Sparprogramm: Worauf warten die noch?

15. Juni 2010 16:57

So bescheuert und verantwortungslos sind unsere Regierungsspitzen auch wieder nicht

Standen da neulich ein paar Herren am Kanzlerfest (äh, "Sommerfest der SPÖ") beisammen - der Wirtschaftsforscher, der hohe Funktionär der Industriellenvereinigung, der sozialdemokratische hohe Notenbanker - und tauschten sich aus: "Waren Sie bei der Sitzung des Beirats - ist da was über die Budgetkonsolidierung geredet worden?" "Nein, nix." "Und was war in der Koordinierungsgruppe für die Pensionsreform?" "Auch nix. Schmäh g'führt is' worden." "Na, vielleicht gibt's ein geheimes Gremium, wo schon die Konzepte für das kommende Sparprogramm plus Steuererhöhungen diskret vorbereitet werden. Wenn man bis Oktober fertigwerden will, dann muss man langsam anfangen." "Nicht dass wir wüssten."

Die drei Herren gehören zur wirtschaftspolitischen Funktionselite des Landes, sie sind Experten, Sozialpartner, Interessenvertreter mit Sachverstand. Bis auf Nuancen herrscht bei ihnen Konsens, dass Österreich dringend das tun muss, was ganz Europa tut: ein Konzept zur Bewältigung der Staatsschuldenkrise basteln und politisch absprechen, wie dieses in der Koalition und mit den Sozialpartnern umgesetzt werden kann. Deutschland tut es, Frankreich tut es, praktisch alle tun es.

Österreich anscheinend nicht. Denn im Herbst sind zwei überaus wichtige Landtagswahlen (Wien und Steiermark), und die Politik hält die Bevölkerung für so vertrottelt, dass vorher nicht über die Notwendigkeiten gesprochen werden darf.

Dass nicht gesprochen werden darf, wäre ja irgendwie als Taktik nachvollziehbar. Aber wenn nicht alles trügt, dann wird derzeit auch nicht sachlich (vor-)gearbeitet. Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass Finanzminister Pröll seine Beamten etwas ausarbeiten lässt. Selbstverständlich hat Kanzler Faymann die nahestehenden Experten von Gewerkschaft und Arbeiterkammer gebeten, auch für ihn etwas auszuarbeiten. So bescheuert und verantwortungslos sind unsere Regierungsspitzen auch wieder nicht.

Österreich kann nicht mehr weiter so Schulden machen wie bisher. Das bedeutet Einschnitte und Steuererhöhungen. Das politische Kunststück wird sein, ein wirksames, politisch verkaufbares Programm zu erarbeiten.

Wenn die Informationen und Indizien nicht trügen, dann findet das derzeit nicht statt. Das stärkste Indiz sind die sich steigernden Alarmrufe von Menschen wie Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, und Ewald Nowotny, Chef der Nationalbank. Aiginger, VP-nahe, aber geistig unabhängig, fordert dringend einen "nationalen Zukunftspakt". Nowotny, SP-nahe, aber geistig unabhängig, spricht von einem "dramatischen Moment". Sparen sei angesagt, auch wenn dies kurzfristig weniger Wachstum bringe.

Oder man kann es auch sagen wie Josef Pröll vor kurzem in einem unbedachten Moment: Wenn es so weitergeht, sind wir in ein paar Jahren Griechenland.

Faymann hat am SP-Parteitag über 95 Prozent gekriegt. Er hätte nun den Rücken frei. Pröll ist innerparteilich unumstritten. Worauf warten die noch? (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2010)

Kommentar posten
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.MS.
18.06.2010 15:38
Wer ist jetzt der neue Herausgeber der Kronenzeitung?

Vielleicht sollte man ein bisschen warten, bis die Situation dort geklärt ist und ein neues Regierungsprogramm vorliegt?

Toni Meister
16.06.2010 21:53
Joseph Stiglitz erklärt, weshalb Europa zu viel spart, weshalb die Defizite weiter wachsen werden und wo Spekulanten nun aktiv sind.

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaf... y/21003692

" Es ist schon schlimm genug, dass Länder wie Griechenland und Spanien ihre Ausgaben zurückfahren, um ihren Finanzhaushalt zu verbessern. Und nun tun es alle europäischen Länder. Das wird das ohnehin schon magere Wirtschaftswachstum noch mehr bremsen. Tritt das ein, wird das Defizit sogar noch wachsen ".

Briefmarkenkleber
16.06.2010 17:35
Schadensmaximierung

Pröll präsentiert erste Eckpunkte im Oktober - VOR der Wahl. Das Ziel: Die SPÖ schwächen, eigene Verlust wiegen da aus bundespolitischer Sicht (Schwächung des Koalitionspartners) nachrangig.

sociovation
16.06.2010 16:46
Dort besteuern,

wo Geld auf Halde gelegt wird und mit dem Geld die Wirtschaft wieder ankurbeln, damit es am Ende mehr Beschäftigung und damit weniger Staatsausgaben gibt.
There is no alternative.

hotzenplotz1001
16.06.2010 15:44
Das ist doch dieses Erstarr-Spiel, das wir mit vier gespielt haben.

