Nachlese

Wilde Ruheoasen

Julia Schilly, 20. Juni 2010, 18:19
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    Stadtwildnis im dritten Wiener Gemeindebezirk

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    Auf den Aspanggründen sollen 3000 Wohnungen bis 2016 entstehen

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    Die Gstett'n als Rückzugsgebiet im grauen Großstadtdschungel

"Gstett'n" sind Brachflächen, die zumindest für einige Zeit von der Natur zurückerobert werden dürfen - Die Wiener Umweltanwaltschaft hat einen Führer veröffentlicht

Andrea Schnattinger und Wilfried Doppler sind in ihrem Element. "Ist das eine Nachtkerze?", fragt die Wiener Umweltanwältin. "Ja, aber untertags hat sie ihre Blüten leider geschlossen", entgegnet der Stadtökologe und tippt auf die gelben Blütenblätter. Sie befinden sich auf einer "ungepflegten Grünfläche" auf der Baustelle der Aspanggründe, einer sogenannten "Gstett'n", einem Ort, der zumindest temporär von der Natur zurückerobert werden darf. Im Westen ziehen Kräne einen neuen Stadtteil in die Höhe, im Osten donnern die Lastwagen und die Wagons der Straßenbahnlinie 18 über die Landstraßer Hauptstraße. Der kleine Flecken Stadtwildnis bietet den Bewohnern des dritten Wiener Gemeindebezirks eine kleine Ruheoase.

Gstett'n entstehen zum Beispiel auf Baulücken, alten Fabriksgeländen, verwilderten Gärten oder entlang von Bahnschienen. Sie bieten jedoch nicht nur einen Rückzugsraum für Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen. Besonders Stadtkindern wird dadurch ein Erlebnis in der Natur ermöglicht - abseits von künstlich designten Parks, in denen vielleicht noch dazu das Betreten der Rasenfläche verboten ist. "Einen Käfer in der Hand spüren, einen Ast abbrechen: Natur unmittelbar zu erleben ist für Kinder sehr wichtig", ist Wilfried Doppler überzeugt.

Die Baulücke bei den Aspanggründen bietet dazu die Gelegenheit, erinnert sie doch eher an die Kulisse eines Astrid Lindgren Romans, als an urbane Funktionalität, in der oft wenig Platz für kindliche Entdeckungslust bleibt. Um eine kleine Übersicht dieser Verwilderungsareale zu schaffen, veröffentlichte die Wiener Umweltanwaltschaft in der nun bereits vierten Auflage den "Gstettnführer", der erstmals 1994 erschien. Im Sommer 2008 wurden die Stadtwildnisflächen erneut überprüft und Veränderungen dokumentiert.

Lebensraum auf Zeit

Intensiver Regen und Sonnenschein der vergangenen Wochen verfehlten ihre Wirkung auf der Gstett'n Aspanggründe nicht: Es wuchert, sprießt und krabbelt hier inmitten eines Ortes des "Nutzlosen", einem Stück Stadt, das noch nicht bebaut ist. Von banalem Klee, Kletten und Disteln über wilde Karotten bis hin zu Heilkräutern wie Johanniskraut oder Kamille zeigt sich die Vegetation in bunten Facetten. "Alteingesessene" Arten wie das Hirtentäschel ringen mit Einwanderern, sogenannten Neophyten, wie dem Götterbaum um den knappen Boden. Die Wiesen sind gut besucht von Insekten, werden aber erst in den kommenden Wochen ihre volle Farbenpracht entfalten. Die Tiere folgen schnell: Maulwürfe, Fledermäuse, Schmetterlinge, Eidechsen, Gottesanbeterinnen, Wechselkröten oder Libellen teilen sich das Stück Natur inmitten eines immer grauer werdenden Großstadtdschungels. "Als Naturschützer stimmt es mich zuversichtlich, wie die Natur nach kurzer Zeit zum Vorschein kommt", sagt Doppler.

"Auf Brachflächen siedeln sich Arten an, die in kurzer Zeit viele Samen ausbilden und sich damit rasch vermehren können. Viele davon sind auch optisch sehr attraktiv", erklärt Andreas Muhar, Leiter des Instituts für Raum, Landschaft und Infrastruktur an der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku). Diese Entwicklung sei sehr stark von Zufällen abhängig, berichtet er: "Wer als erster kommt, gewinnt. Erst nach einigen Jahren beginnt dann eine systematische Weiterentwicklung, etwa wenn erste Gehölze aufkommen."

