Was unsere Gesellschaft zusammenhält

15. Juni 2010, 18:49
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Medienwissenschafter Gerhard Vowe führte sieben Modelle vor, die wissenschaftlichen Kriterien standhalten

Wie sich Gesellschaften gerne selbst darstellen, das lässt sich zur Zeit gut beobachten. Fans schwingen Fahnen auf der WM, sie singen Hymnen, zeigen Wappen, bekennen Farbe im Gesicht und sonst wo.

Wie aber lässt sich der Begriff "Gesellschaft" wissenschaftlich erklären, was macht sie aus, mit welchen Merkmalen ist sie zu fassen? Diesen Fragen ist der Kommunikationswissenschafter Gerhard Vowe von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität am vergangenen Montag in einem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nachgegangen.

Die eigentliche, zugrunde liegende Frage hat der deutsche Soziologe Georg Simmel vor gut hundert Jahren gestellt, und sie war auch Titel der Veranstaltung: "Wie ist Gesellschaft möglich?" Beantwortet hat sie Vowe nicht direkt. Vielmehr suchte er nach Merkmalen, die moderne soziale Aggregate jenseits der Tagespolitik auszeichnen.

Deren ließen sich viele finden, und sie könnten eine Eintragung in Schotts Sammelsurium ergeben, von A wie Arbeits- bis Z wie Zivilgesellschaft. Als relevant erachtete Vowe sieben Varianten, wobei er betonte, dass sie nicht sauber getrennt zu sehen seien, sondern dass sie wie in Wellen nach- und nebeneinander das öffentliche Nachdenken über unser Zusammenleben charakterisieren. Als erste nannte er die Massengesellschaft, ein Lieblingssujet der frühen Soziologie, die in diesem Zusammenhang gerne von Manipulation und Verflachung sprach.

Öffentlichkeitsgesellschaft beziehe sich insbesondere auf Meinungen, deren Beeinflussung und Wirkungen (siehe z. B. Lazarsfeld und Habermas).

Nach der industriellen komme die Informationsgesellschaft, in der die Programmierung aller Tätigkeiten eine besondere Rolle spielt.

Von ihr leitete Vowe die Wissensgesellschaft ab, die eine Verwissenschaftlichung der öffentlichen Debatten beinhalte - schlag nach bei Daniel Bell und Karl Popper.

Durch Ulrich Beck wurde die Risikogesellschaft zur griffigen Formel, um den Wandel von der Obligation zur Option zu verdeutlichen.

In der Mediengesellschaft, mehr bei uns als in Amerika populär, werde die Medienlogik zur Achse, um die sich alles dreht; ihr müsse man sich anpassen.

In der Netzwerkgesellschaft schließlich (nach Manuel Castells) beruhe alles Geschehen auf der Zirkulation von Information in transnationalen Netzen mit eigener Dynamik.

Vowes mehrfache Betonung von Informationsverarbeitung und Kommunikation passte gut zum Titel der von der Telekom Austria und der Akademie der Wissenschaften veranstalteten und dem Medienhaus Wien kuratierten Vortragsreihe, erinnern die "Hedy Lamarr Lectures" doch an Lamarrs Bedeutung nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Erfinderin im Bereich der Datenübermittlung.

Im Übrigen schienen die genannten Charakterisierungen von Gesellschaft alle irgendwie passend und zum Teil sogar austauschbar. Vowe betonte denn auch nochmals, dass sie je nach Blickwinkel zur Erklärung bestimmter sozialer Phänomene (etwa Persuasion, Wissenschaftsskepsis) geeignet seien, aber nicht unkritisch übernommen werden sollten.

Ein Beispiel dafür hatte er aus der eigenen Forschungspraxis parat: Es werde gern darüber geklagt, dass etwa die Fußballregeln den Erfordernissen des Fernsehens angepasst würden - ein Diktat der Mediengesellschaft? Nein, sagte Vowe, es habe sich herausgestellt, dass nur sieben von den 310 Regeländerungen in den letzten Jahren mit Medien zu tun haben. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 16.06.2010)

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    Was zeichnet die Gesellschaft jenseits der Tagespolitik aus? Der Medienwissenschafter Gerhard Vowe sieht sieben relevante Varianten, von der Informations- über die Netzwerk- zur Risikogesellschaft.

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