativen, Othmar Karas, befürchtet eine "Entmachtung von Parlament und Kommission". Auch in einigen kleineren Ländern werden die Ambitionen von Berlin und Paris mit Skepsis verfolgt. Bundeskanzler Werner Faymann stellte klar, dass die Wirtschaftsregierung mit keiner Abgabe von Kompetenzen oder einer Vertragsänderung verbunden sein dürfe.

***

Wien - Die Weltwirtschaft erlebt eine tektonische Plattenverschiebung, eine "Verschiebung des Reichtums" , so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In einer aktuellen Studie kommen OECD-Ökonomen zu dem Ergebnis, dass sich der Wohlstand weltweit stark in die Schwellenländer verlagern wird. Während heute der Anteil der aufholenden Nationen noch 49 Prozent am globalen Wirtschaftsprodukt beträgt, wird ihr Anteil 2030 bereits bei 57 Prozent liegen, so das Ergebnis.

"Die Finanzkrise hat einen bereits laufenden Prozess noch verstärkt" , sagen die Studienautoren. Denn während die USA und Europa laut aktuellen Prognosen der Economist Intelligence Unit für 2011 nur zwischen 0,9 und zwei Prozent wachsen dürften, dürften die Regionen der Schwellenländer zwischen Lateinamerika und Asien zwischen 4,1 und 4,4 Prozent wachsen. Dass die zweite und dritte Welt die Krise ohne nachhaltigen Wachstumseinbruch meistern konnte, hängt auch mit ihren neuen Handelsmustern zusammen. Heute handeln Schwellenländer immer stärker untereinander. 2008 etwa haben Emerging Markets bereits Güter im Wert von 2900 Milliarden Dollar gehandelt, genauso viel, wie mit den Industrieländern. Heute werden 20 Prozent des Welthandels bereits zwischen Schwellenländern abgewickelt, 1990 waren es 7,8 Prozent.

Die vertieften Handelsbeziehungen könnten auch für die Entwicklung in Afrika von entscheidender Bedeutung sein. Denn gerade Unternehmen und Staaten aus Asien haben in den ärmsten Kontinent investiert. Afrikas wichtigster Handelspartner ist China, das 2008 Güter um 50 Mrd. Dollar aus Afrika importiert hat. China war im Jahr 2009 zudem der größte Handelspartner von Brasilien, Indien und Südafrika.

Für die kommenden Jahre soll Afrika dank des wichtigeren Handels die am schnellsten wachsende Region weltweit sein. Die stärker hausgemachte Wirtschaftsdynamik in den Entwicklungsländern soll auch die globale Armutsbekämpfung unterstützen. In den 1990er-Jahren wurden 120 Millionen Menschen über die Armutsschwelle gehoben, in den 2000er- Jahren bereits 300 Millionen. Wachstum alleine könne die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte aber nicht sicherstellen, so die OECD-Ökonomen. Gerade arbeitsintensive Sektoren, etwa die Landwirtschaft, müssten wachsen, um die Armut zu reduzieren.

Schuldenkrise als Anstoß

Angesichts der europäischen Schuldenkrise blicken zudem immer mehr Investoren auf Schwellenländer und verschaffen so den Unternehmen dort größere Investitionsmöglichkeiten. Seit Jahresbeginn sind laut Daten von EPFR, einem US-Fondsanalysehaus, 11,9 Milliarden Dollar in Aktienfonds geflossen, die in Entwicklungsländer investieren. Auch in Anleihenfonds sind knapp zehn Milliarden Dollar investiert worden. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2010)

Kommentar posten
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Sophist1
00
17.6.2010, 13:08
Der Herr Schulz, den die eigene Partei als lauten aber.....

...mit wenig Kompetenz ausgestattetem Fraktionsführer ein wenig abschätzig behandelt, schwadroniert von einem Direktorium aus Frankreich und Deutschland als Menetekel. Ein solches Direktorium existiert nur im Hirn des Herrrn Schulz (und der Standard verbreitet diesen Usinn). Denn in dem gemeinsamen Brief von Frankreich und Deutschland ist explizied nicht die Rede von einem rotierenden Vorsitz und einem ständigen Sekretariat. Diese Regelung entspricht der deutschen Forderung, und widerspricht dem Willen Frankreichs, das unbedingt ein Gremium haben wollte,das sich in transnationale Wirtschaftsfragen einmischt und vor allem die Unabhängigkeit der EZB beenden wollte. Doch das ist jetzt Schnee von gestern.

