Frauenrechtlerin im Namen des Korans

15. Juni 2010, 18:30
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Felix-Ermarcora- Menschenrechtspreis an Friedensnobelpreisträgerin Ebadi - Von Ursula Plassnik

Shirin Ebadi ist eine herausragende Juristin, gläubige Muslimin und iranische Patriotin. Und sie ist eine Frau. Diese vier Komponenten definieren die Einmaligkeit ihres Werkes und dessen Bedeutung für die universellen Menschenrechte. Sie ist eine Unbeugsame und eine Unbequeme, die sich allen vereinfachenden Einordnungen entzieht und sich jedem Vereinnahmungsversuch widersetzt.

Was sie für das Regime so besonders unbequem macht: Sie führt ihren Kampf für die Menschenrechte nicht im Ausland, nicht unter Berufung auf internationale Rechtsquellen. Sie kämpft im Iran selbst, marschiert todesmutig ins ideologisch verminte Schlachtfeld des iranischen Rechtssystems.

Als gläubige Muslimin und islamische Rechtsgelehrte stellt sie sich öffentlich gegen die von den Mullah-Herrschern vertretene Rechtsmeinung, wonach das Leben einer Frau nur halb so viel wert ist wie das eines Mannes. Mit maximaler Akribie und Insistenz erbringt sie Fall für Fall den Nachweis, dass viele Gesetzesbestimmungen schlicht nicht mit dem Koran im Einklang stehen.

An jedem Einzelfall zeigt sie die Strukturen eines irregeleiteten Rechtsverständnisses auf. Davon halten sie weder die Inhaftierung im berüchtigten Evin-Gefängnis noch die Schikanen und Angriffe des Regimes ab. Ihr Glaube an die Macht des Rechts ist unbeugsam.

Obwohl nie Mitglied einer politischen Partei, hat Ebadi aus ihren politischen Einstellungen nie ein Hehl gemacht, auch dann nicht, wenn diese aus heutiger Sicht nicht immer leicht nachvollziehbar sind - so ihre anfängliche Faszination für Ayatollah Khomeini und die islamische Revolution. Viele Freunde und Mitstreiter, die den Iran verlassen wollen, versucht sie verzweifelt zum Bleiben zu bewegen.

Zugleich wirft sie westlichen Firmen wie Siemens oder Nokia vor, mit ihrer Technologie dem iranischen Regime die Verfolgung der Aktivisten der "Grünen Bewegung" zu ermöglichen. Und bezichtigt ihre Freunde in den USA und Europa, das Verhältnis zum Iran durch die "Nuklearbrille" unzulässig zu verengen. Sie bleibt unbequem, nicht nur für ihr Land.

Ihr Eintreten für die Opfer von Ungerechtigkeit und Unterdrückung im Iran nimmt viele Formen an: 2001 gründet sie mit anderen das "Zentrum zur Verteidigung der Menschenrechte" in Teheran, es wird im Herbst 2008 vom Regime geschlossen. Sie ist Mitgründerin der "Vereinigung zur Unterstützung der Rechte von Kindern" und hat das iranische Parlament dazu gebracht, 2002 ein Gesetz über das Verbot von Gewalt gegen Kinder zu beschließen. Die Kampagne "Eine Million Unterschriften" trägt ihre Handschrift.

Shirin Ebadi hat oft Angst gehabt und vieles verloren: ihren geliebten Beruf, ihre geliebte Heimat, geliebte Freunde und Verwandte. Aber aus all diesen Verlusten heraus ist sie zur Mutmacherin geworden, die ihren Mitstreitern zuruft, durchzuhalten und die Angst zu besiegen: " ...denn es ist unsere Angst, die unseren Gegnern Macht über uns gibt". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6. 2010)


Ursula Plassnik, ehemalige österreichische Außenministerin, ist Laudatorin für Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebady, die am Dienstag in Wien mit dem Felix-Ermacora-Menschenrechtspreis ausgezeichnet wurde.

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    Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi kämpft gegen das restriktive iranische Regime mit der Logik des Korans.

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