"Ich benutzte die gleichen Praktiken wie die Bank"

15. Juni 2010, 17:51
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Der französische Rekordspekulant will für den Verlust, den er in der Société Générale verursacht hat, den Kopf nicht allein hinhalten

Jérôme Kerviel gibt sich locker. Erstaunlich locker für einen Angeklagten, der zahlreiche Spitzenanwälte einer Großbank gegen sich weiß, der von seinen früheren Arbeitskollegen als Lügner und Krimineller beschimpft wird und der wegen Veruntreuung, Betrugs sowie Fälschung von Computerdaten fünf Jahre Haft riskiert - nachdem er bei der Société Générale 4,9 Milliarden Euro in den Sand gesetzt hatte.

Gewiss, die Nonchalance des 33-jährigen Börsenhändlers wirkt etwas unreif und verrät viel Nervosität. Aber für die Kernfrage zur Schwindel erregenden Höhe seiner Spekulationsverluste hat er eine einfache Erklärung: "Unsere einzige Art Geld zu machen ist es, Risiken einzugehen." Fast unwirsch fügt er hinzu: "Wir leben nun einmal nicht einem Land von Teddybären." Das Publikum lacht. Es steht - im Unterschied zum Finanzplatz Paris - auf der Seite des Angeklagten.

Er habe zwar fiktive Positionen eingenommen, räumt Kerviel ein. Doch seine Vorgesetzten hätten das gewusst; sie hätten ihn sogar dazu ermuntert. Die Einsatzgrenze von 125 Millionen Euro habe faktisch für niemanden gegolten. "Ich habe die benutzte Technik nicht erfunden, ich habe nur abgeschaut", verteidigt sich der Franzose, der heute als Computerfachmann arbeitet. "Ich anerkenne, dass ich zu weit gegangen bin. Aber ich benutzte die gleichen Praktiken wie die Bank."

Gewinne für die Bank

"Bis zu einem Einsatz von 50 Milliarden Euro?" fragte der Gerichtspräsident. Das sei übertrieben gewesen, räumt der Kerviel ein, betont aber, er habe sich nie persönlich bereichert. "Das einzige Ziel war es, meine Operationen mit einem Gewinn für die Bank abzuschließen." "Trader zu sein heißt durchaus, Risiken einzugehen", meint Kerviels früherer Chef Jean-Pierre Mustier. "Aber Positionen bis 50 Mrd. einzugehen - das geht doch nicht." Kerviel habe immer gelogen, sagte Mustier, um zu fragen: "Wenn er behauptet, dass seine Vorgesetzten im Bild waren, warum hat er seine Operationen dann kaschiert?"

Dagegen bietet die Verteidigung einen eigenen Zeugen - einen Händler, der dem Finanzbusiness den Rücken gekehrt hat und deshalb "völlig frei reden" kann, wie er selber sagt. Und was Benoît Tailleu sagt, spricht nicht für die Société Générale. "Ich bin überzeugt, dass ihn die Hierarchie deckte", so der heutige Innenarchitekt. Es sei unmöglich, dass ein Cheftrader nicht merke, wenn ein Untergebener 50 Milliarden einsetze. "Außer er verbringt den ganzen Tag an der Bartheke.

Am Dienstag belegte Kerviels Anwalt, dass die Bank zumindest über Kerviels Wochenabschlüsse im Bild gewesen sein musste: Seine persönliche Bilanz wechselte zum Beispiel 2007 binnen sechs Monaten von minus 2,2 auf plus 1,4 Mrd. Euro. Das war der SocGen bekannt, wie deren Vertreterin Claire Dumas zugeben musste. Sie gab aber zu bedenken, Kerviel habe diese realen Zahlen mit fiktiven Positionen gemischt.

Spirale nach unten

Nach einer Woche Prozess tritt langsam auch zu Tage, wie Kerviel gehandelt haben muss: Mit virtuellen Milliarden jonglierend war der junge Trader in eine negative Spekulationsspirale geraten und hatte die vorübergehenden Verluste in der Hoffnung verborgen, bald wieder auf die Gewinnstrecke zurückzufinden. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2010)

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    Jérôme Kerviel, der frühere Händler der Société Générale, muss in Paris vor Gericht erklären, wie er knapp 50 Milliarden Euro - quasi unbemerkt - in den Sand setzen konnte.

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