Natur für Stadtbewohner

Die Möglichkeit von Gstett'n das Stadtklima positiv zu beeinflussen, sei jedoch begrenzt, sagt Muhar. Das liege vor allem an ihrer geringen Größe: "Abkühlung oder Anreicherung mit Luftfeuchtigkeit sind natürlich vor Ort merkbar. Es gibt aber meist kein größeren Bäume, die eine stärkere klimatische Wirkung aufweisen könnten." Das wesentliche Argument für ein Stück Stadtwildnis sei, dass dort die Bevölkerung die Natur als etwas Veränderliches wahrnehmen kann, sagt der Boku-Mitarbeiter: "Egal, wieviele Arten dort vorkommen: Es gibt immer eine große Dynamik, Bestände wachsen und brechen wieder zusammen, jedes Jahr schaut die Fläche anders aus. Und wir können die Flächen auch mit viel weniger Einschränkungen nutzen, können Aktivitäten ausüben, die in den geregelten Parkanlagen nicht möglich sind."

Frage der Haftung

Gibt es einen Grund, warum Baufirmen und Grundbesitzer die brachstehenden Gebiete einzäunen sollten? "Es ist eine Frage der Haftung. Wenn jemand zu Schaden kommt, oder eine massive Verschmutzung entsteht, sind die Eigentümer dran", sagt Doppler. Das mag ein Grund sein, warum die Bewohner Wiens viele Gstett'n nicht betreten dürfen.

Der Stadtökologe und die Umweltanwältin sind am Ende ihres Spaziergangs angelangt. Ein kleiner Tümpel am Wegesrand zieht die Aufmerksamkeit der Umweltschützer auf sich. Fachkundig bestimmen sie die kleinen Insektenlarven. "Das sind rote Mückenlarven", Schnattinger zeigt auf kleine Punkte, die sich kaum bewegen. "Man muss aber auch dazu sagen, dass das", sie deutet auf etwas länglichere Punkte, "Gelsenlarven sind." Doppler nickt und ergänzt: "Ja, uns freut das vielleicht nicht, aber die Libellen freut das schon." Genauso wichtig sind Schlamm und Wasser für die Wechselkröten und Mehlschwalben, die den Tümpel zum Ablaichen oder zum Sammeln von Nistmaterial aufsuchen.

In der Gstett'n Aspanggründe hat sich bereits nach kurzer Zeit ein dynamisches Ökosystem gebildet. Die Stadtentwicklung kann darauf dennoch keine Rücksicht nehmen: Bis 2016 soll hier ein neues Stadtviertel entstehen, das 3000 Menschen in 1700 Wohnungen Lebensraum bietet. (Julia Schilly, derStandard.at, Juni 2010)

Kommentar posten
17 Postings
GoodieGoodie
01
10.3.2012, 22:34
Die Stadtwildnis im 3.Bezirk ist zum Hundeklo verkommen!

Anscheinend sind (zu) viele Hundebesitzer der Meinung, dass dort die "Sackerl-Gackerl"-Regelung nicht gilt. In der Stadtwildnis kann man nur noch im Slalom gehen, und Kinder kann man dort auch nicht mehr spielen lassen. Alle Wege sind zugesch.....

Rich. Hengstenberg's kalif. Walnuss Essig
01
23.6.2010, 04:32

Ich war heute kurz in der Ruheoase Adpanggründe um sie in foursquare einzutragen. Aber da ist ja bereits nichts mehr!

ulli zeller
04
22.6.2010, 15:30
früher einmal ...

wir konnten als kinder noch ungestört die gstettn bevölkern - ein abenteuerspielplatz, der nicht normiert war und kein mensch hat nach "haftung" geschrieen. da und dort ist einmal was passiert, jemand in einen bombentrichter gefallen, aber wir haben diese plätze geliebt und keinerlei animierte action gebraucht wie die heutigen kinder.

t_e_l_e
04
22.6.2010, 13:52
hab gleich mal den gstettnfuehrer bestellt...

...mal schaun wo mich der ueberall hinfuehrt

shepherd
01
22.6.2010, 17:18
ich auch ...

bin gespannt, wieviele davon in wirklichkeit noch existieren bzw. wie es in einem jahr aussehen wird

dreyfusard
15
22.6.2010, 11:06

wien ist von einer korrupten geldmacher und zubetonierermentälität verseucht und die bevölkerung schaut zu. grünflächen verschwinden sukzessive aus der stadt, werden zu bauland umgewidmet. dies gilt dann als unumstößlich.
ich weiß nicht, ob eine andere stadtregierung da weniger betonkopfmentalität zeigt, diese aber werde ich nicht mehr wählen, denn sie benehmen sich unverantwortlich und schäbig.

TheKnurz
60
22.6.2010, 11:21
Huch!!

In einer Stadt wird gebaut.. OH MEIN GOTT! Bitte sofort die UNO anrufen!!!

