"Marktwirtschaft braucht ein Geldsystem"

17. Juni 2010, 12:11
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Wifo-Expertin Schratzenstaller erklärt im Chat, wie Sparpakete den Aufschwung abwürgen und warum sie einer ökologischen Steuerreform etwas abgewinnen kann - Nachlese

"Ein marktwirtschaftliches System braucht als grundlegendes Element ein Geldsystem", sagt Margit Schratzenstaller, Referentin für Öffentliche Finanzen am Wifo, im derStandard.at-Chat. Wichtig sei allerdings die Frage, inwieweit "in diesem System einzelne Fehlentwicklungen auftreten und auch beseitigt werden können", wie eben auch die derzeitige Finanzkrise. Auf die Frage, wer für die Wirtschaftskrise Verantwortung übernehmen müsse, meint Schratzenstaller, dass auf jeden Fall "der Banken- und Finanzsektor in Zukunft stärker reguliert werden und auch einen finanziellen Beitrag zur Bewältigung der Kosten der Krise leisten muss."



Dass Europa angesichts der geschnürten Sparpakete eine Konjunkturkrise verhindern kann, hängt für Schratzenstaller wesentlich von zwei Dingen ab: Erstens müssten die Konsolidierungsmaßnahmen erst dann beginnen, "wenn sich der Aufschwung verfestigt und die Beschäftigungssituation stabilisiert hat". Zweitens fordert Schratzenstaller wachstumsschonende Maßnahmen: "Z.B. sollten solche Steuern erhöht werden, die möglichst wenig wachstums- und konjunkturschädlich sind - nicht Mehrwertsteuern, sondern eher spezielle Verbrauchssteuern auf public bads etwa oder spezielle vermögensbezogene Steuern. Und es sollten solche Ausgaben gekürzt werden, die nicht die Zukunftsinvestitionen betreffen. Außerdem ist es wichtig, gleichzeitig in die Wachstumspotenziale zu investieren, Forschung, Bildung etc."

Einer ökologischen Steuerreform kann die Wifo-Expertin im Chat einiges abgewinnen, vor allem für Österreich, denn: "Das österreichische Abgabensystem belastet die Arbeit sehr stark - das ist wachstums- und beschäftigungsfeindlich - und Umwelt- und Energieverbrauch relativ gering." Einsparungspotenzial, zumindest ein "beträchtliches theoretisches", gebe es zudem in Österreichs öffentlicher Verwaltung: "Auf jeden Fall ist ein Problembereich, dass wir im föderalen System viele Doppelgleisigkeiten haben; ich glaube, hier ist die Lösung nicht unbedingt die Auflösung der Bundesländer, sondern eine klare Aufgabenteilung", so Schratzenstaller.

Für eine sofortige Umsetzung einer EU-weiten Finanztransaktionssteuer müsse der politische Wille vorhanden sein. Derzeit, so glaubt Schratzenstaller, gebe es aber ein "sehr günstiges Zeitfenster für einen internationalen oder zumindest europäischen Konsens". Österreich alleine könne eine solche Steuer nicht einführen, der österreichische Beitrag wäre entsprechend bescheiden, da der österreichische Anteil am europäischen Handel nicht sehr hoch sei, meint sie weiter.

Die Ratingagenturen könnten laut Schratzenstaller eine "krisenverschärfende Wirkung" haben, die ausschlaggebende Rolle für die Finanz- und Schuldenkrise in Europa spielten sie aber nicht. Schratzenstaller befürwortet zudem eine europäische Ratingagentur, die "die spezifischen europäischen Gegebenheiten besser kennt". (rom, derStandard.at, 17.6.2010)

ModeratorIn: Liebe Frau Dr. Schratzenstaller, Danke, dass Sie für uns Zeit haben. Liebe Userinnen und User, wir freuen uns auf eine spannende Diskussionsrunde.

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Guten Tag, auch ich freue mich auf interessante Diskussionen mit Ihnen!

