"Endlich erfahre ich Gerechtigkeit"

Sebastian Borger aus London
15. Juni 2010, 21:03
  • Ein Wandgemälde in der nordirischen Provinz Londonderry zeigt Jackie Duddy, ein Opfer des Bloody Sunday im Jahr 1972.
    foto: epa/str

    Ein Wandgemälde in der nordirischen Provinz Londonderry zeigt Jackie Duddy, ein Opfer des Bloody Sunday im Jahr 1972.

  • Britischer Fallschirmjäger in (London)derry, 30. Jänner 1972
    foto: epa//drm/kr

    Britischer Fallschirmjäger in (London)derry, 30. Jänner 1972

Mehr als 38 Jahre danach liegt ein Bericht einer Untersuchungs­kommission zum Bloody Sunday in Nordirland vor

Britische Soldaten, die damals 14 Menschen töteten, könnten nun vor Gericht kommen.

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Die Schuld an den Ereignissen des "Blutsonntags von Derry" liegt eindeutig und uneingeschränkt bei der britischen Armee. Zu diesem Schluss kommt der 5000-seitige Abschlussbericht der teuersten unabhängigen Untersuchungskommmission in der Geschichte Grossbritanniens, die den Tod von 14 unbewaffneten Bürgerrechtsdemonstranten in der nordirischen Stadt am 30. Januar 1972 aufklären sollte.

"Was geschah, war unverantwortlich, falsch und nicht zu rechtfertigen", sagte Premier David Cameron am Dienstag dem Unterhaus. "Ich bedaure dies zutiefst." Die Kommission unter Leitung von Lordrichter Saville ging auf eine Initiative des damaligen Premiers Tony Blair im Februar 1998 zurück. 2500 Zeugenaussagen, 160 Aktenordner Beweismittel, Kosten von 234 Millionen Euro und zwölf Jahre später liegt das Ergebnis vor. Es wurde von Tausenden auf dem Marktplatz von Derry bejubelt.

"Endlich erfahre ich Gerechtigkeit für meinen Bruder", sagte Kay Duddy vor der Zunfthalle von Derry, wo die Betroffenen den Bericht vorab einsehen durften. Duddys Bruder Jackie gehörte zu dem halben Dutzend Teenagern, die im Kugelhagel britischer Fallschirmjäger ihr Leben ließen. Zu den Toten zählten auch gestandene Familienväter; vor dem Demonstrationszug hatten sie mit Familie eine katholische Messe besucht.

Die Ereignisse des "Blutsonntags" spielen für die Geschichte des Bürgerkrieges eine überragende Rolle. Ende der sechziger Jahre hatte die katholische Minderheit damit begonnen, gegen ihre offene Diskriminierung bei Wahlen, bei der Vergabe von Sozialwohnungen und Jobs zu protestieren.

Die brutale Reaktion der protestantisch dominierten Provinzregierung radikalisierte viele Katholiken; auch in Derry schlossen sich viele Jugendliche der irisch-republikanischen Armee (IRA) an. Diese legte mit Bombenterror bald das Geschäftszentrum der Stadt in Schutt und Asche und lieferte sich Schusswechsel mit der Polizei.

Die konservative britische Regierung schickte die Armee ursprünglich in der Absicht, die Katholiken vor protestantischen Paramilitärs zu schützen. Spätestens am Blutsonntag wurde sie jedoch Teil des verhassten Unterdrückungsapparates. Der spätere Bischof von Derry, Edward Daly, war damals unter den Demonstranten. Er kann noch heute "meinen Zorn nicht unterdrücken: Das war glatter Mord." Gegen die Todesschützen könnte es 38 Jahre danach nun zu Anklagen kommen. (DER STANDARD, Printausgabe 16.6.2010)

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Und um zu diesem Schluss zu kommen, hat man 234 Millionen Euro gebraucht?

