"Wahnsinnige Wespen" vs. "Dass endlich stüü is"

15. Juni 2010, 09:52
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Doris Priesching: Endlich wieder formiert sich unter den Gepeinigten ziviler Ungehorsam - Wolfgang Weisgram: Spießig ist vor allem die Ignoranz gegenüber der Gewöhnungsflexibilität der Menschen

Contra: Wahnsinnige Wespen

Im Film Invasion of the Body Snatchers kündigen sich die außerirdischen Körperfresser stets mit einem markerschütternden Signalton an, der den allgegenwärtigen Wespenschwärmen auf Südafrikas WM-Spielfeldern durchaus ähnlich ist. Die Körperfresser verschworen sich gegen Donald Sutherland und die Seinen, um zu überleben. Vuvuzelas sind nur da, um zu stören. Nichts anderes haben sie im Sinn, diese Klone des WM-Organisationskomitees in Südafrika. Schlimmer noch: Mit ihrem Dauergetröte zerstören sie sinnlos.

Sie schädigen gesunde Hörorgane, sie vernichten die Freude am Spiel, sie ersticken die Atmosphäre auf dem Platz mit alles übertönender Lärmverschmutzung: Keine Trommeln, keine Schlachtrufe, keine Chorgesänge. Wenn sich das herumspricht, gibt's statt You'll never walk alone nur noch: "trööööööööööööööt". Die wahnsinnigen Wespen stellen eine ernsthafte Gefährdung der Herzensangelegenheit Fußball dar.

Es hat aber auch sein Gutes: Endlich wieder formiert sich unter den Gepeinigten ziviler Ungehorsam. Die Wissensgesellschaft mobilisiert gegen die Tröter. Gut so: Mitglieder aller sozialen Netzwerke, vereinigt euch, stehet auf, und befördert die Tröten ins All! Noch sind die WM-Organisatoren uneinsichtig, aber das wird schon. Mit Facebook, Twitter, Myspace und Co werden wir sie niederringen. Freiheit der Töne für die Fußball-WM! (Doris Priesching, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

Pro: "Dass endlich stüü is"

Der einzige Mensch, dem es zustehen würde, gegen die Vuvuzelas seine Stimme zu erheben, hat bisher geschwiegen. Lange vor der Serienreife dieser südafrikanischen Plastiktröten hat Roland Neuwirth aus den Tiefen der Schrammelseele den Verzweiflungsruf des modernen Menschen zu einer Art Fürbitte geformt: "Alles, was i wüü, is / dass endlich amoi stüü is!"

Im Vergleich zu diesem existenziellen Hilferuf - der sich auf die Kaufhausmusik ebenso bezieht wie auf die pubertierenden Sommertöne auffrisierter Zweitaktmotoren und das Dumm-tara-dummdumm überdimensionierter Autoboxen - ist das Jammern über den aktuellen südafrikanischen Kammerton A bloße Beckmesserei. Spießiges Geseiere darüber, dass der Fußball auch nicht mehr das sei, was er angeblich einmal gewesen wäre.

Spießig ist vor allem die Ignoranz gegenüber der Gewöhnungsflexibilität der Menschen. Schon jetzt, bei den ersten Spielen der Vorrunde, hat das hornissoide Geräusch akustischen Markencharakter: Wer an einem brummenden Wirtshaus vorbeigeht, weiß: Da wird WM geschaut. Drinnen jammert kaum einer. Man schickt sich ins Unvermeidliche. Das ist ja auch Fußball: Was es wiegt, das hat's.

Und das ist Fußball auch: Einübung in den immergleichen Grundton des Lebens. Wer sich endlich an konzertante Vuvuzelas gewöhnt hat, den kann kein Parteitag und kein Wahlkampf mehr erschüttern. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

 

 

 

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