Happels Erben: Angesichts der geschnürten Sparpakete europaweit: Ist zu erwarten das Europa nicht über Jahre hinaus in eine tiefe Konjunkturkrise stürzt?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Ob das geschieht, hängt ganz entscheidend von zwei Dingen ab: Erstens vom Timing der Konsolidierungsmaßnahmen; die Länder sollten erst beginnen, wenn sich der Aufschwung verfestigt und die Beschäftigungssituation stabilisiert hat. Zweitens sollten die Maßnahmen selbst so wachstumsschonend wie möglich gestaltet sein: Also z.B. sollten solche Steuern erhöht werden, die möglichst wenig wachstums- und konjunkturschädlich sind - nicht Mehrwertsteuern, sondern eher spezielle Verbrauchssteuern auf public bads etwa oder spezielle vermögensbezogene Steuern - und es sollten solche Ausgaben gekürzt werden, die nicht die Zukunftsinvestitionen betreffen. Außerdem ist es wichtig, gleichzeitig in die Wachstumspotenziale zu investieren, Forschung, Bildung etc.

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is: was halten sie von einer ökologischen steuerreform?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Davon halte ich sehr viel, vor allem angesichts der spezifischen österreichischen Situation: Das österreichische Abgabensystem belastet die Arbeit sehr stark, das ist wachstums- und beschäftigungsfeindlich, und Umwelt- und Energieverbrauch relativ gering; eine aufkommensneutrale Umstrukturierung des Abgabensystems im Sinne einer ökologischen Steuerreform erbrächte also eine doppelte Dividende - positive Umwelt- und Beschäftigungseffekte!

lelalom: Was halten Sie von der Veröffentlichung der Daten aus den Banken-Stresstests?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Ich denke, prinzipiell sind Banken-Stresstests auch in Europa sinnvoll, um Handlungsbedarf im Bankensektor aufzuzeigen - z.B. Erhöhungsbedarf beim Eigenkapital; inwieweit diese Daten der Allgemeinheit oder nicht nur den relevanten wirtschaftspolitischen Akteuren zur Verfügung gestellt werden sollten, ist eine andere Frage, die wohl noch ausführlicher diskutiert werden muss.

UserInnenfrage per Mail: Die Ratingagenturen gerieten in der Krise ins Kreuzfeuer der Kritik. Den Agenturen wird eine Mitschuld an der Finanzkrise gegeben sowie an der Verschärfung der Schuldenkrise in Europa. Spielten sie tatsächlich eine ausschlaggebende Rolle?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Sie spielen sicher nicht die ausschlaggebende Rolle, da die eigentlichen Ursachen woanders liegen, aber sie können eine krisenverschärfende Wirkung haben, wenn sie ihre Bewertung so schnell - und auch möglicherweise überschießend - ändern wie etwa im Falle Griechenlands.

UserInnenfrage per Mail: Würde eine europäische Ratingagentur Sinn machen?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das würde sicher Sinn machen, da eine solche Agentur die spezifischen europäischen Gegebenheiten besser kennt; außerdem müsste man aber auch noch über andere Regulierungen nachdenken; es ist z.B. auch problematisch, dass die Ratingagenturen die Unternehmen gleichzeitig beraten und bewerten und dass sie selbst an der Börse gelistet sind.

Der Ruhestifter: Mir fällt auf, dass in der Diskussion häufig so getan wird, als gehe es nur um Steuererhöhungen versus -senkungen, während die Struktur ignoriert wird. Dazu passt, dass ständig Vermögen und Einkommen vermischt werden? wäre es nicht wichtig, in Hinbl

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das wäre auf jeden Fall wichtig - vor allem auch in Österreich, denn wir haben hier eine Abgabenstruktur, die relativ wachstums-, beschäftigungs- und auch leistungsfeindlich ist, denn Arbeitseinkommen werden relativ hoch besteuert, wohin gegen Umwelt- und Energieverbrauch, aber auch Bestände von Vermögen (Grundsteuer) und dessen Transfers (Erbschaften, Börsentransaktionen) und auch Wertzuwächse relativ gering besteuert werden. Das österreichische Abgabensystem leidet vor allem an einem strukturellen Defizit - bestimmte Steuern müssten gesenkt (arbeitsbezogene Abgaben), andere erhöht werden (Umweltsteuern, Alkohol- und Tabaksteuern, bestimmte vermögensbezogene Steuern); vorübergehend könnte man die letzt genannten Steuern erhöhen zur Konsolidierung, aber nach bewältigter Konsolidierung sollten die zusätzlichen Einnahmen zur Senkung der Abgaben auf den Faktor Arbeit verwendet werden.

