Wahlkampfzone Schule

16. Juni 2010, 06:30
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Jung, verdrossen, unentschlossen: derStandard.at besuchte eine Wiener Berufsschule - Den Ort, wo die Parteien im Herbst Jungwähler fangen wollen

Wien - "Ich mag den Strache", sagt die 18-jährige Marlies, "aber auch nur, weil ich ihn kenn'." Wo sie ihn getroffen hat? "Er hat den Anstoß für Hellas Kagran gemacht", erzählt die Berufsschülerin von ihrer Begegnung am Fußballplatz. Ihr Gespräch mit dem 41-jährigen FPÖ-Chef habe sich zwar auf Small-Talk beschränkt, dennoch finde sie ihn sympathisch. Und obwohl sie zugibt, sich nicht sehr mit Politik zu beschäftigen, bekennt sie: "Alles, was mit Blau zu tun hat, das wähle ich."

Marlies erntet mit ihrem Bekenntnis keineswegs nur Beifall in der Berufsschule in der Wiener Hütteldorferstraße. "Wenn der Strache durch die Discos zieht, erfährt man ja nichts über Politik", widerspricht ihr Klassenkollegin Gudrun, so wie Marlies angehende Apothekenhelferin. Im Gegensatz zu Marlies machen Discobesuche auf sie wenig Eindruck, derlei Auftritte von Politikern findet sie "oberflächlich". Allerdings: Gudrun fällt mit 31 Jahren aus dem Altersschnitt des typischen Berufsschülers. Sie vertritt die Haltung, man solle sich Parteiprogramme ansehen und "themenbezogen wählen".

Mit 16 ist Politik oft kein Thema

22.000 junge Erwachsene besuchen in Wien eine Berufsschule. Allein ins Schulzentrum Hütteldorferstraße kommen jede Woche mehr als 3000. "Politik ist in dem Alter im Durchschnitt kein großes Thema", glaubt Schulinspektor Robert Rohr. "Die wollen eine nette Freundin haben und so weiter." Rohr gibt sich verständnisvoll: "Da schaue ich mich in den Spiegel. Mich persönlich hat Politik mit 16 Jahren auch noch nicht sehr interessiert."

Und noch etwas gibt der Schulbeamte zu bedenken: Dass jemand ein kaputtes Wasserrohr reparieren kann, sei in der Gesellschaft eben weniger anerkannt, als kluge Dinge über Politik zu sagen. Qualifizierte Facharbeiter, wie sie aus den Berufsschulen hervorgehen, hätten ihre Stärken oft anderswo, während mancher Akademiker bei handwerklichen Aufgaben hilflos zum Telefonhörer greife.

Alle österreichischen Lehrlinge haben in Österreich das Schulfach Politische Bildung. Insgesamt 80 Schulstunden müssen Berufsschüler in ihren drei Jahren absolvieren. Verglichen mit anderen Fächern kommt Politische Bildung aber nur auf sechs Prozent der Gesamtstundenzahl. Der Schwerpunkt liegt auf dem sogenannten Fachunterricht.

Erstwähler und schon enttäuscht

Tischlerlehrling Domenic etwa hat, obwohl erst 18, schon genug von Politik. "Ob man jetzt den Häupl wählt, der nix macht", sagt er über den Wiener Bürgermeister, "oder den Strache, der alle aufhetzt, macht auch keinen Unterschied."

Berufspolitiker wären wohl ernüchtert, wenn sie hörten, wie hier in der Tischlerwerkstätte über ihresgleichen gesprochen wird. "Nicht immer nur Werbung und leere Versprechungen machen", wünschen sich auch Sabrina und Carina.  Erstere kann aber zumindest FPÖ-Chef Strache etwas abgewinnen: "Seit die Grenzen offen sind, gibt es viel mehr Einbrüche", wähnt sie vor allem "Polen" und "Tschechen" verantwortlich. Die 20-jährige Carina will dagegen kein "Ausländerproblem" erkennen: "Es gibt auch behinderte Wiener."

Auch Migranten haben Sympathien für Strache

Dass Migranten - nicht nur in der Berufsschule - oft in einen Topf geworfen werden, mussten die Lehrlinge Köksal und Musa am eigenen Leibe erfahren. Beide 17, beide türkischer Herkunft machen sie eine Ausbildung zum Maler und Anstreicher - 80 Prozent in ihrer Klasse haben Migrationshintergrund. "Wenn du hilfsbereit und höflich bist, sind die Österreicher aber sehr nett zu dir", meint Musa, der sich zwar sehr für Politik interessiert, aber nicht wählen darf - weil er erst mit sechs Jahren nach Wien kam und noch kein Staatsbürger ist.

