Der Windgott und sein Archipel

16. Juni 2010, 16:49
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Die Macht des Äolus ist ungebrochen: Auch heute treibt es einen - wie einst Odysseus - zurück nach Vulcano und zu den anderen Liparischen Inseln

Natürlich ist es etwas verwirrend. Aber nicht einmal die Italiener wissen, wie sie die Inselgruppe im Tyrrhenischen Meer nördlich von Sizilien nennen sollen. In den Atlanten wird das Archipel daher "Isole Eolie o Lipari" genannt.

In der griechischen wie römischen Mythologie war hier der Sitz von Äolus. Im 12. Jahrhundert vor Christus beherbergte der Gott der Winde Odysseus, der insgesamt zehn Jahre im Mittelmeer herumirren sollte, und überreichte ihm einen Sack, in dem die ungünstigen Winde gebannt waren. Doch die Neugierde ist ein Hund: Der listige Feldherr und seine Gefährten öffneten den Sack, worauf schwere Stürme anhoben, die sie zurück nach Aiolia trieben.

Der Christianisierung wie zum Trotz gibt Äolus auch heute noch ganz gerne ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Der Name Liparische Inseln hat dennoch seine Berechtigung. Schließlich bildet Lipari, mit 37,5 km² die größte Insel, eindeutig das Zentrum des Archipels. Hier fand man einst das schwarze Vulkanglas Obsidian, das bis zur Erfindung der Metallverarbeitung heiß begehrt war. Denn Obsidian konnte man recht einfach zu scharfen Pfeilspitzen und Klingen brechen. Um 1200 v. Chr. ließen sich daher die Ausonen aus Mittelitalien nieder. Und deren Anführer hieß Liparos.

Sieben der Inseln sind (dünn) besiedelt. Von Vulcano aus, nächst der sizilianischen Küste, kann man, wenn der Sonnengott es zulässt, alle anderen sehen: Nördlich liegen Lipari und Salina, westlich davon Filicudi und Alicudi, nordöstlich Panarea und Stromboli. Zu diesen sieben kommen noch eine Reihe kleinerer, unbewohnter Inseln und Felsklippen hinzu, darunter Basiluzzo, Dattilo und Strombolicchio.

Vulcano wurde nach Vulcanus, dem römischen Gott des Feuers, der Blitze und der Handwerker benannt. Gleichzeitig ist Vulcano aber auch Namensgeber - für die Vulkane. Denn die Äolischen Inseln sind samt und sonders vulkanischen Ursprungs. 1997 wurden sie von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt: Durch ihre Erforschung seit dem 18. Jahrhundert hätten sie der Vulkanologie zwei Arten von Eruptionen, den Vulcano- und den Stromboli-Typ, geliefert und somit eine wichtige Rolle bei der Ausbildung aller Geowissenschafter gespielt.

Die Inselwelt faszinierte im späten 19. Jahrhundert auch zwei Österreicher: Erzherzog Ludwig Salvator gab acht prachtvoll illustrierte Bände heraus. Und Adolf Freiherr von Pereira veröffentlichte seine Reiseberichte unter dem Titel Im Reiche des Aeolus.

Wer heutzutage die Äolischen Inseln erforschen beziehungsweise erwandern möchte, sollte als Stützpunkt das Städtchen Lipari wählen. Es ist zwar nicht mondän wie Capri, aber genau so, wie man sich in der Fantasie eine italienische Kleinstadt vorstellt, die sich den Charme des 19. Jahrhunderts bewahrt hat: mit verwinkelten Gassen, in denen die Wäsche hängt, mit zahllosen Katzen und einem alten Hafen samt der Piazza Ugo S. Onofrio, wo das Leben pulsiert.

Am Vormittag könnte man sich von Ute Koch, einer exzellenten Fremdenführerin, durch das erstaunliche archäologische Museum auf dem Castello führen lassen: Die gebürtige Nürnbergerin würde einem erklären, dass im 11. Jahrhundert die Normannen kamen und in deren Schlepptau die Benediktiner (wovon der Kreuzgang zeugt), dass es permanent Kriege mit Frankreich um Sizilien gab, dass die verbündeten Spanier daher die Akropolis, die schon von den Römern zerstört worden war, zur Festung ausbauten. Man würde erfahren, dass die Spanier im 16. Jahrhundert die Kathedrale und zwei weitere Kirchen errichteten und dass Mussolini seine politischen Gegner zu Tausenden nach Lipari verbannte: Noch immer stehen in der Hochstadt die Bettenburgen, die er errichten ließ.