Schilcherfreund: Gibt es seitens des WIFO (bzw. sind Ihnen diesbezügliche seriöse Studien bekannt) Berechnungen, was eine radikale Verwaltungsreform mit Auflösung der Bundesländer samt der Verwaltungsstrukturen und Übertragung der Aufgaben auf den Bund bzw. Bezirksh

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Wir haben keine konkreten Berechnungen dazu. Internationale Vergleiche zeigen, dass es ein beträchtliches theoretisches Einsparpotenzial in der öffentlichen Verwaltung gibt in Österreich; derzeit arbeitet eine Verwaltungsreformkommission daran, diese Bereiche zu identifizieren und die möglichen Einsparungen zu quantifizieren. Auf jeden Fall ist ein Problembereich, dass wir im föderalen System viele Doppelgleisigkeiten haben; ich glaube, hier ist die Lösung nicht unbedingt die Auflösung der Bundesländer, sondern eine klare Aufgabenteilung und -zuordnung zu Bund, Ländern und Gemeinden, ebenso wie eine stärkere Zusammenführung von Aufgaben-/Ausgabenverantwortung einerseits und Finanzierungsverantwortung (Stichwort höhere Steuerautonomie der Länder und Gemeinden) andererseits.

Der auf der Nudelsuppen dahergschwommen is: wie groß ist die gefahr der abwanderung von kapital durch eine rein österreichische/europäische transaktionssteuer wirklich?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das hängt davon ab, was man besteuert: Auf der östereichischen Ebene ist nur eine Transaktionssteuer machbar, die die Umsätze mit relativ immobilen Finanzanlagen besteuert, also v.a. Aktien und Anleihen; sehr flüchtige Finanzinstrumente wie Derative, aber auch Devisen sind auf der nationalen Ebene kaum zu besteuern, da diese Geschäfte sehr schnell in großem Umfang abwandern würden. Außerdem kommt es auf den Steuersatz an: je höher dieser ist, desto größer ist die Abwanderungsgefahr. Auf der europäischen Ebene ist es unseren Studien zufolge möglich, eine geringfügige Steuer - z.B. 0,01% - auf alle Finanztransaktionen einzuführen, die gleichzeitig immer noch hohe Erträge - 80 bis 80 Mrd. Euro - erbrächte.

gabs0110: wann denken sie, dass eine EU-weite finanztransaktionssteuer frühestens implementiert wird/werden kann? und inwiefern kann österreich einen beitrag leisten? der andel spielt sich zum großteil ja in frankfurt und london ab.

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Ich glaube, wenn der politische Wille vorhanden ist, könnte man eine solche Steuer sofort umsetzen, jetzt ist sicherlich ein sehr günstiges Zeitfenster für einen internationalen oder zumindest europäischen Konsens, da alle Länder mehr oder weniger hohen Konsolidierungsbedarf haben. Österreich alleine kann eine solche Steuer nicht einführen, der österreichische Beitrag wäre natürlich entsprechend bescheiden, da der österreichische Anteil am europäischen Handel nicht sehr hoch ist.