Die einzige Regel lautet: Wer sich als erster bewegt, verliert.

Just N. Opinion
 
16.06.2010 14:40
worauf die warten?

a) dass jemand anderer die krise fuer sie loest.
b) dass sich alles irgendwie schon ausgehen wird.
c) faymann, dass proell, und proell, dass faymann den anfang macht.
d) dass ein wunder geschieht.
e) dass ein anderes land eine superloesung praesentiert, die funktioniert und die man nachmachen kann.
f) auf eine idee, was man denn machen koennt.

flotter denker
16.06.2010 18:58
vielleicht warten die auf Godot?

ino
16.06.2010 13:17
ja, eh. aber bitte nicht in panik verfallen

klar kann der staat nicht die verschuldung der letzten jahre fortsetzen. aber die letzten jahre sind auch von der größten krise seit 45 geprägt. da jetzt reinzusparen wäre analog dem wahnsinn der regierung brüning 1931 und die war nicht zufällig die letzte demokratisch legitimierte regierung der weimarer republik.

schulden aus krisen kann man dann abbauen, wenn es wieder genug wachstum gibt zB SWE und FIN in den 90er jahren. wenn es kein wachstum gibt, werden die schulden immer mehr, siehe japan.

wachstum setzt auch voraus, dass mit diesen schulden auch vernünftige investitionen finanziert werden, eben bildung und F&E.
aber jetzt die nachfragestützen aus dem budget absetzen wäre absoluter wahnsinn!

spekulant_in, realwirtschaftlich
16.06.2010 13:52
und die war nicht zufällig die letzte demokratisch legitimierte regierung der weimarer republik.

Zur Sicherung seines Betriebssystems schaltete der bürgerliche Staat nicht ungern auf undemokratische Führerschaft um - auch heute wird wieder debattiert. Wenn man die Mehrheit des Volkes verarmt, um den Kapitalismus am Laufen zu halten, muss man sich vor Widerstand schützen:

"Der Artikel legt nahe, dass manche Wirtschaftsvertreter autoritären Maßnahmen keineswegs abgeneigt sind, und fragt, ob „der Verfassungsstaat im Systemwettbewerb“ gegenüber China und Russland „noch bestehen“ kann. Die Diktatur, urteilt der Autor, ein Beiratsmitglied der Berliner Bundesakademie für Sicherheitspolitik, „hat sich als Irrweg erwiesen“. Einer Grundsatzdebatte über den Nutzen diktatorialer Praktiken verweigert er sich jedoch nicht."

http://is.gd/cRk

Wolfgang56
16.06.2010 13:01
Für was sparen?

Für die Bankenzocker, Griechenland, Spanien, unfähige Politik, doppelte EU Beiträge, usw.?
Schluß damit, die österr. Bevölkerung hat bisher genug gespart!

Absolut bekloppter Johnson
16.06.2010 13:06

solang wir uns 9 bundesländer leisten können, mit ~56 jahren in pension gehen, 21 verschiedene krankenkassen haben,....

brauchen wir nicht mit dem finger auf andere zeigen

spekulant_in, realwirtschaftlich
16.06.2010 14:49
Diese Argumentation war vorhersehbar.

Der Papagei hat's auch gesehen:

http://is.gd/cRp7P

Kalvarienberg
16.06.2010 13:58
35 verschiedene Krankenkassen !

Absolut bekloppter Johnson
16.06.2010 14:08

danke, war aus dem (unzuverlässigen) gedächnis geschrieben

Slow Burn
16.06.2010 12:37

"So bescheuert und verantwortungslos sind unsere Regierungsspitzen auch wieder nicht." - Ah, nicht?

Toni Meister
16.06.2010 12:13
Sparen in den Niedergang :Das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus ?

http://www.tagesspiegel.de/meinung/s... 59402.html
Die zentrale Ursache für die Ausweitung der Staatsverschuldung ist, dass die Krise Unternehmen und private Haushalte zum Sparen zwingt. Nachfrage, Gewinne und Investitionen brechen auf breiter Front ein und mit ihnen die Steuereinnahmen. Das schmutzige Geheimnis des Kapitalismus ist aber, dass entweder der private oder der staatliche Sektor Schulden machen und mit diesem Geld in neue Produktion und Infrastruktur investieren muss, wenn die Wirtschaft prosperieren soll. Darum war es richtig, mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen die Krisenfolgen auszugleichen. Wenn alle 27 EU-Staaten gleichzeitig sparen, ist die Rezession programmiert.

peace & love
16.06.2010 13:58
'Darum war es richtig, mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen die Krisenfolgen auszugleichen.'


war es nicht. das resultat davon sehen wir jetzt.