U2 - Sunday Bloody

Ich kann nicht glauben, was heute in den Nachrichten kam.Aber ich kann doch nicht meine Augen davor verschließen, und es einfach verdrängen.Wie lange noch, wie lange müssen wir dieses Lied noch singen? Wie lange?Denn schon heute Nacht können wir zusammenstehen wie ein Mann. Zerbrochene Flaschen unter Kinderfüßen. Körper liegen verstreut in einer Sackgasse.Aber ich werde auf den Schlachtruf nicht hören!Denn dann würde ich wie mit dem Rücken zur Wand stehen.
Sonntag, blutiger Sonntag! Und der Kampf hat gerade erst begonnen.Viele haben ihr Leben verloren, aber sag mir, wer hat eigentlich gewonnen? Der Schützengraben läuft mitten durch unsere Herzen.Und Mütter, Kinder,Brüder und Schwestern werden auseinandergerissen. Sonntag,blutiger Sonntag!

U2 - Sunday Bloody II

Wie lange noch, wie lange müssen wir dieses Lied noch singen? Wie lange?
Denn schon heute Nacht können wir zusammenstehen wie ein Mann.
Sonntag, blutiger Sonntag!
Wischt die Tränen aus euren Augen.
Oh, wischt Eure Tränen fort.
Oh, trocknet eure blutunterlaufenen Augen.
Sonntag, blutiger Sonntag!
Es ist wahr, wir sind bereits immun,
wenn die Wirklichkeit zur Fiktion und das Fernsehen zur Wirklichkeit wird.
Millionen weinen heute.
Und wir essen und trinken gemütlich weiter, während sie schon morgen sterben werden.
Sonntag, blutiger Sonntag!
Der wahre Kampf, mit dem wir den Sieg festigen, den Jesus für uns errungen hat, hat gerade erst begonnen.

Heute, am blutigen Sonntag.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. 38 Jahre danach ist natürlich viel zu spät, weil dadurch kein Kontrolleffekt mehr auf die gegenwärtig agierenden Leute ausgeübt wird. So werden weiterhin Kriegsverbrechen, Folter und Korruption vertuscht, denn wenn einmal etwas aufgearbeitet wird, sind die Verantwortlichen schon tot oder sehr alt. Dennoch ist es ein schönes Zeichen, dass der britische Staat der Realität nur 38 Jahre hinten nach ist.

respekt.

manche regierungen und gesellschaften arbeiten ihre vergangenheit offensichtlich sehr offen auf.

Und wer entschuldigt sich bei uns für die SPÖ?

Endlich

Ich war nur 2 Jahre alt als das passiert ist. Aber ich bin in den Sch**ss aufgewachsen. Es ist jetzt Zeit weiter zu gehen und das hinter uns zu lassen.

All denjenigen, deren historisches Wissen erst beim bereits geteilten Irland beginnt, sei ein wenig Lektüre - und wenn's nur Wikipedia auf deutsch ist - empfohlen. Man kann den Ursprung des Problems, je nach Blickwinkel, auch bei der "Confederation of Kilkenny" suchen. Unter Karl I. war gesamt Irland Teil des Königreichs.
"Give Ireland back to the Irish" ist ähnlich schwer zu realisieren, wie Israel den Palästinensern, Nord- und Südamerika den Eingeboreren usw.

Geschichte kennt keinen Anfang.

danke, ich kenne die Geschichte Irlands

darum sollte es allerdings heute auch nicht mehr gehen. Aufrechnen unter Berufung auf die Geschichte (mindestens ins Mittelalter zurückreichend) kann niemals eine Lösung bringen- ebensowenig die Forderung, dass "die einen" oder "die anderen" "sich schleichen" sollen. Sonst hätte man ja in Kärnten/ Koroška (schlimm genug) oder im "Wendland" in Ostdeutschland ähnliche Zustände. Was es braucht, ist die Erkenntnis, dass das Gegenüber ein Mensch ist, welches, vielleicht aufgrund seiner wirtschaftlichen Situation, ganz ähnliche Probleme hat wie man selbst. Cooper dürfte das erkannt haben. Es wird Zeit, dass sich das durchsetzt.

so ist es. bei so viele einwanderungswellen und so vielen zyklen von krieg und frieden sind die opfer (und deren nachfahren) und täter (und deren nachfahren)

nicht auseinander zu trennen. es kann genausowenig eine "ethnisch saubere" lösung geben wie am balkan.

