Ein neuer Schutz für die fließende Grenze

14. Juni 2010, 23:18
posten

Der WWF will die Auen als Nationalpark schützen lassen

Die Au entlang der Grenzflüsse March und Thaya war immer schon geprägt von dem Verhältnis der Nachbarn Österreich, Tschechien und Slowakei. Der WWF will sie als Nationalpark schützen lassen.

*****

Wien - Grün schimmerndes Wasser, in das die Äste verwachsener Bäume hängen, die feuchte Luft voller Insektenschwärme, undurchdringlicher Wald: Die March-Thaya-Au sieht stellenweise mehr nach Amazonas als nach Niederösterreich aus. In ihren Wiesen brütet der Wachtelkönig, im Winter machen Störche in den Baumkronen Station, im Wasser schwimmen Kammmolch und Sumpfschildkröte. 67 Prozent der heimischen Vogelarten leben hier, außerdem 500 gefährdete Tier- und Pflanzenarten. 100 davon würden aussterben, gäbe es die 60.000 Hektar große Au nicht mehr. Und genau das könnte bald passieren, fürchtet der WWF.

March und Thaya fließen entlang der Grenzen zwischen Österreich, Tschechien und der Slowakei, die Politik dieser Länder prägte den Lebensraum an ihren Ufern: Bis 1989 teilte dort der "eiserne Vorhang" Europa in Ost und West, die Natur blieb daher an vielen Stellen über Jahrzehnte unberührt. Gleichzeitig wurden die Flüsse von 1936 bis 1984 in mehreren Etappen reguliert, insgesamt 36 Schlingen wurden begradigt. Die Folgen werden erst jetzt deutlich.

Der Fluss gräbt sich seither immer tiefer in sein Bett, in den vergangenen 50 Jahren sank die Sohle um zwei Meter, der Grundwasserpegel um 1,20 Meter. Altarme und Feuchtwiesen trocknen aus, Steilufer und Schotterbänke bilden sich nicht mehr. Das vernichtet nicht nur Lebensraum für Tiere, es verschlechtert auch den Hochwasserschutz. "Hier wurde noch in einer Zeit weiterreguliert, wo in anderen Ländern solche Regulierungen schon wieder rückgebaut wurden" , klagt Gerhard Ecker vom WWF.

Schuld ist seiner Meinung nach die schlechte Zusammenarbeit mit dem damaligen Nachbarn Tschechoslowakei: "Die Begradigung wurde 1936 beschlossen. Da jede Änderung der Pläne von einer Grenzgewässerkommission abgesegnet werden muss, in der beide Länder saßen, hat man sie einfach beibehalten - um sich mühsame Diskussionen zu ersparen" , erklärt er.

Auch heute gibt es diese Kommissionen noch - was der Au mitunter hilft: Umstrittene Projekte müssen dort von allen Ländern abgesegnet werden, etwa das Wasserkraftwerk Wolfsthal, das die Slowakei gerne bauen würde (siehe Karte), oder ein Teil des Donau-Oder-Elbe-Kanals, über den Planer in Tschechien nachdenken. Beiden Projekten würde Österreich nicht zustimmen, heißt es im Umweltministerium, sie könnten daher nicht gebaut werden.

Doch andere Gefahren für die Au werden 2010 akut, meint der WWF: Ein Teilstück der geplanten S8 soll heuer zur Genehmigung eingereicht werden. Die S8 soll eine vierspurige Schnellstraße werden, die Wien mit Bratislava verbindet. Bei Marchegg soll sie die March queren - und daher durch die Au führen.

"Diese Straße ist für uns ganz wichtig" , erklärt Friedrich Zibuschka, Verkehrsplaner des Landes Niederösterreich. Sie solle einerseits den Schwerverkehr aus den Dörfern bringen, andererseits die Region um Gänserndorf mit Bratislava verbinden. Die geplante Brücke verlaufe parallel zu einer schon bestehenden Eisenbahnbrücke. "Wir werden heuer die Umweltverträglichkeitsprüfung beginnen, ich gehe davon aus, dass das Projekt genehmigt wird" , sagt Zibuschka.

Der WWF fordert einen Stopp des Straßenbaus und einen besseren Schutz für die Au: Sie soll zu einem Nationalpark werden. "In Tschechien ist die Au ein Biosphärenpark, in der Slowakei ein Naturschutzgebiet" , sagt Ecker. In Österreich sind nur Teile der Au Natura-2000-Gebiet - ein EU-Titel, der weniger Schutz bietet als ein Nationalpark. Bis 2000 betreute zusätzlich der Distelverein die Au, ein Zusammenschluss aus Umweltschützern, Bauern und Jägern. Der Verein siedelte etwa auf den Wiesen Gallowayrinder an, um sie zu pflegen. Dann gingen Geld und Interesse aus.

Für einen Nationalpark bedürfte es jedoch der Finanzierung durch das Umweltministerium und das Land Niederösterreich - und die sind beide nicht dafür. Ein Nationalpark sei "eher unwahrscheinlich" , heißt es im Ministerium. "Wir tun jetzt schon sehr viel, um die Natur dort zu schützen", heißt es aus dem Büro des zuständigen niederösterreichischen Landesrats Stephan Pernkopf. Noch heuer etwa soll gemeinsam mit der Slowakei ein Projekt gestartet werden, um die Ufer wieder rückzubauen. (Tobias Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

  • Artikelbild
    foto: standard
Share if you care.