"Endlich erfahre ich Gerechtigkeit"

  • Ein Wandgemälde in der nordirischen Provinz Londonderry zeigt Jackie Duddy, ein Opfer des Bloody Sunday im Jahr 1972.
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    Ein Wandgemälde in der nordirischen Provinz Londonderry zeigt Jackie Duddy, ein Opfer des Bloody Sunday im Jahr 1972.

  • Britischer Fallschirmjäger in (London)derry, 30. Jänner 1972
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    Britischer Fallschirmjäger in (London)derry, 30. Jänner 1972

Mehr als 38 Jahre danach liegt ein Bericht einer Untersuchungs­kommission zum Bloody Sunday in Nordirland vor

Britische Soldaten, die damals 14 Menschen töteten, könnten nun vor Gericht kommen.

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Die Schuld an den Ereignissen des "Blutsonntags von Derry" liegt eindeutig und uneingeschränkt bei der britischen Armee. Zu diesem Schluss kommt der 5000-seitige Abschlussbericht der teuersten unabhängigen Untersuchungskommmission in der Geschichte Grossbritanniens, die den Tod von 14 unbewaffneten Bürgerrechtsdemonstranten in der nordirischen Stadt am 30. Januar 1972 aufklären sollte.

"Was geschah, war unverantwortlich, falsch und nicht zu rechtfertigen", sagte Premier David Cameron am Dienstag dem Unterhaus. "Ich bedaure dies zutiefst." Die Kommission unter Leitung von Lordrichter Saville ging auf eine Initiative des damaligen Premiers Tony Blair im Februar 1998 zurück. 2500 Zeugenaussagen, 160 Aktenordner Beweismittel, Kosten von 234 Millionen Euro und zwölf Jahre später liegt das Ergebnis vor. Es wurde von Tausenden auf dem Marktplatz von Derry bejubelt.

"Endlich erfahre ich Gerechtigkeit für meinen Bruder", sagte Kay Duddy vor der Zunfthalle von Derry, wo die Betroffenen den Bericht vorab einsehen durften. Duddys Bruder Jackie gehörte zu dem halben Dutzend Teenagern, die im Kugelhagel britischer Fallschirmjäger ihr Leben ließen. Zu den Toten zählten auch gestandene Familienväter; vor dem Demonstrationszug hatten sie mit Familie eine katholische Messe besucht.

Die Ereignisse des "Blutsonntags" spielen für die Geschichte des Bürgerkrieges eine überragende Rolle. Ende der sechziger Jahre hatte die katholische Minderheit damit begonnen, gegen ihre offene Diskriminierung bei Wahlen, bei der Vergabe von Sozialwohnungen und Jobs zu protestieren.

Die brutale Reaktion der protestantisch dominierten Provinzregierung radikalisierte viele Katholiken; auch in Derry schlossen sich viele Jugendliche der irisch-republikanischen Armee (IRA) an. Diese legte mit Bombenterror bald das Geschäftszentrum der Stadt in Schutt und Asche und lieferte sich Schusswechsel mit der Polizei.

Die konservative britische Regierung schickte die Armee ursprünglich in der Absicht, die Katholiken vor protestantischen Paramilitärs zu schützen. Spätestens am Blutsonntag wurde sie jedoch Teil des verhassten Unterdrückungsapparates. Der spätere Bischof von Derry, Edward Daly, war damals unter den Demonstranten. Er kann noch heute "meinen Zorn nicht unterdrücken: Das war glatter Mord." Gegen die Todesschützen könnte es 38 Jahre danach nun zu Anklagen kommen. (DER STANDARD, Printausgabe 16.6.2010)

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