Notwendige Gefühlsverletzungen

15. Juni 2010, 17:31
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Christoph Lepschy geht den emotionalen Übertretungen im Gegenwartstheater auf den Grund

Das Theater, egal in welcher Form und Gestalt, kommt nicht ohne Gefühle aus. Es ist eine Arbeit an und mit der Emotionalität der Menschen, die schon im antiken Drama die zentrale Rolle spielt. Gefühle mögen zu den anthropologischen Konstanten gehören, dennoch unterliegen sie historischen Wandlungen - die nicht zuletzt an ein bestimmtes Körperverständnis gekoppelt sind.

Der antike Katharsis-Begriff, also das emotionale Mitleben zwecks "Reinigung" und "Läuterung" , lässt sich auf heutige Genres wie TV-Doku-Soaps oder Ratgeberliteratur anwenden, wo es letztlich auch nur darum geht, emotionale Verstrickungen zu erkennen und aufzulösen.

Dabei kann es immer wieder auch zu Gefühlsverletzungen kommen. Das Theater braucht sie für Konflikte und zur Dynamisierung der Handlung. Im Rahmen der Vortragsreihe mit dem Titel Liebe, Hass, Verzweiflung: Zur medialen Inszenierung intensiver Gefühle geht heute der Salzburger Dramaturg und Professor am Mozarteum, Christoph Lepschy, diesen emotionalen Übertretungen im Gegenwartstheater auf den Grund. Er fragt nach dem Zusammenhang alltäglicher und inszenierter Verletzungen oder nach den Umsetzungsstrategien der zeitgenössischen Theatermacher.

Dass bei diesen Inszenierungspraktiken mitunter die Grenzen des Darstellungsraums verlassen werden, führt nicht selten zu massiven Irritationen des Publikums: Also wieder zu "verletzten Gefühlen" , die sich einem theatralischen Kalkül verdanken. Lepschy illustriert seine Thesen mit ausgewählten Beispielen zeitgenössischer Inszenierungen. (dog/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 6. 2010)


>> Salzburg, Universität, Akademiestr. 26 (HS 330), 0662/80 44-45 31. 18.00

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