Josef Obermaier
02
17.6.2010, 11:36
Euro ade!


Ohne Wirtschaftsregierung ist der Euro tot!

Er weiß es nur noch nicht!

Spätestens wenn dieser Rettungsschirm im Sünden verkunsumiert ist und die ersten Reformen wegen "Sozialer Kälte" zurückgefahren werden MUSS Deutschland aussteigen.

Und Frankreich wird farbe bekennen müssen: dolce vita oder Industriestaat.

Davon hängt dann die Größe des neuen Kerneuropas ab.

Wie es ausschaut ist das sozial verträumte Österreich jedenfalls nicht dabei sondern spielt in der Club-Med-Liga mit.

heiliger strohsack!
01
17.6.2010, 11:34
Bald wird es nur noch Schwellenländer geben.


Das ist die Richtung, in die es derzeit geht.

uncle sam3
00
17.6.2010, 11:28
typisch bürokraten:

ein verwaltungsproblem wird gelöst mit....

...noch mehr verwaltung.

PaterPäderasty
00
17.6.2010, 12:20
....Othmar Karas hat wohl Angst um seinen Job!

Von mir aus: keine Kommission kein EU-Parlament

Nur noch Wirtschaftsregierung

Ist so oder so keine ECHTE demokratische Struktur in diesen Institutionen.

Mit der Prämisse: Weniger EU-Abgeordnete (repräsentativ), weniger Funtkionäre, weniger Beamte.

Phil Phaust
00
17.6.2010, 10:37
hier regt sich jeder auf, vergisst aber:

1. der schilling war seit 1976 an die d-mark gebunden! die österreichische nationalbank hat sämtliche kursbewegungen mit der d-mark durchgeführt!

2. die d-mark war die härteste währung europas. allzu schlecht kann die wirtschaftspolitik daher nicht gewesen sein.

3. 2009 exportierte österreich 61,3% seiner waren in die eurozone, in die eu27 73,1%. 30% seiner waren exportiert österreich nach deutschland.

3. österreichs wirtschaftsinteressen sind zu ~90% mit den deutschen ident.


dass hier immer stammtischplauderer kommen mit "die armen kleinen länder"...

oder ist ihnen eine wirtschaftsregierung portugals, spaniens, griechenlands oder italiens lieber?

warum wohl sind deutsche staatsanleihen die begehrtesten in europa????

pepitant
02
17.6.2010, 11:23
Seit wann braucht denn

der freie Markt überhaupt eine politische Führung ? Oder was soll eine Wirtschaftsregierung sonst sein, außer einem blöden Schlagwort ? Will wirklich die Politik die Wirtschaft regieren, mit Vorbild Sowjetunion ? Oder läuft das nicht eher darauf raus, dass die Wirtschaft über die Politik regiert ?
Was de facto ohnehin schon zutrifft, sobald wer mit 300 Arbeitplätzen winkt oder mit deren Abzug droht.
Wer traut sich sowas noch als Demokratie zu bezeichnen ? Wenn wir die wieder haben wollen, werden wir sie uns schon holen müssen, die Machtpositionen wird freiwillig niemand verlassen wollen.

Sophist1
00
17.6.2010, 12:17
Es gibt auch dumme Fragen. Insoweit korrigiere ich die Behauptung, dass es nur dumme Antworten gibt.

Die ganze Welt war sich einig, dass dem freien Markt Rahmenbedingungen aufgegeben werden müssen. Das war die einhellige und deutliche Konsequenz aus den Krisen. Und diese Rahmenbedingungen kann man nicht Leuten wie Faymann überlassen, denn der hat sich mit seinen Forderungen, was eine gouverment èconomique nicht sein darf, feierlich blamiert und sich selbst desavouiert. Faymann wird langsam zur Belastung für Österreich. Und der Streit über die Strategie der Europäischen Wirtschaftsregierung ist entschieden. Die Headline der SZ von heute lautet: Frankreich - Deutschland: 0:2. Und dann weiter: Deutschland hat sich auf der ganzen Linie durchgesetzt. Der gemeinsame Brief, der dem EU-Gipfel heute vorgelegt werden soll, trägt klar deutsche Züge.

pepitant
00
17.6.2010, 12:52
Die ganze Welt ist sich einig ?

