Obama will BP-Spitze Leviten lesen

14. Juni 2010, 19:31
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US-Präsident vergleicht Ölpest mit 9/11 - exakte Zahlen über das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe gibt es weiterhin nicht

Washington/London/Shriever - US-Präsident Barack Obama wird von der Spitze des britischen Mineralölkonzerns BP voraussichtlich die Einrichtung eines milliardenschweren Treuhandfonds zur Begleichung von Schadensersatz-Forderungen am Golf von Mexiko verlangen. "Wir wollen sichergehen, dass genügend Geld hinterlegt wird, um für legitime Forderungen aufzukommen", kündigte Obamas wichtigster Berater David Axelrod am Sonntag (Ortszeit) auf NBC an. "Und wir wollen sicherstellen, dass dieses Geld unabhängig verwaltet wird, sodass es keine Verzögerungen gibt." Axelrod machte erneut deutlich, dass BP allein für den durch die Ölpest entstandenen Schaden aufkommen müsse: "Sie sind dafür verantwortlich, wir wollen dafür sorgen, dass sie dafür auch geradestehen."

Obama selbst brach am Montag zum vierten Mal an den Golf von Mexiko auf. Auf der für zwei Tage angelegten Reise will sich der US-Präsident ein Bild von der Lage in den ebenfalls von der Ölpest betroffenen Bundesstaaten Mississippi, Alabama und Florida machen, die er bisher in diesem Kontext noch nicht besucht hatte. Obama vergleicht die Katastrophe mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: "So wie die Sicht unserer Außenpolitik grundlegend von 9/11 geprägt wurde, so glaube ich, dass diese Katastrophe unser Denken in Umwelt- und Energiefragen über viele Jahre hinweg prägen wird", zitierte das Onlinemagazin "Politico" den Präsidenten am frühen Montagabend.

Rede an die Nation

Am Dienstag will Obama dann gegen Abend in einer Fernsehansprache an die amerikanische Nation Stellung zu der Katastrophe nehmen. Für Mittwoch hat er die BP-Spitze ins Weiße Haus zitiert. Bereits am Montag präsentierte BP allerdings dem Weißen Haus einen neuen Plan, um der Katastrophe endlich Herr zu werden. Bis Ende Juni sollen demnach täglich mehr als 50.000 Barrel (acht Millionen Liter) Öl aus dem lecken Bohrloch im Golf von Mexiko abgepumpt werden.

BP will dazu ein Schiff aus Südamerika, zwei weitere Tanker aus Europa und ein flexibles Ansaugrohr zur gesunkenen Bohrinsel bringen, um mehr Öl abpumpen zu können.

Neue Schätzungen

Angesichts neuer Schätzungen zum tatsächlichen Ausmaß der Ölpest hatte die US-Küstenwache den britischen Konzern zu verstärkten Anstrengungen aufgefordert. Nach neuen Schätzungen einer von der US-Regierung eingesetzten unabhängigen Expertengruppe fließen täglich mindestens 40.000 Barrel Öl (6,4 Millionen Liter) aus dem lecken Bohrloch in mehr als 1500 Metern Tiefe ins Meer. Das wäre mehr als doppelt so viel wie bisher angenommen. Bisher fängt BP nach eigenen Angaben täglich 28.000 Barrel auf. Ein Entlastungsbohrloch und damit die einzige dauerhafte Lösung wird erst im August fertig sein.

Seit der Explosion auf der "Deepwater Horizon" am 20. April könnten bis zu 380 Millionen Liter Öl ins Meer geflossen sein. Um endlich genaue Zahlen zu haben, ist BP derzeit damit beschäftigt, Sensoren in der Nähe des Lecks anzubringen.

Die Ölpest hat BP nach eigenen Angaben bisher rund 1,6 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) gekostet. Es seien mehr als 50.000 Schadensersatzforderungen eingegangen. Mehr als 26.500 Zahlungen im Gesamtwert von über 62 Millionen Dollar seien gemacht worden. (reuters, apn, AFP/DER STANDARD-Printausgabe, 15.6.2010)

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    Rauchsäulen zeigen, wo BP versucht, das weiterhin austretende Öl im Golf von Mexiko abzufackeln.

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