Über die Magie der Fachkompetenz

15. Juni 2010, 19:00
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Die afrikanischen Nationalmannschaften erliegen dem Zauber der fremden Trainer

Adekunie Salami ist Sportchef der nigerianischen Zeitung Punch. Er glaubt an die Kraft und den Zauber des afrikanischen Fußballs, sagt, dass man die bisher eher mäßigen Ergebnisse nicht überbewerten dürfe. "Es gibt keinen Grund, enttäuscht zu sein. Noch ist für alle alles möglich. Die Begeisterung ist ungebrochen. Man darf den Leuten die Illusion nicht nehmen. Nach dem zweiten Spieltag wissen wir mehr."

Salami bezeichnet den nigerianischen Teamchef Lars Lagerbäck als Helden. Trotz des 0:1 gegen Argentinien. "Habe Sie gesehen, wie die Mannschaft gekämpft hat? Das haben wir ihm zu verdanken, er hat uns das beigebracht." Der Schwede Lagerbäck hat für fünf Monate unterschrieben, sein Landsmann Sven Göran Eriksson kümmert sich gar nur drei Monate lang um die Elfenbeinküste. Das ist eine Kontinuität, die an Frank Stronach und sein Handeln bei Austria Wien erinnert.

Fünf der sechs afrikanischen WM-Teilnehmer setzen auf ausländische Coaches. Kamerun vertraut dem Franzosen Paul Le Guen, Ghana dem Serben Milovan Rajevac, Gastgeber Südafrika dem Brasilianer Carlos Alberto Parreira. Algerien ignoriert diesen Trend, probiert es zum ungefähr 73. Mal mit dem Algerier Rabah Saadane. Nach dem 0:1 gegen Slowenien wird Saadane allerdings keine allzu intensive Zukunft vorausgesagt. Obwohl das Land eine 50-prozentige Chance auf den WM-Titel besitzen müsste.

Algerien oder Brasilien

Denn eine Statistik, die eher ein Orakel ist, besagt, dass noch nie eine Mannschaft mit einem ausländischen Trainer Weltmeister wurde. Einziger ernstzunehmender Konkurrent der Algerier ist demnach Brasilien, da es erstens einen einheimischen Betreuer (Carlos Dunga) hat und zweitens als einziges Land schon außerhalb des eigenen Kontinents gewann, 2002 in Japan und Südkorea.

Afrika hat also ein Trainerproblem. Das liegt an den Strukturen, an der nichtvorhandenen Ausbildung. Und an der Mentalität der Fußballer. Salami sagt: "Sie respektieren keinen Landsmann, sagen, was willst du, von dir lasse ich mich nicht zurechtweisen, du hast ja keine Ahnung." Vor allem jene, die bei Spitzenklubs in Europa engagiert sind, denken so. Vermutlich haben sie nicht ganz unrecht. Salami kann es nachvollziehen. "Europäische oder brasilianische Trainer haben die bessere Ausbildung, besitzen mehr Fachkompetenz. Sie wissen, wie der Hase läuft. Man glaubt ihnen, ihre Worte haben Gewicht. Solange es kein afrikanischer Trainer zu einem Topverein geschafft hat, wird das auch so bleiben. Und es bleibt lange so."

Das prinzipiell vorhandene Talent der afrikanischen Kicker wurde natürlich auch außerhalb des Kontinents längst erkannt. Die Eto'os oder Drogbas werden eingekauft, quasi als Gegenleistung kümmern sich sogar berühmte ausländische Trainer um die Nationalmannschaften. Sie werden gut entlohnt und sind Teil des Zaubers, der Magie. Nach ein paar Monaten ist ihr Vertrag ausgelaufen, oder sie werden von irgendwelchen übermütigen Verbandspräsidenten gefeuert - um ein paar Wochen später wieder zurückgeholt zu werden. Möglicherweise vom Nachbarland.

Der Türke Mushin Ertugral ist ein Weltenbummler, der Fußballlehrer hat sogar schon einmal in Mattersburg vorbeigeschaut. Er jobbte im Kongo, in Tunesien, zuletzt wurde er beim südafrikanischen Spitzenklub Kaizer Chiefs gefeuert. Er malt ein düsteres Bild vom afrikanischen Fußball. "Es fehlt am Elementarsten. Junge Spieler, die am Ball unglaublich gut sind und Pirouetten drehen, bringen keinerlei taktisches Rüstzeug mit. Sie kommen aus den Townships in die höchste Spielklasse. Das ist, als würde man vom Kindergarten direkt ins Gymnasium wechseln. Wer einmal gewisse Verdienste erworben hat, wird ewig verehrt. Sie ahnen nicht, wie niveaulos die Liga ist."

Das bittere Ende

In Südafrika wird Parreira verehrt. Radioreporter Muthige Azwiowi spielt mit. Bis zum vermutlich bitteren Ende. "Die Leute glauben an ihn. Sie sind überzeugt, dass mit ihm der Titel zu gewinnen ist. Ich glaube das nicht. Parreira ist kein Zauberer." (Christian Hackl aus Johannesburg, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 16. Juni 2010)

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    Rabah Saadane, den sie Scheich nennen, betreut seit Oktober 2007 zum schon fünften Mal das Nationalteam Algeriens.

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