Im besten Erwerbsalter, schon im Ruhestand

14. Juni 2010, 18:04
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Die Österreicher verbringen einen immer kleineren Teil ihres Lebens mit Arbeit - Dies mache die Pensionen auf Dauer unbezahlbar

Wien - "Eine Dreiviertelmillion Menschen im besten Erwerbsalter sind Pensionisten": Das ist für den Sozialforscher Bernd Marin die "Krux" des österreichischen Pensionssystems, dessen Stabilität Experten massiv anzweifeln. Für Alarm sorgen die Kosten, die noch stärker steigen als ursprünglich prognostiziert. Schoss der Staat 2008 knapp 7,5 Milliarden Euro an Bundesmitteln für alle Pensionen (ohne Beamte, inklusive Mindestpensionen) zu, so sind es heuer 9,3 Milliarden Euro. Bis 2014 soll der Betrag laut Prognose der staatlichen Pensionskommission auf 10,5 Milliarden anschwellen. Die Beamtenpensionen machen zur Zeit noch einmal knapp acht Milliarden Euro aus.

Die kurzfristige Explosion hängt mit der hohen Arbeitslosigkeit zusammen, die Beiträge fürs System wegfrisst. Dass das Grundproblem aber ein anderes ist, zeigt ein paradoxer Trend: Arbeiteten die Leute in den Siebzigern im Schnitt noch bis in ein Alter von über 65, setzen sie sich heute etwa acht Jahre früher zur Ruhe. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung massiv. Die Folge: Männer genießen mit 22 Jahren einen doppelt so langen Ruhestand wie vor 40 Jahren, bei Frauen stieg die Pensionszeit von 16 auf 27 Jahre. Bezahlen müssen das immer weniger Erwerbstätige, analysiert Cristopher Prinz von der OECD im Ö1-Morgenjournal: "Das kann sich nicht ausgehen." Werde die Entwicklung nicht gestoppt, könne der Staat die Kosten in fünf bis acht Jahren nicht mehr bewältigen.

Die Fachleute ziehen durch die Bank den gleichen Schluss: Die Arbeitnehmer müssten länger im Beruf bleiben. Die Pensionsreformen der schwarz-blauen Regierung sahen dies eigentlich auch vor, bloß haben die Maßnahmen offensichtlich nicht gegriffen: Dem gesetzlichen Pensionsalter - 65 Jahre für Männer, 60 Jahre für Frauen - zum Trotz bleibt das Alter, mit dem sich die Österreicher tatsächlich aufs Altenteil zurückziehen, konstant: Männer mit 58,9 Jahren, Frauen mit 57,1 Jahren.

70 Prozent der Österreicher verabschieden sich vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters in die Rente, rechnet Marin vor. Nur die Polen und Ungarn können es noch weniger erwarten, die Arbeit niederzulegen. Im Schnitt der OECD-Staaten hackeln Männer hingegen bis ins Alter von 63, Frauen bis 62.

Viele Hackler und Invaliden

Um den Run in die Frühpension zu stoppen empfiehlt Marin ein System mit Zuckerbrot und Peitsche: Jeder soll wählen können, wann er gehen möchte - für einen frühen Antritt gäbe es ein saftiges Minus, fürs Längerbleiben ordentliche Zuschläge.

Um drei bis vier Jahre müsse das Pensionsantrittsalter rasch angehoben werden, empfiehlt OECD-Experte Prinz. Dafür sei gar "keine große Reform notwendig", die Regierung müsse einfach jene "Schlupflöcher" schließen, durch die Senioren den Unannehmlichkeiten der Pensionsreformen entkommen können. Als erstes fällt Prinz die Hacklerregelung ein, die Menschen mit vielen Versicherungsjahre (45 bei Männern, 40 bei Frauen) in der Regel die volle Pension schon mit 60 (Männer) oder 55 (Frauen) erlaubt: "Sie hätte nie eingeführt werden dürfen."

Von 65.000 Alterspensionisten gingen im Vorjahr 26.000 als Hackler in Pension. Dazu kommen 30.000 Invaliditätspensionisten, die das Pensionsalter besonders drücken: Männertreten unter diesem Titel mit 53,7 Jahren in den Ruhestand, Frauen mit 50,3 Jahren. Allerdings sterben Invalidenpensionisten auch um zehn Jahre (Männer) beziehungsweise sechs Jahre (Frauen) früher als "normale" Pensionisten und beziehen mit 900 Euro nur halb so hohe Pensionen wie die Hackler, unter denen Angestellte die Mehrheit stellen.

Als Konsequenz will Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) Prävention und Rehabilitation am Arbeitsplatz fördern: Gelänge es, das Antrittsalter für invalide Pensionisten auch nur um ein Jahr anzuheben, würde sich der Staat 300 Millionen Euro ersparen. Die Hacklerrregelung will er abbauen, indem das Antrittsalter ab 2013 für Männer in Halbjahresschritten auf 62 (derzeit 60 Jahre) und für Frauen auf 57 (derzeit 55 Jahre) steigen soll. Staatssekretär Reinhold Lopatka fordert einmal mehr säumige Länder, die Nationalbank und die ÖBB auf, die vom Rechnungshof empfohlenen Pensionsreformen umzusetzen. Ein Aus für die Hacklerregelung könnte sich Lopatka vor 2013 vorstellen, Druck auf Hundstorfer will er offensichtlich aber nicht machen: "Das ist seine Sache." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

 

Wissen - Marins Modell für faire Pensionen: Zuckerbrot und Peitsche: Diese Strategie empfiehlt Bernd Marin, um die von "Frühpensionitis" befallenen Österreicher zum länger Arbeiten zu motivieren. Laut dem Modell "Flexi Pension", das der Sozialforscher für den Managementclub entworfen hat, könnte jeder individuell über den Zeitpunkt des Pensionsantritts entscheiden, sobald das Niveau der Mindestpension erreicht ist. Für einen Antritt vor dem "Referenzalter" von 65 wären aber saftige Abschläge von 6,3 Prozent pro Jahr fällig, für mehr Ausdauer im Job gäbe es einen ebenso hohen Bonus. Ab 2020 müsste das Referenzalter jährlich um ein bis zwei Monate steigen.

Ein Konto soll Arbeitnehmer über ihr aktuelles Pensionsniveau auf dem Laufenden halten. Für Firmen, die ältere Arbeitnehmer auf die Straße drängen, sind Pönalen vorgesehen, für Bezieher von Sonderpensionen wie Alt-Politiker eine Privilegiensteuer. Das Modell soll bis 2030 Einsparungen von 7,5 bis 11,8 Mrd. bringen. (jo, DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

  • Die Österreicher werden immer älter, verbringen aber einen immer kleineren Teil ihres Lebens mit Arbeit. Dies mache die Pensionen auf Dauer unbezahlbar, warnen Experten. Dabei sei gar keine Revolution nötig - die Regierung müsste bloß "Schlupflöcher"  schließen.
    quelle: standard

    Die Österreicher werden immer älter, verbringen aber einen immer kleineren Teil ihres Lebens mit Arbeit. Dies mache die Pensionen auf Dauer unbezahlbar, warnen Experten. Dabei sei gar keine Revolution nötig - die Regierung müsste bloß "Schlupflöcher" schließen.

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