"Die Politiker geben eh alles, damit Wien die beste Stadt bleibt", lobt Musa die SPÖ. Bundespräsident Heinz Fischer habe er während dessen Wahlkampf gesehen bei einer muslimischen Feier auf dem Wiener Kolonitsplatz. "Er hat mit uns gegessen, das hat uns Moral gegeben", sagt Musa. "Ich wünsch' mir so einen Politiker zwischen H.-C. Strache und Heinz Fischer", meint sein Freund Köksal. Strache übertreibe es zwar gelegentlich, aber "ich persönlich will auch nicht, dass Ausländer hier leben, die kein Deutsch können".

Der gebürtige Spittaler Köksal spricht selbst breites Kärntnerisch. Vor anderthalb Jahren ist er zum Arbeiten nach Wien gezogen. Nicht einmal er und Musa werden sich über die FPÖ einig. "Keine Moscheen und so, das ist nicht okay von Strache", meint Musa. In der Türkei gebe es ja schließlich auch Kirchen. "Aber die hat Strache nicht aufgebaut", verteidigt Köksal den FPÖ-Obmann.

Jung und blau

Dass Strache bei der Jugend generell gut ankommt, ist der politischen Konkurrenz spätestens seit der Nationalratswahl 2008 bekannt. Bei den Unter-30-Jährigen war die FPÖ damals knapp stärkste Partei, ergab eine Wahltagsbefragung des Meinungsforschungsinstituts SORA wenige Tage nach der Wahl. Die Blauen lagen - österreichweit - mit 25 Prozent vor der ÖVP mit 23 und der SPÖ mit 21 Prozent.

Für zusätzliche Brisanz im Kampf um Jungwähler hat die Senkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre gesorgt - Idee einer rot-schwarzen Regierung aus dem Jahr 2007. "Ich persönlich bin der Ansicht, das ist ein Schuss ins Knie gewesen", meint Schulinspektor Rohr. Viele Jugendliche würden "sehr an plakative Botschaften glauben".

Wahlerfolge durch Nicht-Politik

Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier relativiert diesen Befund im Gespräch mit derStandard.at insofern, dass "nicht nur Jugendliche an plakative Botschaften glauben. Die Menschen wählen generell stark aus unpolitischen Motiven." Strache sei vor allem erfolgreich, weil er als Nicht-Politiker agiert, meint Heinzlmaier: "Er ist für manche Wähler fast so etwas wie ein Popstar oder einfach ein interessanter Spaßvogel."

Fest steht: Strache wird sich auch im nahenden Wiener Wahlkampf wieder in Diskotheken und auf Volksfesten zeigen. Widersacher Häupl besuchte in den vergangenen Monaten zahlreiche Wiener Berufsschulen - selbstverständlich nicht als SPÖ-Chef, sondern in seiner Funktion als Bürgermeister und (nicht-amtsführender) Stadtschulratspräsident. Auch bei den Berufsschülern in der Hütteldorferstraße schaute er im vergangenen Herbst vorbei.

Persönlicher Kontakt, klare Botschaften

"Egal ob Häupl oder Strache: Der Politiker, der vom Olymp zum Volk herabsteigt, ist eine alte politische Figur. Präsenz zu zeigen kommt immer gut an", konstatiert Heinzlmaier und nennt zusätzlich als Stärken der FPÖ "sehr klare, eindeutige Botschaften" und die "Sympathie, die Strache als Person erweckt".

So ging es auch Berufsschülerin Marlies damals am Fußballplatz von Hellas Kagran. "Ich war einfach voll fasziniert, dass ich ihn gesehen habe", sagt sie über den FPÖ-Chef. Wenngleich auch ihre Wirklichkeit nicht immer mit dessen einfachen Botschaften kompatibel ist: "Die Ausländer, die bei uns in der Klasse sind, arbeiten alle sehr viel." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 16.6.2010)

  • Berufsschule in der Wiener Hütteldorfer Straße: 3000 Lehrlinge (und 
potenzielle Wähler) gehen zur Schule.
    foto: kap

    Berufsschule in der Wiener Hütteldorfer Straße: 3000 Lehrlinge (und potenzielle Wähler) gehen zur Schule.

  • Tischler von morgen, Wähler von heute: Sabrina, Domenic und Carina (v.l.) erhoffen sich von der Politik nicht viel.
    foto: kap

    Tischler von morgen, Wähler von heute: Sabrina, Domenic und Carina (v.l.) erhoffen sich von der Politik nicht viel.

  • Musa (li.) ist mit Köksal in politischen Fragen uneins. Der meint: "Am besten wär' eine Mischung aus Fischer und Strache."
    foto: kap

    Musa (li.) ist mit Köksal in politischen Fragen uneins. Der meint: "Am besten wär' eine Mischung aus Fischer und Strache."

  • Vier Tage Arbeit, ein Tag Schule: Lebensrhythmus für viele Berufsschüler.
    foto: kap

    Vier Tage Arbeit, ein Tag Schule: Lebensrhythmus für viele Berufsschüler.

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    Bürgermeister Häupl besucht regelmäßig Wiener Berufsschulen.

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    FPÖ-Chef Strache und die Jugend: "Mehr Popstar als Politiker."

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