Von "Germania" bis "Mania"

15. Juni 2010, 17:55
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Günter Krämer gelingt eine formidable "Walküre" an der Pariser Bastille-Oper

Nicht nur die Wagner-Gemeinde blickte gespannt nach Paris, Günter Krämer heißt der wackre Held, der erstmals seit den 1960ern Wagners Ring an der Seine in Szene setzen soll. So richtig überzeugend geriet Rheingold nicht: Eine Herrengesellschaft mit Brustpanzern erklomm da ein Stahlgerüst mit Germania-Schriftzug, Alberichs Nibelungen zerschnitten eine Goldkugel, und allerlei Soldateska irrte herum. Viele Fragen ließ Krämer unbeantwortet.

Nun, nach der Walküre, zeichnet sich indes ab, dass dieser Ring ein Wurf werden könnte - gerade weil Krämer eindeutige, eindimensionale Interpretationen vermeidet. In seiner Walküre befruchten sich auf stupende Weise mehrere Ebenen: Einerseits wird deutlich eine heutige Geschichte um Macht- und Kontrollverlust, um Liebeslust und -entzug erzählt. Andererseits implementiert Krämer eine mit Videoprojektionen aufgerüstete Märchenwelt.

Die Winterstürme des verliebten Wälsungenpaares finden vor einem sehr realen Wonnemond in einem Wald voller Apfelbäume statt, die kraftspendenden Früchte tauchen immer wieder auf und verweisen galant aufs Rheingold, wo sie als Götterspeise dienen. Bei der Todesverkündigung mutiert der Hain zum Totenwald, bevölkert von Spukgestalten. Nicht nur an diesem Punkt rückt die Inszenierung in die Nähe asiatischen Theaters (Otto Pichler hat den Abend mit perfektem Gespür für Timing und Atmosphäre choreografisch begleitet).

Als Kontrast zu den wie gemalt wirkenden Bildern geht es recht handfest zu: Hunding wird von unangenehmen Gesellen begleitet, die für ihn die Drecksarbeit übernehmen; Wotan zerstört im Wutrausch die ersten drei Buchstaben von "Germania" (womit "Mania" als Motto für die weitere Handlung bleibt). Und die Helden sind nackte, blutverschmierte Jungs, die sich von Krankenschwestern verarzten lassen. Letzteres Geschehen wiederholt sich diverse Male, während im Hintergrund weitermarschiert wird.

Krämer umgeht auch jegliche szenische Falle. So findet sich etwa Nothung hinter einer (gemalten) Esche, freigelegt von Siegmund und Sieglinde. Das Schlussbild verweist bereits auf den finalen Weltenbrand, mit blutroten Farben und abgebrannten Baumstämmen. Musikalisch bleiben Wünsche offen. Philippe Jordan dirigiert die ersten eineinhalb Akte langsam, manches duftet da eher nach Debussy. Dann immerhin stellen sich kräftigere Farben, rauere Akkordballungen und dynamischere Tempi ein.

Thomas Johannes Mayer gab einen brillanten Wotan, Günther Groissböck lieferte verlässliche Hunding-Drohtöne, Ricarda Merbeth sang Sieglinde ansehnlich. Bei Robert Dean Smiths Siegmund spürte man eine gewisse Mühe. Glanzlos auch Yvonne Naef als Fricka und Katharina Dalayman, als eine recht grobschlächtige Brünnhilde. (Jörn Florian Fuchs aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 6. 2010)

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