Motel 2.0: Halten sie es nicht für absurd das ein Wirtschaft daran krankt, das *zu viel* Reichtum produziert wurde? Sollte man nicht die Kriese zum anlass nehmen um zu fragen: Geht's nicht auch ganz grundsätzlich anders?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Ich glaube schon, dass die Krise ein deutliches Signal dafür ist, dass wir künftig nachhaltiger wirtschaften müssen, dass Verteilungsfragen wieder wichtiger werden, dass auch ökologische Aspekte und Herausforderungen eine größere Rolle spielen müssen.

mike sierra: Welche Maßnahmen könnten die Investitionen der Unternehmen beleben ohne zur Budgetbelastung zu werden?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das ist eine sehr umfassende Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Ein wichtiger Punkt ist, dass es gelingt, das Wachstum und die Wachstumspotenziale zu stärken, vor allem indem weniger effiziente Ausgaben (Verwaltung, Ineffizienzen im Gesundheitsbereich) ersetzt werden durch mehr Zukunftsinvestitionen in Bildung, Forschung etc. Aber auch, indem das Abgabensystem - aufkommensneutral - wachstums- und beschäftigungsfreundlicher gestaltet wird. Von einer solchen Wachstumsstrategie profitieren auch die Unternehmen, sinnvoll ist sicher auch, Innovationen vor allem in Zukunftsbranchen (Stichwort green jobs, Umwelttechnologien) stärker zu fördern.

aana: Durch die EU Behörden wurde eine neue Verwaltungsebene geschaffen, wieso gibt es keine Verwaltungsebene, die man dafür einsparen kann?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Grundsätzlich deshalb, weil die EU-Ebene zusätzliche Aufgaben hat, die auf der nationalen Ebene nicht erledigt werden können: Koordination der Wirtschafts- und Geldpolitik z.B. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, im Rahmen von Verwaltungsreform- und Staatsreformbemühungen auch zu untersuchen, ob es nicht tatsächlich bestimmte Verwaltungsebenen gibt, die heutzutage nicht mehr erforderlich sind, bzw. ob bestimmte Aufgaben verschiedener Ebenen zusammengelegt werden sollten.

Walter KURTZ: Jüngstens hat das Wifo bei der Neuausschreibung zur Erstellung der deutschen Wirtschaftsprognosen (wo man bisher dabei war) den Kürzeren gezogen. Ist das Niveau der österreichischen Wirtschaftsforschung abgesackt, wie manche Kommentatoren ätzen, und

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Die Hintergründe der Entscheidung sind nicht ganz nachvollziehbar und auch nur unvollständig bekannt. Aber es ist wohl so, dass die Entscheidung weniger mit "Qualitätsdefiziten" zu tun hat. Das WIFO als sozialpartnerschaftliche Institution hat keinen Bias zugunsten der Interessen bestimmter Auftraggeber.

Happels Erben: Was denkt man sich als Wirtschaftsexpertin wenn man zb wie in Deutschland sieht das Konjunkturpolitik vor allem gemacht wird um diverse Lobbies zu bedienen bzw. zu schützen?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Die eine oder andere konjunkturpolitische Maßnahmen in Deutschland - wie in anderen Ländern auch - hat sicherlich eine bestimmte Lobby bedient. Als Wirtschaftsforscherin würde man sich natürlich wünschen, dass auch konjunkturpolitische Maßnahmen einem konsistenten Gesamtkonzept folgen, das auf bestimmte gesamtwirtschaftliche sinnvolle Zielsetzungen (Ökologie, Wachstum, Beschäftigung) ausgerichtet ist. Um den Einfluss der Lobbies etwas zu begrenzen, sind sicherlich systematische Evaluierungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen sinnvoll.

b_UT: welche Auswirkungen wird es auf den Euro haben, sollte der Dollar weiterhin an Bedeutung als Weltwährung verlieren?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das ist eine sehr umfassende Frage; derzeit herrscht ja doch einige Unsicherheit, wie es um das zukünftige Verhältnis der Weltwährungen bestellt ist. Würde der Dollar an Bedeutung als Weltwährung verlieren, würde das natürlich den Euro stärken; aber das hängt auch insgesamt davon ab, wie sich die einzelnen Weltregionen entwickeln, derzeit ist ja der Wachstumspol eher in den Schwellenländern angesiedelt.

