Leben und Überleben in den Lebenswissenschaften

15. Juni 2010, 19:13
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Internationale Tagung in Wien über Forscherkarrieren

Die Zahlen, die von der Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny zitiert wurden, waren für viele junge Forscher im Publikum wohl ernüchternd: Laut einem aktuellen Bericht der Royal Society schaffen es nur 3,5 Prozent der Promovierten in den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Medizin auf eine akademische Dauerstellung.

Noch dramatischer sieht es bei den Professuren aus: Gerade einmal rund ein halbes Prozent der Doktoren werden Professoren, so die aus Wien stammende Präsidentin des European Research Council (ERC), die früher selbst einmal Professorin für Wissenschaftsforschung der Uni Wien und an der ETH Zürich war.

Die Konferenz, auf der Nowotny die ernüchternden Zahlen zitierte, war von ihrer Nachfolgerin an der Uni Wien, der Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt sowie ihren Mitarbeitern organisiert worden. Sie hatten in den vergangenen Monaten im Rahmen eines Begleitprojekts zum Genomforschungsprogramm Gen-Au rund 60 Interviews mit Lebenswissenschaftern aus allen Karrierephasen gemacht - und als vorläufigen Abschluss eine internationale Konferenz organisiert.

Sowohl das Projekt der Wiener Wissenschaftsforscher und die Tagung widmeten sich vor allem der Frage, wie sich gerade in den Lebenswissenschaften Karriere- und Arbeitsstrukturen dramatisch verändert haben - und welchen neuen Anforderungen und Unsicherheiten der Forschernachwuchs ausgesetzt ist.

Bei den Interviews in Österreich habe sich gezeigt, dass insbesondere die Doktoranden und Postdoktoranden einen erheblichen Konkurrenzdruck, Zwang zur Mobilität und unsichere Rückkehroptionen beklagten, so Felt. Außerdem gäbe es auch international einen Flaschenhals bei den Gruppenleitern.

Dem konnte Nature-Herausgeber Philipp Campbell bei der Eröffnungsdiskussion auch positive Seiten abgewinnen. Etwas sarkastisch meine er, das man als Postdoc wenigstens der Bürokratisierung entgehe und kreativ bleiben könne.

Offen blieb die Frage, ob es früher gar so viel besser war, was auch Helga Nowotny verneinte. Und wie hatte der Soziologe Max Weber schon 1919 in seinem Essay Wissenschaft als Beruf gemeint: "Das akademische Leben ist also ein wilder Hazard." (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 16.06.2010)

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