Childerich von Bartenbruch
16.06.2010 14:10
das resultat sehen wir nicht erst jetzt!

das war doch von vorhinein sonnenklar, dass in die finanzwirtschaft und wirtschaft geld gepumpt wird, das man sich nachher vom steuerzahler zurückholt.

dass hier im windschatten der krise eine gigantische umverteilungswelle von unten nach oben umgesetzt wurde, sollte niemanden überraschen.

tante ösistan
16.06.2010 12:25
wenigstens mal ein halbwegs ehrlicher beitrag

ein weiterer fortschritt, weg von der ideologie, hin zur wahrheit:
- man sagt kapitalismus,
- man gibt zu, dass kapitalismus nur mehr mit schulden funktioniert (GERADE WEIL bereits so viel vermögen bei wenigen einzelnen angesammelt ist)
- man sagt wieder proletariat
http://derstandard.at/plink/127... 4/17039416

wie schon von mir an anderer stelle geschrieben: die zweite charaktermaske zeigt sich bald in bester performance auf der bühne.

Nichtschweiger
 
16.06.2010 13:06
Kein Kapitalis hat je einen Staat gezwungen sich zu verschulden...

..im Gegenteil! Hauptschuld an der hohen Staatsverschuldung ist nicht der Kapitalismus sondern der Sozialismus.

Der Kaptialismus funktioniert auch ohne oder mit deutlich weniger Staatsschulden ganz gut - man hat es nur nicht versucht. Man hat sich eigentlich auf den Kapitalismus verlassen und die Schulden in die Höhe getrieben in der Hoffnung dieser Würde schon für die Rückzahlung der Schulden sorgen. Das ist ziemlich lange gut gegangen aber dann wurde der Bogen überspannt! Das ist jetzt das Ergebnis! Verwechseln sie also nicht Ursache und Wirkung!

F F
17.06.2010 08:16

Ihre These ist grundfalsch. Kapitalismus funktioniert nur mit Schulden. Von was leben die Gläubiger ( Banken) doch nur von den Zinsen aus der Verschuldung der Staaten. Ergo wenn alle schuldenfrei wären müssten wir unsere Finanzindustrie vor dem Untergang retten

amused8
16.06.2010 17:04
Sparparadoxon des Kreditgeldsystems

Völlig falsch. Wenn Unternehmen wegen Überschuldung sparen müssen, kann niemand die privaten Haushalte zwingen, nicht zu sparen, also zu konsumieren. Ein Szenario, dass eine Depression unausweichlich werden läßt, falls der Staat nicht eingreift.

Richard Koo, der Chefvolkswirt der japanischen Großbank Nomura hat in seinem Buch Balance Sheet Recession aus dem Jahr 2003 eindrucksvoll gezeigt, dass die exorbitante Staatsverschuldung Japans in Höhe von rund 160 Prozent des BIP (Stand 2003, heute 200%) unausweichlich war. Der Staat musste es den Unternehmen ermöglichen, von ihren Schulden runterzukommen. Sie waren durch die geplatzte Blase am Immobilien- und Aktienmarkt hoffnungslos überschuldet.

tante ösistan
16.06.2010 16:27
schau

hier hat einer mal zahlen genannt:
http://derstandard.at/plink/127... 6/17044278

nicht schlecht, oder? und das ist noch lange nicht alles.

spekulant_in, realwirtschaftlich
16.06.2010 13:14
Der bürgerliche Staat ist ideeller Gesamtkapitalist

Das heißt: Durch Sozialtransfers (= Konsumförderung = Wirtschafts- und Wachstumsförderung), Schuldenmachen zum Zwecke des Aufbaus Kapitalanziehender Infrakstruktur und durch weitere Gesetzgebungsmaßnahmen bereitet er den Standort fürs Kapital auf. Hinzu kommen natürlich - das ist grundlegend - Maßnahmen zur Sicherung des Privateigentums: innere Sicherheit; auch "Sicherung" von Ressourcen außerhalb und natürlich müssen durch Subventionen nationale Einzelkapitale bei Eroberung des Weltmarkts finanziell gestützt werden ...

Das sind die Schulden. Alles zur Förderung des Kapitalismus und seines Wachstums.

spekulant_in, realwirtschaftlich
16.06.2010 14:45
Bildung habe ich vergessen

Ein User schreibt es weiter oben: "wachstum setzt auch voraus, dass mit diesen schulden auch vernünftige investitionen finanziert werden, eben bildung und F&E."

Schulsystem, Unis ==> ideeller Gesamtkapitalist. Es wird die Ausbildung für die kapitalistischen Unternehmungen öff. finanziert. Also es wird öffentlich die Ausbildung der künftigen Mitarbeiter finanziert.

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