der fokus auf den ewigen kampf iren gegen briten lenkt auch davon ab, dass die meilensteine der irischen geschichte wesentlich mit gesamteuropäischen entwicklungen vernetzt waren, manchmal war irland kurz der hauptschauplatz eine europäischen auseinadersetzung (zB 1690); cromwells invasion hat mit dem 30jährigen krieg einiges gemeinsam; der "unabhängigkeitskrieg" 1918-1920 ist im kontext ähnlicher unruhen quer durch europa zu sehen, usw.

wir europäerInnen waren einfach immer wieder grauslich zueinander, und wir müssen alle unsere tendenz, die "anderen" sauber auszusortieren, umzusiedeln oder vernichten zu wollen, überwinden.

weil es in echgt keien ethnien gibt ist das alles os lächerlich... die heutige zeit.... -.-

In Irland gab es keine "Einwanderungswellen". Plantation ist das richtige Wort. Die Iren wurden gezielt vertrieben und britische Protestanten gezielt angesiedelt. Verantwortlich dafür waren der Thron und das Parlament in London. Wenn also den Iren ihr Land wieder gegeben wird, so müssten das Parlament und der Thron (die Royals) für den Schaden, der den Protestanten dabei entsteht aufkommen.

losgegangen ist es schon im Mittelalter

keine irischen Gesetze mehr, keine irischen Vornamen mehr, Eheverbote zwischen Iren und Engländern (bzw Anglo- Iren...), und das lang, bevor es den Protestantismus gab...

vor allem wurden sie vom kartoffelkäfer vertrieben,
worauf die iren die indianer vertrieben. ;)

Phytophthora infestans

ist aber ein Pilz und kei Käfer.

sry. - in meinem alter verwechselt man schon mal einen käfer mit einer fäulnis - kartoffeln waren's aber alleweil. %)

zumindest waren's keine briten. - die wurden bei der hilfe behindert. ;)

es gab sehr wohl einwanderungswellen,

die plantationen waren nur ein teil davon. vor ihnen gabe es jahrhunderte lang ein reges kommen und gehen. im ganzen mittelalter war irland sehr dynamisch mit europa vernetzt (man denke nur an die klöster; die zeit hat auch einen massiven einfluss des lateinischen in der gälischen sprache hinterlassen) und im spätmittelalter kamen dann dänen, noweger, normannen direkt aus frankreich und über wales, und viele mehr.

und die britischen steuerzahler sind mit grossen summen für den "Plantationschaden" (wenn sie das so nennen wollen) aufgekommen, als die landreforme (abverkauf der grossen landgüter, verwandlung der landwirtschaftlichen pächter in eigentümer) von ca. 1870-1922 im grossen stil subventioniert wurden.

ein attest kann man dir in jedem falle ausstellen: belesen bist' in diesem thema. ;)

die Standardwerke halt, sehr empfehlenswert sind uA:

FSL Lyons: Ireland Since the Famine
Roy Foster: Modern Ireland
Joe Lee: Ireland 1912-1985
Thomas Hennessey: A History of Northern Ireland

der unterberger ist der inbegriff einer unfaehigkeit in groesseren zusammenhaengen denken zu koennen und einer, der glaubt, alles auf sich und seine umgebung beziehen zu muessen..

ein - bereits oberflächlich betrachtet - kurzsichtiger und unnötiger artikel von unterberger,

in dem er primär österreich mit einem eingefärbten und idealisiertem bild der briten gegenüberstellt.

zwischendurch kommt auch eine gewisse arrogante polarisierende polemik zum vorschein,

welche in der aussage:
"Seither braucht sich die katholische Energie primär nur aufs Kindermachen und nicht mehr aufs Menschentöten zu konzentrieren.",
nicht nur seine absicht und partei, sondern auch seine unwissenheit über diesen konflikt zum ausdruck bringt.

ganz schön geschmacklos

und ignorant, wie gewohnt

machen sie hier werbung für diesen unsäglichen blog oder wissen sie wirklich nicht, wo sie gscheite informationen herkriegen?

ES wäre nicht ganz so traurig, wenn die Seite wenigstens so hieße:

www.schnoesel-andreas-unterberger.at

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