Trainer

Über die Magie der Fachkompetenz

Christian Hackl aus Johannesburg, 15. Juni 2010, 19:00
  • Artikelbild
    ap photo/martin mejia

    Rabah Saadane, den sie Scheich nennen, betreut seit Oktober 2007 zum schon fünften Mal das Nationalteam Algeriens.

Die afrikanischen Nationalmannschaften erliegen dem Zauber der fremden Trainer

Adekunie Salami ist Sportchef der nigerianischen Zeitung Punch. Er glaubt an die Kraft und den Zauber des afrikanischen Fußballs, sagt, dass man die bisher eher mäßigen Ergebnisse nicht überbewerten dürfe. "Es gibt keinen Grund, enttäuscht zu sein. Noch ist für alle alles möglich. Die Begeisterung ist ungebrochen. Man darf den Leuten die Illusion nicht nehmen. Nach dem zweiten Spieltag wissen wir mehr."

Salami bezeichnet den nigerianischen Teamchef Lars Lagerbäck als Helden. Trotz des 0:1 gegen Argentinien. "Habe Sie gesehen, wie die Mannschaft gekämpft hat? Das haben wir ihm zu verdanken, er hat uns das beigebracht." Der Schwede Lagerbäck hat für fünf Monate unterschrieben, sein Landsmann Sven Göran Eriksson kümmert sich gar nur drei Monate lang um die Elfenbeinküste. Das ist eine Kontinuität, die an Frank Stronach und sein Handeln bei Austria Wien erinnert.

Fünf der sechs afrikanischen WM-Teilnehmer setzen auf ausländische Coaches. Kamerun vertraut dem Franzosen Paul Le Guen, Ghana dem Serben Milovan Rajevac, Gastgeber Südafrika dem Brasilianer Carlos Alberto Parreira. Algerien ignoriert diesen Trend, probiert es zum ungefähr 73. Mal mit dem Algerier Rabah Saadane. Nach dem 0:1 gegen Slowenien wird Saadane allerdings keine allzu intensive Zukunft vorausgesagt. Obwohl das Land eine 50-prozentige Chance auf den WM-Titel besitzen müsste.

Algerien oder Brasilien

Denn eine Statistik, die eher ein Orakel ist, besagt, dass noch nie eine Mannschaft mit einem ausländischen Trainer Weltmeister wurde. Einziger ernstzunehmender Konkurrent der Algerier ist demnach Brasilien, da es erstens einen einheimischen Betreuer (Carlos Dunga) hat und zweitens als einziges Land schon außerhalb des eigenen Kontinents gewann, 2002 in Japan und Südkorea.

Afrika hat also ein Trainerproblem. Das liegt an den Strukturen, an der nichtvorhandenen Ausbildung. Und an der Mentalität der Fußballer. Salami sagt: "Sie respektieren keinen Landsmann, sagen, was willst du, von dir lasse ich mich nicht zurechtweisen, du hast ja keine Ahnung." Vor allem jene, die bei Spitzenklubs in Europa engagiert sind, denken so. Vermutlich haben sie nicht ganz unrecht. Salami kann es nachvollziehen. "Europäische oder brasilianische Trainer haben die bessere Ausbildung, besitzen mehr Fachkompetenz. Sie wissen, wie der Hase läuft. Man glaubt ihnen, ihre Worte haben Gewicht. Solange es kein afrikanischer Trainer zu einem Topverein geschafft hat, wird das auch so bleiben. Und es bleibt lange so."

Das prinzipiell vorhandene Talent der afrikanischen Kicker wurde natürlich auch außerhalb des Kontinents längst erkannt. Die Eto'os oder Drogbas werden eingekauft, quasi als Gegenleistung kümmern sich sogar berühmte ausländische Trainer um die Nationalmannschaften. Sie werden gut entlohnt und sind Teil des Zaubers, der Magie. Nach ein paar Monaten ist ihr Vertrag ausgelaufen, oder sie werden von irgendwelchen übermütigen Verbandspräsidenten gefeuert - um ein paar Wochen später wieder zurückgeholt zu werden. Möglicherweise vom Nachbarland.

Der Türke Mushin Ertugral ist ein Weltenbummler, der Fußballlehrer hat sogar schon einmal in Mattersburg vorbeigeschaut. Er jobbte im Kongo, in Tunesien, zuletzt wurde er beim südafrikanischen Spitzenklub Kaizer Chiefs gefeuert. Er malt ein düsteres Bild vom afrikanischen Fußball. "Es fehlt am Elementarsten. Junge Spieler, die am Ball unglaublich gut sind und Pirouetten drehen, bringen keinerlei taktisches Rüstzeug mit. Sie kommen aus den Townships in die höchste Spielklasse. Das ist, als würde man vom Kindergarten direkt ins Gymnasium wechseln. Wer einmal gewisse Verdienste erworben hat, wird ewig verehrt. Sie ahnen nicht, wie niveaulos die Liga ist."

