Weil der große Führer glücklich sein soll

14. Juni 2010, 18:27
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Nordkorea will Brasilien schlagen und später aus Gruppe G ins Ach­telfinale. Wobei Nordkorea gar nicht Nordkorea heißt

Kim Jong-hun gibt es wirklich. Er ist Trainer der nordkoreanischen Nationalmannschaft. Wie alt er ist, darüber scheiden sich, sofern sie keine anderen Sorgen haben, die Geister. Er soll 1956 geboren sein. In Wahrheit ist das völlig egal, es kommt ja immer darauf an, wie alt man sich fühlt. Man hätte ihn natürlich fragen können, aber das wäre vor einem WM-Spiel gegen Brasilien äußerst peinlich gewesen. Kim Jong-hun ist somit 1956 geboren. Und Jeannine Schiller verrät ihr Geburtsdatum auch nicht.

Am Montag um 15 Uhr hat sich Kim Jong-hun im Presseraum des Ellis Park von Johannesburg den internationalen Medien gestellt. Nicht weil er wollte. Er musste. Am Tag vor einem Spiel verlangt das die Fifa. Der überaus demokratische Weltverband verbot im konkreten Fall ausdrücklich Fragen zur politischen Situation in Nordkorea und zur Beziehung mit dem südlichen Nachbarn. Folglich durfte sich der Teamchef auf das Unwesentliche, den Fußball, konzentrieren. "Alle Spieler sind fit, alle Spieler sind stolz. Die drei Punkte stehen nicht automatisch Brasilien zu. Wir haben den Gegner studiert. Unser Ziel ist der Aufstieg ins Achtelfinale."

Er und ein zweiter total lockerer Offizieller wurden unwirsch, als einer dieser ahnungslosen Teufelsreporter das Land "Nordkorea" nannte. "Es heißt Korea DPR, merken Sie sich das." Ob er oder nicht doch wie behauptet der große Führer Kim Jong-il die Mannschaft aufstellt? Kein Kommentar. Zu politisch. Und dann: "Wir wollen unseren großen Führer stolz machen. Unser großer Führer soll glücklich sein."

Der Vater des großen Führers ist 1966 förmlich aus dem Häuschen gewesen. Bei der bisher einzigen WM-Teilnahme schlug Korea DPR die tollen Italiener 1:0, das Tor erzielte Pak Dok-ik. Er wurde Held für künftige Generationen und Inspiration für künftige Kicker. Im Viertelfinale verlor man gegen Portugal 3:5. Und 2010 ist Südafrika und zunächst Brasilien.

Schlachtenbummler gibt es keine, der große Führer erlaubt das nicht. Eine Handvoll braver Journalisten durfte mit. Jubel wurde aus China eingekauft, es gibt rund 1000 Fansöldner, die sollen winken, vielleicht sogar Vuvuzelas blasen. Ob das Match im nordkoreanischen TV zu empfangen sein wird, ist wohl erst bei Anpfiff klar. Der Teamchef glaubt: "ja."

Jong Tae-se soll der gefährlichste Stürmer sein, quasi der Wayne Rooney von Asien. Er kickt in Japan, ist relativ zugänglich und sagte vor ein paar Tagen: "Unsere Herzen sind tapfer, und der Geist ist stark. Wir werden gegen Brasilien gewinnen. Für viele sind wir ein Mysterium, aber wir haben den deutschen Geist." Was immer das auch heißen mag, es klingt bedrohlich. In der nordkoreanischen Nationalhymne heißt es: "Mein wunderschönes Vaterland. Das Verdienst eines klugen Volkes brachte eine großartige Kultur hervor." Wobei man das nicht so eng sehen sollte, die neuseeländische etwa trägt auch dick auf: "Herr der Schlachten, schlage mit deiner Macht unsere Feinde in die Flucht." Neuseeland gilt als absolut unverdächtig, die einzige Gemeinsamkeit mit Nordkorea besteht darin, in Südafrika ebenfalls krasser Außenseiter zu sein.

Die Null muss sein

Die Fußballkultur Nordkoreas ist höchstwahrscheinlich nicht großartig entwickelt, das wiederum hat sie mit der österreichischen gemein, wobei man bei der zweitgenannten das Wort "höchstwahrscheinlich" streichen kann. Die besten Vereine heißen dort Amrokang Phenian, April 25 oder Pjöngjang City Club, man könnte das sehr frei mit Salzburg, Rapid und Austria übersetzen. Nordkoreas Spielwitz dürfte versteckt sein, zunächst geht's darum, Tore zu verhindern. Hinten soll die Null stehen. Das hängt freilich von Brasilien ab.

In der WM-Qualifikation haben die Nordkoreaner in acht Partien nur fünf Gegentreffer kassiert, geschossen wurden sieben, das reichte für Platz zwei hinter Klassenfeind Südkorea. Teamchef Kim Jong-hun verbietet schnelle Vorstöße in die gegnerische Hälfte zwar nicht ausdrücklich, empfiehlt aber Zurückhaltung und hartes Tackling in der eigenen. Die Vierer-Abwehrkette wird angeblich durch einen Libero, einen richtigen Ausputzer, ergänzt. Kim Jong-hun ist vermutlich nicht unumstritten, sonst hätte der nationale Verband vor der Endrunde nicht bei Sven-Göran Eriksson angefragt. Der Schwede entschied sich aber leichten Herzens für die Elfenbeinküste.

Der brasilianische Teamchef Carlos Dunga hat übrigens gesagt: "Wir werden Nordkorea nicht unterschätzen." Richtig wäre natürlich Korea DPR gewesen. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 15.6. 2010)

Gruppe G (1. Runde):

BRASILIEN - NORDKOREA
20.30 Uhr, Johannesburg, Ellis Park, SR Viktor Kassai/Ungarn

Brasilien: 1 Julio Cesar - 2 Maicon, 3 Lucio, 4 Juan, 6 Michel Bastos - 8 Gilberto Silva, 5 Felipe Melo - 7 Elano, 10 Kaka, 11 Robinho - 9 Luis Fabiano

Ersatz: 12 Gomes, 22 Doni - 13 Dani Alves, 14 Luisao, 15 Thiago Silva, 16 Gilberto, 17 Josue, 18 Ramires, 19 Julio Baptista, 20 Kleberson, 21 Nilmar, 23 Grafite

Keine Ausfälle

Teamchef: Carlos Dunga

Nordkorea: 1 Ri Myong-guk - 2 Cha Jong-hyok, 16 Nam Song-chol, 13 Pak Chol-jin, 3 Ri Jun-il, 8 Ji Yun-nam - 11 Mun In-guk, 17 An Yong-hak, 10 Hong Yong-jo, 4 Pak Nam-chol I - 9 Jong Tae-se

Ersatz: 18 Kim Myong-gil, 20 Kim Myong-won - 5 Ri Kwang-chon, 14 Pak Nam-chol II, 21 Ri Kwang-hyok, 19 Ri Chol-myong, 22 Kim Kyong-il, 23 Pak Sung-hyok, 6 Kim Kum-il, 7 An Chol-hyok, 12 Choe Kum-chol

Es fehlt: 15 Kim Yong-jun (für 1. Gruppenspiel gesperrt)

Teamchef: Kim Jong-hun

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    Trainer Kim Jong-hun stellte sich den Medien. Nicht weil er wollte. Sondern weil er musste.

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