Nana und ihre Vertraute, die Magersucht

16. Juni 2010, 07:00
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Das Stück "Schneewittchenpsychose" befasst sich mit Anorexie und den Medien als Transporteure einer (un)möglichen Welt

Um sie dreht sich alles. Jeder Tag, jede Nahrungsmittelaufnahme, jede sportliche Betätigung und auch jede Körperfunktion wird ihr untergeordnet: Anorexie oder "Ana", wie sie in der Beschreibung des Stückes "Schneewittchenpsychose" beinah liebevoll genannt wird. Diese Verniedlichung der lebensbedrohenden Krankheit ist keine Erfindung der Autorin Sophie Reyer. Die Krankheit als treue Begleiterin oder gar als beste Freundin darzustellen ist in diversen Anorexie-Foren (auch "Pro-Ana"-Seiten genannt) keine Seltenheit. Auch der zunehmende Rückzug von Freundschaften und sozialen Tätigkeit wird dort beschrieben.

Handlungsanweisungen von Ana an Nana

Dieser Rückzug ist auch zentrales Thema in Reyers Stück "Schneewittchenpsychose", das am 17. Juni im Wiener Dschungel Premiere hat. Die Inszenierung von Tanja Witzmann beschäftigt sich mit der 20-jährigen Nana, die ihren Lebensraum immer mehr einschränkt, um in Ruhe ihre Magersucht auszuleben. "Das Stück spielt in einer Klinik für Essstörungen, Nana hat dort zwei 'Mitinsassinnen', eine TV-Moderatorin und Ana, die Göttin der Anorexie", so Tanja Witzmann gegenüber dieStandard.at. Witzmann beschreibt Ana und die Moderatorin als Spiegelungen, die aber andererseits auch Mitinsassinnen sind. Ana gibt Nana konkrete Handlungsanweisungen ("lies Nährwerttabellen" oder "keine Burger") und die Fernsehmoderatorin versorgt Nana mit Fakten, die die Medien transportieren: "Hunger führt zu Anämie, Eisenmangel, Vitamin A-Mangel".

Schönheit als legitimierte weibliche Macht

"Das Stück ist geschnitten aus Tagebuchaufzeichnungen von Tagesabläufen einer Magersüchtigen in einer Klinik und poetischen Textflächen zwischen Nana und ihren 'Spiegelungen'", so Witzmann. "Schneewittchenpsychose" ist somit kein realistisches Stück, sondern besteht eher aus poetischen Sprechflächen, die als Zustandsbeschreibungen von Nana fungieren. Inspiriert wurde das Stück auch durch das sogenannte "Anas Manifest", eine Pro-Ana-Seite aus dem Netz, die "gute Gründe" liefern will, Magersüchtig zu sein. 

Die Gruppe "Faimme", die aus Schauspielerinnen um die Jungautorin Sophie Reyer besteht, wurde aufgrund ihrer feministischen Herangehensweise auf die Regisseurin Tanja Witzmann aufmerksam. "Der Titel 'Schneewittchenpsychose' hat mich sofort angesprochen", so die Regisseurin, "Schönheit ist in dem Märchen die einzig archetypisch weiblich legitimierte Macht". (beaha, dieStandard.at, 16.6.2010)

Info

Text und Musik: Sopie Reyer, Markus Krispel, Regie: Tanja Witzmann, Dramaturgie: Alexander Matthias Kosnopfl, Schauspiel: Gina Mattiello, Ruth Ranacher, Heike Möller, Kostüm: Sophie Setz-Rasmussen

Do. 17. Juni 2010 19:30, Fr., 18 Juni 2010: 10:30 / 19:30, Sa., 19. Juni 2010: 19:30, Mo., 21. Juni 2010: 10:00 / 19:30

Dschungel Wien - Theater für junges Publikum, Museumsquartier, Museumsplatz 1, 1010 Wien, Tel.: 01/522 07 20 20, tickets@dschungelwien.at

Link

Dschungel Wien

  • "Schneewittchenpsychose" besteht aus poetischen Sprechflächen, die als 
Zustandsbeschreibungen von Nana fungieren.
    foto: alexander matthias kosnopfl

    "Schneewittchenpsychose" besteht aus poetischen Sprechflächen, die als Zustandsbeschreibungen von Nana fungieren.

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