BankRott: Sg. Fr. Schratzenstaller, warum wird das Geldsystem an sich (girale Geldschöpfung/Zinseszins), nie in Frage gestellt?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Auch das ist eine sehr grundsätzliche Frage, auf die ich hier nicht in der gebotenen Ausführlichkeit eingehen kann. Grundsätzlich ist hierzu nur zu sagen, dass ein marktwirtschaftliches System als ein grundlegendes Element ein Geldsystem braucht; die Frage, inwieweit in diesem System einzelne Fehlentwicklungen auftreten und auch beseitigt werden können (siehe Finanzkrise), ist allerdings wichtig.

b_UT: denke sie, dass die Euroländer mit den demographischen Problemen besser zurecht kommen werden wie Japan, oder dass uns eine ähnliche Entwicklung bevorsteht?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Die Alterung der Gesellschaften an sich, die auch in ganz Europa bevorsteht, ist nicht per se ein Problem. Es wird erst dann eines, wenn es nicht gelingt, die Abnahme der erwerbfähigen Bevölkerung zu kompensieren durch eine stärkere Erwerbsintegration von Frauen und älteren ArbeitnehmerInnen, durch eine geregelte Zuwanderung und durch forcierte Investitionen in das Bildungssystem. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft, und es wäre fatal, wenn die europäischen Länder im Bemühen um die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte zu wenig in die Bildung und die Integration von Migranten sowie eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen investieren würden.

skeptiker81 #2: mMn ist die allg. Stimmung hier in Mitteleuropa sehr pessimistisch. Glauben Sie, dass die Euro-Regierungen sich über die sehr notwendigen Maßnahmen (gemeinsame Wirtschaftspolitik etc.) BALD einigen können?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Da die Interessenlagen und wirtschaftspolitischen Probleme zum Teil sehr unterschiedlich sind zwischen den EU-Ländern, ist eine Einigung auf gemeinsame wirtschaftspolitische Maßnahmen und Strategien natürlich nicht einfach. Allerdings habe ich den Eindruck, dass im Zuge der Finanzkrise das Bewusstsein dafür gestiegen ist, dass eine stärkere Koordination der Wirtschaftspolitik erforderlich ist. Angesichts der drängenden Problemlagen in der EU, die alle Länder mehr oder weniger stark betreffen - Budgetprobleme, Alterung der Gesellschaft, Wachstumsschwäche - sind die Chancen derzeit wohl so gut wie selten; allerdings sind die Fortschritte in einzelnen Bereichen nicht so energisch, wie man sich das wünschen würde - Stichwort Regulierung der Finanzmärkte.

bormester: Denken Sie das die USA ein zu gutes Rating haben?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Es ist sicher so, dass die USA aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke eine weit höhere Kreditwürdigkeit auf den internationalen Finanzmärkten haben als viele andere Länder; das ist ein wesentlicher Grund für das gute Rating.

b_UT: ist es im Nachhinein betrachtet eher gut oder schlecht für manche Länder wie zB Griechenland oder Italien, dass sie durch den Euro keine kontollierte Inflation zur Schuldenabwertung mehr betreiben können so wie früher? und hätte eine Inflation den G

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Inflation ist sicherlich kein gutes Mittel zur Bewältigung einer Schuldenkrise,denn sie schadet sowohl den Verbrauchern als auch den Unternehmen und ist - zumindest ab einer gewissen Höhe - auch mit sonstigen negativen volkswirtschaftlichen Effekten verbunden. Insofern ist es gut, dass die Vereinheitlichung der Geldpolitik in der Eurozone es für die einzelnen Mitgliedsländer unmöglich macht, ihre Schulden zu inflationieren - zumal eine solche Politik das Vertrauen der Gläubiger noch weiter erschüttert.