Seh ich anders.
Wobei ich zu denen gehöre, die der Ansicht sind, dass freie Märkte nicht nur nicht funktionieren, sondern dass es die gar nicht geben kann. Die Krise hat nicht zuletzt die Unfreiheit der Märkte, insbesondere der Finanzmärkte, zur Ursache. Abgesehen davon, dass sie jemandem, der viel Macht und Einfluss besitzt, offenbar nützlich ist.
Und was glaubens eigentlich, wie groß der Anteil der deutschen Politik an den deutschen Entscheidungen ist und wie groß demgegenüber der Anteil, der aus der Feder von Lobbyisten stammt ? Wenn der Hundt niest, kriegt die Merkel Schnupfen ? Damit hat die französische Arbeitgeberbagage doch kein Problem.

Das Spiel heißt nicht längst nicht mehr D-F, das Spiel heißt Großkapital gegen Rest der Welt.

Sophist1
00
17.6.2010, 15:22
Dann ist es sinnlos mit Ihnen zu diskutieren. Leben Sie weiter.....

....in der Ihnen genehmen Schweinwelt. Sie brauchen offenbar Ihre apokalyptische Erwartungshaltung, wie andere die Luft zum Leben. Falls Ihnen ein Beispiel für Ihren Idealstaat einfällt ,dann sagen Sie es mir. Jedenfalls ist Ihre Position, die eines Aussenseiters der extremsten Sorte.

Phil Phaust
00
17.6.2010, 12:05
der freie markt braucht sehr wohl politische führung

ansonsten hätte der freie markt nach der lehmann pleite die welt in den abgrund gestürzt.

an dieser stelle möchte ich sie noch einmal gern an ludwig erhard und die soziale marktwirtschaft erinnern, die natürlich im anglo-amerikanischen raum abgelehnt wird. und eine soziale marktwirtschaft hat nichts mit kommunismus zu tun.

pepitant
00
17.6.2010, 13:07
Im freien Markt, sofern dieser denkbar wäre,

hätte eine Pleite eine Übernahme durch solidere Mitbewerber zur Folge, sonst nichts.
Das Problem ist, dass wir alle so indoktriniert sind, dass zwar jeder gern einen freien Markt hätte, aber ihm und nur ihm sollt er schon gehorchen.
Was Sie ansprechen, betrifft weniger die Märkte als eine Umverteilung durch die Politik, die aber von der Wirtschaft an der Leine gehalten wird. Es wird immer von einer Umverteilung zu den ärmeren Gesellschaftsschichten gesprochen, in Wahrheit ist das System aber so konzipiert, dass die Einkommensschere seit Jahrzehnten aufgeht.
Ein Tip: Schauns mal deutsche Talkshows, dann werdens merken, dass der rheinische Kapitalismus von den Auftraggebern der Wirtschaftsexperten nicht goutiert, sondern angefeindet wird.

Sophist1
00
17.6.2010, 15:51
Ub dem freien Markt Ihrer Vorstellung, kommt es überhaupt....

...nicht zu Pleiten, weil der Fall bei Ihrem Idealmodell überhaupt denkunmöglich ist.

WEnn Sie den rheinischen Kapitalismus als etwas Positives ansehen, dann sind Sie tatsächlch ein Illusionist. Denn der rheinische Kapitalismus hat in der Wirklichkeit nie bestanden. Er war eine Vision von Anhängern der katholischen Soziallehre, die einer Schimäre anhingen.

Auch Sie retten sich auf die wohlfeile Umverteilungsdiskussion, weil Sie wissen, dass dieee ausgelutschte Phrase zu keinem Ergebnis führt. Warum wurde denn nach dem Krieg und bevor das GG in Kraft trat, das Geschäftsmodell Eigentum in Arbeitnehmerhand durch ein Lohnmodell von den Gewerkschaften abglehnt. Grund: Sie wollten sich zwar beteiligen, aber nur am Gewinn.

Phil Phaust
00
17.6.2010, 13:34
ich teilen stimme ich ihnen ja zu

1. einkommensschere

2. umverteilung

3. wirtschaft hält politik an der leine

allerdings funktioniert der kapitalismus nicht ganz (wie wir letztes jahr gesehen haben) und braucht daher schranken durch die politik. ob diese auch mutig genug ist und das durchsetzt, ist eine andere frage. und natürlich muss das problem global gelöst werden.

gier hat schon immer den menschen beherrscht. warum leben beckenbauer, becker, schumacher wohl im ausland? das hat nur steuerliche gründe (gut, jetzt bin ich vom thema abgewichen). von daher muss in europa noch viel mehr vereinheitlicht werden...