Das bittere Ende

In Südafrika wird Parreira verehrt. Radioreporter Muthige Azwiowi spielt mit. Bis zum vermutlich bitteren Ende. "Die Leute glauben an ihn. Sie sind überzeugt, dass mit ihm der Titel zu gewinnen ist. Ich glaube das nicht. Parreira ist kein Zauberer." (Christian Hackl aus Johannesburg, DER STANDARD, Printausgabe, Mittwoch, 16. Juni 2010)

Kommentar posten
16 Postings
BerndDasBrot
 
00
16.6.2010, 12:15

Das Orakel soll auch Argentinien in die Liste aufnehmen.

Roberto Cungeo
00
16.6.2010, 11:11
Erinnert

mich alles an Österreich. Das mit der Fachkompetenz der Trainer.

MiNeum71
 
11
16.6.2010, 09:59


Der afrikanische Fußball war seit eher schon völlig überschätzt. Ein paar gute Spieler am Ball - taktisch völlig unbegabt und mit der absolut falschen Mentalität - machen noch keine gute Mannschaft aus.

Dr. Socrates
00
16.6.2010, 13:05

... schreibt ein österreichischer poster

FranzKpunkt
00
16.6.2010, 12:18

Nur das jeder der afrikanischen WM Teilnehmer Österreich in der jetzigen Verfassung zusammenführt...
Und keiner der Spieler ist taktisch völlig unbegabt, die sind taktisch ca 5mal so gut wie alles was heimische Clubs rausbringen... Das mit der Mentalität könnte stimmen, aber die Länder haben schon sehr unterschiedliche Probleme und einen ganzen Kontinent auf solche Aussagen zu reduzieren ist echt a kompletter Blödsinn. Wer keinen Ahnung hat einfach mal nichts sagen...

James Cole
 
00
16.6.2010, 09:47
"Salami sagt:..." alles klar ;)

auch wenn hier die kurzeinsätze internationaler spitzencoaches bei afrikanischen mannschaften eher kritsiert wird, ich würde mir so einen coach in Ö einmal wünschen, den DicKo halt ich nicht mehr aus!

Raphael Hythlodeus
11
15.6.2010, 23:54
brasilien hat nicht nur in japan/südkorea außerhalb des eigenen kontinents den titel geholt...

wenn man so will, haben sie ihre fünf titel in fünf verschiedenen kontinenten/regionen geholt:
europa (schweden)
südamerika (chile)
mittelamerika (mexiko)
nordamerika (usa)
asien (japan/südkorea)

und jetzt wird afrika die liste komplettieren.

Dr. Socrates
00
16.6.2010, 13:06
süd-, mittel- und nordamerika

als drei kontinente führen traut sich sonst niemand;-)

ich bin rapid-fan
11
15.6.2010, 22:12
Am Abgrund!!!!!!!!

Ich glaube, dass es keine afrikanische Mannschaft weiter als bis ins Achtelfinale schafft. Nicht nur wegen den Trainern, sondern auch weil es einfach zu wenig wirklich gute Spieler gibt.

peter schmidt
 
00
16.6.2010, 14:21
kamerun hat seinerzeit mit einer truppe die sich fast ausschließlich aus französischen 2. ligisten (max mittelständlern von belgien und frankreich 1. liga) das viertelfinale erreicht.

wenn ich mir den kader der elfenbeinküste ansehe müsste da noch mehr drinnen sein.

Dr. Socrates
00
16.6.2010, 13:06

... schrieb der rapid-fan.

Artischoke
00
16.6.2010, 01:43

Schaun Sie sich mal den Kader von der Elfenbeinküste an, der hat erhebliche Qualität. Leider wieder in der Todesgruppe.

Ghana und Nigeria sind auch nicht schlecht, aber ca. Achtelfinale ist bei den Beiden wohl eine realistische Einschätzung. Trotzdem, es ist ein Turnier und ne realistische Chance auf mehr haben sie allemal :)

MiNeum71
 
00
16.6.2010, 09:58


Natürlich sind immer die anderen Schuld, daß die afrikanischen Mannschaften nichts gewinnen ... ich würde sagen, am ehesten der US-Sklavenhandel im 18. Jahrhundert.

Artischoke
00
16.6.2010, 14:59

Hab ich nie behauptet. Was ich behauptet hab ist Pech bei der Auslosung bei der letzten und der jetzigen Weltmeisterschaft. Letztes Mal mit Argentinien und den Niederlanden, diesmal Brasilien und Portugal. Es gibt afaik keine Mannschaft, die über beide Turniere zusammen genommen eine schwerere Auslosung hatte.

Road Trippin
00
15.6.2010, 23:20
Warten Sie mal ab...

...phrophezeiungen gibt es im Fußball nicht!

diskdusk
 
01
16.6.2010, 02:29

Doch. Man kann nur nicht wissen welche stimmt. ;)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.