Schneck4ever: An welcher Stelle müssten Ihrer Meinung nach die Kapitel Geldschöpfung und Zinsproblematik thematisiert werden? Sehen Sie persönlich diesbezüglich überhaupt Diskussionsbedarf, und wurde seitens der Politik oder der Wirtschaft jemals eines der beiden

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Derzeit ist das in der wirtschaftspolitischen Debatte kein Thema. Ich persönlich bin keine Expertin für das Thema, kann mich daher nicht qualifiziert dazu äußern.

plax: schönen nachmittag! eine weitere frage bezüglich staatsanleihen: ist es nicht komplett unrealistisch für bspw. griechenland, 10% zinsen für staatsanleihen zu zahlen? intuitiv müsste ja das geld, das sie dafür anfänglich bekommen, einen ertrag/nutzen

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Sie sprechen hier ein sehr wichtiges Problem an, das mit einer ausufenden Staatsverschuldung verbunden ist: Griechenland muss wie alle anderen Ländern mit einem hohen Schuldenstand nicht nur Geld aufnehmen, um neue Kredite zu finanzieren (die hoffentlich in ertragreiche Projekte gesteckt werden bzw. allgemein sinnvoll eingesetzt werden, z.B. in konjunkturbelebende Maßnahmen). Sondern es werden von den schon bestehenden, in frühreren Jahren aufgenommenen Krediten immer wieder welche zur Rückzahlung fällig; für diese Rückzahlung müssen, wenn keine Budgetüberschüsse erwirtschaftet werden, neue Kredite aufgenommen werden ("Refinanzierung"). Wenn nun die Zinsen so stark steigen wie im Falle Griechenlands, dann müssen diese refinanzierten Kredite viel höher verzinst werden als die alten, die sie ersetzen, und das belastet dann das Budget zusätzlich zu den neuen Krediten sehr stark, ohne einen zusätzlichen Nutzen zu bringen.

Schilcherfreund: Eine zugegebenermaßen etwas unfaire Frage aber trotzdem: Wieviel % von dem, was sie wissen bzw. selbst glauben dürfen Chefs von Wirtschaftsforschungsinstituten bzw. Notenbankchefs wirklich laut und öffentlich sagen?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das müssen Sie die Chefs selbst fragen!

UserInnenfrage per Mail: Die Griechen haben es ausgiebig vorgeführt, jüngst wurde bei den deutschen Nachbarn gegen die anlaufenden Sparprogramme heftig protestiert. Muss man in näherer Zukunft mit mehr sozialen Unruhen rechnen?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Das ist natürlich nicht zu hoffen, hängt aber natürlich stark davon ab, ob die Konsolidierungsmaßnahmen von der Bevölkerung als fair und sozial ausgewogen wahrgenommen werden; das spricht im Übrigen dafür, nicht nur Ausgaben zu kürzen, sondern auch Steuern zu erhöhen. Im deutschen Fall sind die Maßnahmen sozial nicht sehr ausgewogen; es wird relativ stark bei den Sozialausgaben gespart, dagegen gibt es keine Ansätze, obere Einkommen stärker steuerlich zu belasten bzw. im Bereich der vermögensbezogenen Steuern, die in Deutschland auch ein sehr geringes und sinkendes Gewicht haben, etwas zu tun.

bormester: Wer sollte Ihrer Meinung nach für die Wirtschaftskrise Verantwortung übernehmen?

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Auch diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil die Ursachen der Wirtschaftskrise und die Faktoren, die zu ihrer Verschärfung beigetragen haben, recht vielfältig sind: Angefangen von einer sehr ausgeprägten Kurzfristorientierung von Managern, einem unverantwortlichen Umgang mit hoch spekulativen Finanzinstrumenten in Banken und Finanzinstitutionen etc. Aber meiner Meinung nach ist es klar, dass der Banken- und Finanzsektor in Zukunft stärker reguliert werden und auch einen finanziellen Beitrag zur Bewältigung der Kosten der Krise leisten muss.

ModeratorIn: Liebe UserInnen, Danke fürs Vorbeischauen, liebe Frau Dr. Schratzenstaller, Danke, dass Sie Zeit für uns hatten. Die zahlreichen Fragen und Beiträge konnten wir leider wieder einmal nicht alle beantworten und berücksichtigen. Allen noch einen schöne

Margit Schratzenstaller-Altzinger: Ich bedanke mich sehr für die vielen interessanten Fragen und Diskussionsanstöße; leider konnte ich in der Kürze der Zeit nicht in der erforderlichen Tiefe auf alle Ihre Antworten eingehen, hoffe aber, doch das eine oder andere geklärt zu haben!

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