Vom Amphitheater würde man einen Blick hinunter auf den alten Hafen werfen: Dort, zu Füßen des Heiligen Bartholomäus, könnte man gut zu Mittag essen oder Kaffee trinken. Später sollte man dann durch die Via Garibaldi bummeln, deren Souvenirgeschäfte auch echte Kuriosa feilbieten, und in der Paninoteca von Gilberto & Vera ein Gläschen Wein trinken. Noch später würde man dann im Ristorante Filippino, der ersten Adresse von Lipari, zu Abend essen. Die gedeckte Terrasse ist zwar ein wenig monströs, aber wenn es regnet, hat man Glück: Die Wände der alten Gaststube sind mit einer Vielzahl von Keramiktellern verziert. Übernachten könnte man etwa im noblen Hotel Bougainville am Hügel mit grandiosem Blick auf das Städtchen (vier Sterne, exzellente Küche) oder im Giardino sul Mare nächst der Altstadt (drei Sterne, bodenständig, Pool und Treppe hinunter zum Meer).

Tags darauf wäre eine Inselrundfahrt angebracht. Denn Ute Koch hat viel zu erzählen über die Geschichte von Lipari, das zu einem Fünftel aus Bimsstein besteht. Und Bimsstein ist, simplifiziert, von der chemischen Zusammensetzung her nichts anderes als aufgeschäumter Obsidian. Der Bimsstein von Lipari gilt übrigens als der weltweit Feinste, was Damen, die gerne Hornhäute schrubben, bestätigen werden. Er wird allerorts angeboten, aber nicht mehr abgebaut - aufgrund der Unesco-Auszeichnung. Was auch sein Gutes hat: Keiner kann mehr an Liparose, einer speziellen Form der Staublunge, erkranken.

Nun, da der Wissensdurst gestillt ist, könnte man es Nanni Moretti in dessen Film Caro diario gleichtun - und sich auf die Suche nach Ruhe begeben, die unter Garantie auf Alicudi zu finden ist: Dort gibt es keine Straßen, nur Treppen, Esel und ein paar private Unterkünfte. Auf Vulcano, seit ein paar Hundert Jahren über eine Landbrücke mit Vulcanello verbunden, kann man wunderbar durch die üppige Vegetation wandern - und nebenbei in den dampfenden Schwefelquellen die Psoriasis heilen. Die Terrasse des Hotels Lisca Bianca auf Panarea hingegen ist der Treffpunkt der Reichen, die sich hierher mit allem Luxus zurückgezogen haben.

Ein Ausflug nach Stromboli wird zwar unvermeidlich sein. Denn der Vulkan gilt als der aktivste in Europa und speit, wie die Reiseveranstalter beteuern, alle 20 Minuten Feuer. Bestätigt werden kann dies aber nicht: Nächtens, vom Boot aus, waren nur harmlose Funken zu beobachten, die an die Sprühkerze auf einer Geburtstagstorte erinnerten. Und auch der Ort gibt nicht viel her.

Da bleibt man lieber auf Salina mit den Stratovulkanen Monte Fossa delle Felci (962 Meter hoch) und Monte dei Porri: Im Hotel Signum samt Spa, Pool und Zitronenhain - das Ehepaar Rametta restaurierte mehrere alte Häuser liebevoll und verband sie durch Terrassen und Pergolas - kann man in der Tat sehr gepflegt entspannen. (Thomas Trenkler/DER STANDARD/Printausgabe/12.06.2010)

  • Die Äolische Inseln sind nicht ganz einfach zu erreichen. Dafür gibt es keinen Massentourismus. Lauda Air fliegt bis 30. Oktober jeden Samstag früh von Wien nach Catania (Sizilien) und retour. Mit dem Bus nach Milazzo und von dort weiter mit der Fähre. Prima Reisen, ein Spezialist für Sizilien, bietet Hotelarrangements sowie Pauschalreisen an, darunter z. B. "Tanz auf den Vulkanen" mit allen Highlights (eine Woche inkl. Flug, Transfer, Halbpension ab 1089 Euro pro Person). Es werden auch Tagesausflüge von Sizilien aus angeboten. Weitere Infos: Italienisches Fremdenverkehrsamt, 01/505 16 39.
    foto: wikipedia.org

    Die Äolische Inseln sind nicht ganz einfach zu erreichen. Dafür gibt es keinen Massentourismus. Lauda Air fliegt bis 30. Oktober jeden Samstag früh von Wien nach Catania (Sizilien) und retour. Mit dem Bus nach Milazzo und von dort weiter mit der Fähre. Prima Reisen, ein Spezialist für Sizilien, bietet Hotelarrangements sowie Pauschalreisen an, darunter z. B. "Tanz auf den Vulkanen" mit allen Highlights (eine Woche inkl. Flug, Transfer, Halbpension ab 1089 Euro pro Person). Es werden auch Tagesausflüge von Sizilien aus angeboten. Weitere Infos: Italienisches Fremdenverkehrsamt, 01/505 16 39.

