Schwedens Königs­haus gehört privatisiert

16. Juni 2010, 11:48
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Die Monarchie gilt als unmoderne Staatsform - die Hochzeit zeigt das Dilemma

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich gemeinsam eine Träne aus den Augen zu wischen. Die eigens bereitgestellten "Liebeszüge" der schwedischen Bahn beispielsweise - bei näherer Betrachtung leider ein Flop, denn die Tickets verkaufen sich nicht. Oder die von den Einheimischen eiligst zwecks Vermietung geräumten Wohnungen - ebenfalls ein Flop, ganz zu Schweigen von den wartenden Hotelzimmern.

Am Samstag geben sich die schwedische Kronprinzessin Victoria Ingrid Alice Désirée (VIAD) und Daniel Westling in Stockholm das Ja-Wort. Die Stadt kann noch so viele Schokoporträts der beiden hinklatschen, Kaffeehäferln mit den royalen Antlitzen schmücken und die Post eigene Briefmarken drucken lassen - die geschätzten 500 Millionen Zuschauer wird das nicht hinter ihren Fernseher hervorholen. VIAD - Viel ist auch daneben, bei so vielen hineingestopften Banalitäten kommen eben nur Blähungen heraus. Warum also das Ganze? Weil das Land Unterhaltung braucht und blaues Blut Legitimation. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der Monarchiegegner mehr als verdoppelt und liegt heute bei 42 Prozent, im Jahr 2000 waren es gerade mal 15 Prozent. Hält die Entwicklung im selben Takt an, wird es im Jahr 2024 eine Mehrheit gegen diese unmoderne Staatsform geben.

Der Unterhalt der Königsfamilie kostet den schwedischen Steuerzahler heuer umgerechnet 10,5 Millionen Euro. Der Spaß der anstehenden Hochzeit beläuft sich auf weitere 2,2 Millionen, die Hälfte davon übernimmt der Staat. Keine Peanuts, wenn man sich die ausschließlich repräsentativen Pflichten des Monarchen vor Augen führt. Gut, Carl Gustaf darf den Nobelpreis überreichen, doch werten einige Kritiker dies als Showeinlage eines Familienbetriebs. Vielen Schweden ist das ein Dorn im Auge. Erst kürzlich forderte Per Svensson - Kulturjournalist bei der größten liberal-konservativen Tageszeitung des Landes, Svenska Dagbladet -, damit aufzuräumen. Eine längst überfällige Reform müsse her: "Eine vollständige Privatisierung." Soll doch das Königshaus das werden, was es bereits ist - ein Familienunternehmen in der Unterhaltungsbranche. Allein steht er mit dieser Forderung jedenfalls nicht: Im online-Netzwerk Facebook hat sich die Zahl der Gruppe "Privatisierung des Königshauses" in nur einem Monat auf 4.000 Mitglieder verdoppelt. Haben sie recht? Voll - in aller Demut. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 16.6.2010)

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