Stalker Tarkov
01
22.6.2010, 11:40
Falsche Adresse

Wenn schon dann UNEP. Aber im Falle Wien wäre die Umweltanwaltschaft Wien der richtige Ansprechpartner. Und natürlich die zahlreichen Bürgerinitiativen.

TheKnurz
50
22.6.2010, 11:48
Man kann alles übertreiben...

und sollte auch nicht vergessen das Wien den größten Grüngürtel aller Großstädte hat. Lächerlich sich da wegen paar m² aufzuregen die Innerstädtisch verbaut werden.

Stalker Tarkov
15
22.6.2010, 12:33

Die paar Quadratmeter summieren sich aber im Laufe der Zeit. Und der Grüngürtel wird auch hie und da beschnitten. Und noch weiter draussen werden wertvolle Ackerflächen zubetoniert. Stadt muss keine Asphalt- und Betonquote von 100% haben. Wer auf Pflanzen verzichten kann, soll sich ein Loch in's Knie bohren und Beton hineingiessen.

wellenschreiber
010
22.6.2010, 07:42
Die armen Kinder heute!

Ich hatte damals (ab 1968) noch das Glück in einer intakten Gstett´n-Umwelt aufwachsen zu dürfen. Die Pfützen waren so groß, daß man sich aus Paletten ein Floß bauen konnte um sie zu befahren. Das Wachstum der Kaulquappen konnten wir täglich nachvollziehen. "Mein" Platz in einem riesigen alten Hollabaum war etwa 3 Meter über dem Boden. Wir haben Feuer gemacht, uns Pfeil und Bogen angefertigt und wir konnten damit auch umgehen. Wenn wir die Welt von oben sehen wollten, dann sind wir auf die 5 Meter hohen Laternenmaste hinaufgeklettert. Wie unterschiedlich stark Brennesseln brennen können konnten wir schon aus ihrem Aussehen schließen. Wir haben Kohlrabi aus dem Feld der Gärtner geholt und gegessen. Wir haben Wasser aus Hydranten getrunken...

Sam Deer
 
09
22.6.2010, 05:27
Kinder brauchen Gstett'n

für eine gesunde Entwicklung.

Elisabeth1201
04
22.6.2010, 00:46
Gstetten

Was sollen das für Naturreservate sein, wo die Bevölkerung drinnen herumtrampelt, alles abreisst und totmacht, aus Tümpeln rauszieht, Feuer macht, usw. Und schlussendlich wird dann zubetonniert.
Wohin sollen dann all die Tiere fliehen?

Brachflächen sind ganz wichtige Naturinseln, allerdings dürfen sie nicht zu weit auseinander liegen und natürlich nicht allzusehr "benutzt" werden. Beton natürlich sowieso nicht.

Die Landwirtschaft hat das ganze Land mit Plantagen vergiftet und verödet, die Städte wären noch ein bissl Naturzuflucht - aber bei dem massiven Bauwahn allerorten chancenlos.

Bringt kein Geld, also weg damit. Und vorher als "Erholungsraum" verkaufen ........

shepherd
04
22.6.2010, 00:35
wenns nach der 5PÖ und den stadtentwicklern

geht, dürfen grünflächen nur noch als gestaltete, winzige zwischenräume zwischen neuen wohnsiedlungen existieren, alles weitere wäre ja "ungenutztes kapital".
oder, wie es ein roter bezirkspolitker aus favoriten formuliert "wir werden jede lücke zubauen". leider ist dieser jemand auch noch stolz auf auf diese rote vorgehensweise ... :(

statt tlw. öffentlichen freiflächen für kinder,erwachsene (auch senioren!)soll ja auch das areal des eisring süd mit wohnungen verbaut werden.

begründung:
die neuen sportflächen werden in zukunft sooo intensiv genutzt, dass man nur noch 1/3 der fläche dafür benötigt (aussage eines weiblichen, roten gemeinderatsmitgliedes) ... darum wärs ja schade um die restlichen 2/3, und deshalb werden die eben verbaut

worry1
012
21.6.2010, 17:53
Leider herscht bei uns die Philosophie

Zubetonieren und grün anmalen.
Ob Gärten oder Park, günes Gras ist gerade noch erlaubt, dabei haben Insekten, Vögel und andere Tiere in einem "enlischen Rasen" keine Möglichkeit sich zu ernähren und sich zu vermehren.
zB. brauchen Schmetterlinge Disteln usw. - aber genau diese Pflanzen werden gekillt und damit zerstört man die Lebensgrundlage dieser Tiere.
Somit hat man eine grüne Einöde statt lebendige Natur.

Stalker Tarkov
012
21.6.2010, 13:04
Wenn eh bekannt ist...

...dass Gstettn toll sind, dann bitte den Rest der Gstettn hinter der Fachhochschule am Alten Landgut nicht mit einem Parkplatz o.ä. zuasphaltieren, danke!

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