b_UT
00
17.6.2010, 10:29
die nächste Krise

ohne vereinheitlichter Wirtschaftsregierung über die ganze Eurozone wird es auch in der nächsten Krise wieder zu Spannungen wie jetzt wegen Griechenland kommen. Ist es dann nicht Griechenland, sondern zB Italien oder mehrere kleinere Länder, so zerreisst es den Euro und damit die EU mit ziemlicher Sicherheit.

pepitant
00
17.6.2010, 11:28
Nicht, so lange es noch was

zu holen gibt. Die Spekulanten werden die Kühe so lang und intensiv wie möglich melken und erst schlachten, wenn sie keine Milch mehr geben. Der nächste Staat gibt dann mehr Milch, wetten ?
Was ist eigentlich aus dem Hypodeal des Thilo Berlin und seiner Komplizen wie etwa Grasser und Veit-Sorger geworden ? Ist die ominöse Namensliste endlich offziell einzusehen ?

tomthecat
42
17.6.2010, 10:21
nur ein weiterer schritt...

in richtung eu-diktatur, kommt eigentlich nicht sehr überraschend

PaterPäderasty
00
17.6.2010, 12:41
...in welcher weise soll Makroökonomie Deiner Meinung nach funktioneren?

Die nationale Politik Österreich funktioniert ohnehin schon mehr oder weniger im "Stand-By", stets dem gesamteuropäischen Entscheid vorher abwartend.

Unsere Nationalpolitik hat längst nicht mehr die Potenz wie vor 20 oder 30 Jahren.

Der Heft ist nicht mehr in unserer Politiker Hände.

Die Politk der Nationen geht über zu einer der Regionen, das ist zu akzeptieren.


Gigerius
11
17.6.2010, 10:46
und diese "Eu-Diktatur"...

wäre dann anstelle einer nationalen "Diktatur" ?
Oder ist ihnen eine regionale "Diktatur" dann doch lieber? Vielleicht ist es auch besser einzelne Stämme oder Dörfer bekriegen sich wieder. Das war doch lustig!
..Ach die guten alten Zeiten. Pest, Hunger, Feudalherrschaft, ich vermisse das alles furchtbar.

pepitant
00
17.6.2010, 11:35
Na, Pest und Hunger

sind doch durch technischen Fortschritt und nicht durch die Herrschaftsform zurückgedrängt worden. Und von der Feudalherrschaft sind wir doch keinen Millimeter abgerückt ?

Rapsodie
01
17.6.2010, 11:01
schon bis zur nasenspitze zu denken fällt manchen sichtlich schwer ...

zur info: es gibt auch andere regierungsformen - z.Bsp.: direkte demokratie ala schweiz - und noch komischer: das funktioniert hervorragend - sinkende staatsverschuldung, positiver haushalt, nur 27 % steuerbelastung der bürger, - und zu allem überfluß könnens jetzt fußballspielen auch noch!

vi-de dot com
 
00
17.6.2010, 10:54
das ist ja der Punkt:

ein Politiker in Brüssel ist für mich als Bürger genauso weit weg wie einer ein Wien, beide sind praktisch unerreichbar weit weg.

The Chaos Path
03
17.6.2010, 10:08
"Die Kommission ist die Wirtschaftsregierung von Europa."

genau das ist das problem.

Dormouse
02
17.6.2010, 10:07

"Bundeskanzler Werner Faymann stellte klar, dass die Wirtschaftsregierung mit keiner Abgabe von Kompetenzen oder einer Vertragsänderung verbunden sein dürfe."

also die ösilösung: ein behörde, die viel geld verschlingt, aber nichts bringt...

bevor man sich an so was ranwagt, sollte man vielleicht schaun, dass eine einheitliche europäische verfassung zuvor zu stande kommt. ein so grosses gebilde wie die EU, mit aber verschiedenen (bürger)rechten, hat eine lebensspanne einer eintagsfliege!

mfg

mikromalist
 
00
17.6.2010, 09:48
Jetzt zeigt sich zunehmend, wie falsch es war

nicht gleich auf eine demokratische USE los zu steuern und stattdessen eine Bürokraten-Regierung aufzubauen.
Wir sollten das doch wissen: wenn sich Bürokratie fest krallt bleibt sie ewig. Sie braucht nur verschiedene Interessenten gegeneinander auszuspielen.

Deshalb, Länder die USE wollen sollen sich zusammen tun und einen völligen Neuanfang ...
Die andern sollen bleiben .....

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