Unkommentiert

15. Juni 2010, 15:39
8 Postings

Im Österreichischen Museum für Angewandte Kunst (MAK) ist seit dem 19. Mai eine Retrospektive zeitgenössischer Kunst aus Nordkorea zu sehen. Die Organisatoren verweigern jegliche Äußerungen über den politischen Hintergrund

Für die Debatten, die die Rezeption der Ausstellung begleiten, trägt die Museumsleitung die größte Verantwortung, weil ihrerseits alles getan wurde, um die Erwartungen der interessierten Öffentlichkeit zu enttäuschen. Viele scheinen sich hintergangen zu fühlen, so als wäre das Kuckucksei in Form einer Kunstretrospektive in einer Nacht- und Nebelaktion in unser tadellos sauberes Nest hineingeschmuggelt worden.

Enttäuschte Erwartungen

Die spärlichen Erklärungen und Didaskalien zu den ausgestellten Arbeiten zeugen von der ausdrücklichen Absicht der Organisatoren, den Besuchern die Realität Nordkoreas näherzubringen, und zwar durch die Kontextualisierung der Kunstwerke. Aber es ist gerade die Abklärung des Kontexts, die hier weitgehend fehlt. Auch der umfangreiche, im Voraus gedruckte Katalog ist lediglich ein Bilderbuch, dessen Inhalt sich auf eine kommentarlose Reproduktion der ausgestellten Werke beschränkt - abgesehen von Begrüßungsworten von Funktionären und einer abschließenden wissenschaftlichen Formalanalyse der zeitgenössischen Kunst in Nordkorea. Das Museum lässt sich also nicht dazu hinreißen, mitzumachen bei einer leichtfertigen und arroganten Positionierung des Phänomens Nordkorea als eines totalitären Satans, derzufolge im Vergleich zu Nordkorea unser westliches, europäisches Erbe fehlerlos glänzt, unter der strahlenden Sonne der Freiheit, Gerechtigkeit und des Wohlstandes für alle Menschen.

"Gehört der ganzen Welt, aber wir haben's gemacht!"

Nimmt man Abstand von der eindeutigen Positionierung Nordkoreas als der kosmischen Kraft der Rückständigkeit, der Finsternis und des Schreckens ("The Dark Side"), wird man sich als Besucher für ein komplexeres, vollständigeres und persönlicheres Erlebnis öffnen können. Ein solcherart entstandener Einblick ermöglicht es, jene Punkte zu erkennen, in denen sich die imaginären Rechte der europäischen Erfahrung mit Phänomenen des bestehenden Nordkoreas kreuzen. Und zwar nicht nur in der jüngsten Vergangenheit (totalitäre europäische Experimente des 20. Jahrhunderts, deren Export von einer serbischen Bierwerbung begleitet werden könnte: "Gehört der ganzen Welt, aber wir haben's gemacht!"), sondern, was noch wichtiger ist, in der besorgniserregenden Hartnäckigkeit populistischer Diskurse, die den politischen Kitsch als ihr Medium und Kommunikationsform nützen.

Der politische Kitsch ist in der heutigen Welt als Mittel zur Mobilisierung fest verankert und erscheint ebenso unausrottbar und selbstbewusst wie die wehende amerikanische Flagge in den Hollywood-Filmen. Vor kurzem ist in Österreich ein FPÖ-Plakat aufgetaucht mit ihrem Vorsitzenden, der nicht Hans Christian Andersen heißt, aber dennoch versucht, sich mit Märchen zu profilieren (allerdings mit anderen Mitteln). Auf dem Plakat sieht man einen lächelnden Politiker, wie er ebenso lächelnden Polizisten die Hand schüttelt, in einer Atmosphäre, die erfüllt ist von totaler Freude und gesichertem Glück, und den Bürgern mehr Sicherheit verspricht (denn, wie der kroatische Rocksänger Darko Rundek sagen würde: "Irgendjemand ist immer da, der uns bedroht"). Dass die Formen ewig, und die Inhalte vergänglich sind, das illustriert auch die Anekdote eines britischen Journalisten. Im postsowjetischen Russland lernte er einen sozialistisch-realistischen Maler kennen, der früher auf Lenin-Porträts spezialisiert war. Nachdem seine Auftraggeber von der Bühne der Geschichte abgegangen waren, lernte unser Maler recht schnell, religiöse und gottesfürchtige Motive zu malen, um den Anforderungen der neuen Käufer gerechtzuwerden. Sein einziges Problem bestand darin, dass in seinen Bildern Jesus immer ein wenig wie Lenin aussah. (Uroš Miloradović, daStandard.at, 14.6.2010)

 

Uroš Miloradović ist Literaturwissenschafter und freier Journalist. Seit 2007 lebt er in Österreich.

Ausnahmsweise bringen wir den Beitrag auch in der Originalsprache.

Webtipp:

MAK - Blumen für Kim Il Sung

  • Der Tag dämmert ,1978Kim Yong Gu
    foto: korean art gallery pyongyan

    Der Tag dämmert ,1978
    Kim Yong Gu

Share if you care.