  • Oliven gibt es natürlich auch. Doch die Spezialität der Äolischen Inseln sind Kapern (im Bild eine Blüte) in allen nur denkbaren Zubereitungsformen (u. a. Melanzani-Salat mit Kapernknospen, Kapernpesto, frittierte Kapernbeeren und Kapern in Öl). Kapernsträuche wachsen selbst in Mauernritzen. Denn auch Eidechsen lieben Kapern: Sie scheißen die Samen allerorts aus. Zudem gibt es viel Wein, darunter den Malvasia. Dieser Digestif wird aber ganz anders als der Vino Santo hergestellt: Man trocknet die Trauben und vergärt erst die Rosinen. Der Ertrag ist minimal, der Preis für gute Ware entsprechend teuer. Gereicht wird der Malvasia mit Sesamstangerln.
    foto: iorsh/wikipedia.org

    Oliven gibt es natürlich auch. Doch die Spezialität der Äolischen Inseln sind Kapern (im Bild eine Blüte) in allen nur denkbaren Zubereitungsformen (u. a. Melanzani-Salat mit Kapernknospen, Kapernpesto, frittierte Kapernbeeren und Kapern in Öl). Kapernsträuche wachsen selbst in Mauernritzen. Denn auch Eidechsen lieben Kapern: Sie scheißen die Samen allerorts aus. Zudem gibt es viel Wein, darunter den Malvasia. Dieser Digestif wird aber ganz anders als der Vino Santo hergestellt: Man trocknet die Trauben und vergärt erst die Rosinen. Der Ertrag ist minimal, der Preis für gute Ware entsprechend teuer. Gereicht wird der Malvasia mit Sesamstangerln.

  • Die schnellen Schiffe mussten keinen Zwischenstopp mehr einlegen: Die Äolischen Inseln gerieten Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit. Der (sanfte) Tourismus setzte erst durch Roberto Rossellini ein: 1949 drehte er, was europaweit für Klatsch sorgte, mit Ingrid Bergman "Stromboli, terra di Dio". Dessen sitzengelassene Lebensgefährtin Anna Magnani versuchte sich sogleich zu revanchieren: Sie spielte die Hauptrolle in "Vulcano". Ein Jahrzehnt später entstand auf Panarea Michelangelo Antonionis "L'avventura" mit Monica Vitti. Und 1993 porträtierte Nanni Moretti die Äolischen Inseln in seinem Episodenfilm "Caro Diario".
Im Bild: Vulcano Eruption von 1890.
    foto: wikipedia.org

    Die schnellen Schiffe mussten keinen Zwischenstopp mehr einlegen: Die Äolischen Inseln gerieten Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit. Der (sanfte) Tourismus setzte erst durch Roberto Rossellini ein: 1949 drehte er, was europaweit für Klatsch sorgte, mit Ingrid Bergman "Stromboli, terra di Dio". Dessen sitzengelassene Lebensgefährtin Anna Magnani versuchte sich sogleich zu revanchieren: Sie spielte die Hauptrolle in "Vulcano". Ein Jahrzehnt später entstand auf Panarea Michelangelo Antonionis "L'avventura" mit Monica Vitti. Und 1993 porträtierte Nanni Moretti die Äolischen Inseln in seinem Episodenfilm "Caro Diario".

    Im Bild: Vulcano Eruption von 1890.

  • Lipari ist zwar nicht nobel wie Capri, aber genau so, wie man sich in 
der Fantasie eine italienische Kleinstadt vorstellt, die sich den Charme
 des 19. Jahrhunderts bewahrt hat.Üppige Vegetation, bizarre Felsen,
 mächtige Krater und viel Bimsstein.
Im Bild: Amphoren im Museo Archeologico Eoliano in Lipari, gefunden auf dem Meeresgrund nahe der Insel.
    foto: lucaluca/wikipedia.org

    Lipari ist zwar nicht nobel wie Capri, aber genau so, wie man sich in der Fantasie eine italienische Kleinstadt vorstellt, die sich den Charme des 19. Jahrhunderts bewahrt hat.
    Üppige Vegetation, bizarre Felsen, mächtige Krater und viel Bimsstein.

    Im Bild: Amphoren im Museo Archeologico Eoliano in Lipari, gefunden auf dem Meeresgrund nahe der Insel.

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