"Das ist echte Integration"

16. Juni 2010, 16:40
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Am Ende stellt sich die Frage, ob man sich in der neuen oder in der alten Heimat begraben lassen will. In Österreich gibt es überkonfessionelle und konfessionelle Friedhöfe sowie die Möglichkeit einer Überführung.

So universal das Gefühl der Trauer über den Tod eines nahestehenden Menschen auch ist, so unterschiedlich sind die Bestattungsrituale in den jeweiligen Kulturen und Religionen. Letztlich geht es aber immer darum, den Abschied vom Verstorbenen auf eine würdige Weise zu begehen und durch ein Gemeinschaftserlebnis den Hinterbliebenen Trost zu spenden.
Bezüglich Multikulturalität bei Bestattungen kann die Stadt Wien auf eine lange Tradition zurückblicken: Der 1874 eröffnete Wiener Zentralhof war von vornherein als ein interkonfessioneller Friedhof geplant. Im Jahr 2008 wurde im 23. Gemeindebezirk Liesing auf einer Fläche von 3,4 Hektar ein islamischer Friedhof eröffnet.

"Keine Ausreden mehr"

Der Sprecher des islamischen Friedhofs Ali Ibrahim sieht den islamischen Friedhof als einen eindeutigen Schritt in Richtung Integration: "Für viele Muslime ist Österreich eine neue Heimat geworden, deshalb lassen sie sich auch hier begraben. Es gibt keine Ausreden mehr für eine Überführung ins Herkunftsland, denn das islamische Ritual wird in Österreich auch eingehalten. Wenn man dort, wo man gelebt hat, auch begraben wird, dann ist das echte Integration."

Nicht ganz so streng sieht es Helga Bock von Bestattung Wien, dem größten Bestattungsunternehmen Österreichs: "Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Integration und Überführungen. Wenn Menschen in ihrem Heimatland begraben werden wollen, bedeutet es nicht, dass sie in Österreich schlecht integriert waren. Manchmal überwiegt eben eine andere Bindung." Bock gibt auch zu bedenken, dass viele Überführungen wohl deshalb nicht stattfinden, weil die Menschen in ihrer Pension in ihre alte Heimat zurückkehren, wo sie im Laufe ihres Erwerbslebens ein Haus gebaut haben.

Entgegen der gängigen Meinung sind Überführungen für die betroffenen Familien nicht sehr teuer. Meistens werden Überführungen von Vereinen organisiert, bei denen über Jahre hinweg regelmäßig ein Mitgliedsbeitrag eingezahlt wird. Im Todesfall werden die Kosten für eine Überführung dann vom Verein übernommen, und die Überführung wird von einem spezialisierten Bestattungsunternehmen abgewickelt.

Yasar Ersoy, Leiter des Hilfeleistungsfonds der Türkisch-Islamischen Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (ATIB), beschreibt die Motivation für eine Überführung so: "Die Menschen wollen dort begraben werden, wo auch ihre Eltern und andere Verwandte ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Manche haben auch Angst, dass in Österreich ihre Totenruhe gestört werden könnte, falls sie hier niemanden haben, der sich um ihr Grab kümmert und die Grabgebühr entrichtet."

Jeder nach seiner Façon

Die Bestattung Wien ist um größtmögliche Vielfalt bemüht: "Soweit es nur irgendwie möglich ist, wird den Wünschen der Kunden entsprochen, selbstverständlich auch denen der Atheisten, die sich ein Begräbnis frei von jeglichen religiösen Elementen wünschen", so Bock. Seit der Anerkennung der Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft 2009 gibt es in Österreich 14 staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften sowie eine Vielzahl sogenannter "eingetragener religiöser Bekenntnisgemeinschaften"; alle sind am Zentralfriedhof vertreten.

Zum islamischen Begräbnis gehört eine rituelle Waschung des Leichnams, wobei Männer von Männern, und Frauen von Frauen gewaschen werden. Der Verstorbene wird in ein einfaches Leintuch gewickelt und auf die rechte Schulter gelegt, sodass das Gesicht in Richtung der heiligen Stadt Mekka liegt. Im Islam sollte das Begräbnis möglichst innerhalb eines Tages erfolgen. "Dieser Brauch stammt aus heißen Ländern, wo Tote aus hygienischen Gründen rasch begraben werden müssen", erklärt Ibrahim.

Feuerbestattungen sind im Islam nicht erlaubt. In Österreich sind wiederum Bestattungen ohne Sarg verboten, weshalb hierzulande gläubige Moslems in schlichten Weichholzsärgen bestattet werden. Auch Juden werden im Sarg bestattet, allerdings mit einem Loch im Boden, was den direkten Kontakt zur Erde ermöglicht.

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    Frauen auf dem Weg zur Eroeffnungsfeier des Islamischen Friedhofs am 4. Okt. 2008 in Wien

  • Islamisches Grab auf dem katholischen Friedhof in Frastanz, Vorarlberg (Virtuelle Ausstellung www.gastarbajteri.at)
    foto: gastarbajteri.at (thomas schmidinger)

    Islamisches Grab auf dem katholischen Friedhof in Frastanz, Vorarlberg (Virtuelle Ausstellung www.gastarbajteri.at)

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