Der Schlangen-Boom gerät ins Stocken

14. Juni 2010, 18:23
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Forscher untersuchen Populationen auf drei Kontinenten und stellen mehrheitlich rückläufigen Trend fest

London/Wien - Schlangen sind eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der Evolution - und eine relativ neue noch dazu: Mit kaum 100 Millionen Jahren ist diese Tiergruppe noch jünger als die der Vögel und hat mittlerweile den gesamten Globus mit Ausnahme arktischer und klimatisch ähnlicher Gebiete besiedelt. Etwa 3.000 Schlangenarten sind derzeit bekannt, damit stellen sie mehr als ein Drittel aller Reptilienarten.

Die hauptsächlich vom Menschen verursachten raschen ökologischen Veränderungen der Gegenwart halten jedoch auch für diese boomende Tiergruppe neue Herausforderungen bereit, wie eine Studie im Fachmagazin "Biology Letters" berichtet. Ein Forscherteam um Chris Reading vom Centre for Ecology and Hydrology hat 17 Populationen von insgesamt acht verschiedenen Schlangenspezies in Großbritannien, Frankreich, Italien, Nigeria und Australien untersucht. Davon haben sich in den vergangenen Jahren nur fünf stabil entwickelt, elf sind stark rückläufig, nur eine Population konnte leicht zunehmen.

"Wir können tatsächlich beobachten, dass die Bestände der meisten Tierarten zurückgehen", meint Heinz Grillitsch, Biologe und Kurator der herpetologischen Sammlung am Naturhistorischen Museum Wien. "Ein Grund dafür sind sehr schnelle Veränderungen der Lebensräume." Dadurch, dass die Änderungen in so kurzer Zeit geschehen - innerhalb von wenigen Jahrzehnten - gibt es nicht genügend Zeit für eine Anpassung. Daher gebe es heute Aussterbensraten, die ähnlich hoch sind, wie jene in den großen Katastrophenzeiten der Erdgeschichte."

Gewinner und Verlierer

Einen der Hauptgründe für den starken Rückgang der Reptilien sieht Grillitsch in der Veränderung der Lebensräume der Tiere. Zu den Gewinnern unter den in Österreich heimischen Schlangen zähle die bis zu 180 Zentimeter lange Äskulapnatter, die auch immer häufiger in Häusern und Gärten auftritt, sowie die Ringelnatter. Doch auch unter den heimischen Schlangen gehören die meisten Arten zu den Verlierern, erklärt der Experte.

"So gehört etwa die Würfelnatter, die in Österreich am Rande ihres Verbreitungsgebiets lebt, zu den großen Verlieren", erklärt Grillitsch. "Ein Grund dafür ist die Verbauung von Bächen und Flußläufen." Den Kreuzottern, die zu den Gebirgsschlagen gehört, mache die zunehmende Hitze zu schaffen und die in Süd-Österreich heimische Sandviper leidet unter massiven Verlust des Lebensraumes.

Verschiedene Faktoren

"Obwohl generell wärmeliebendere Spezies bessere Überlebensraten haben, ist das allein kein Grund, sich erfolgreich durchzusetzen", meint Grillitsch. Ein weiteres Kriterium für erfolgreiches Überleben sei die Frage, ob ein Tier ein Nahrungs-Generalist oder -Spezialist sei. "Die Spezialisten sind sicher deutlich benachteiligt", so der Wissenschaftler. "Früher konnten Tiere, wenn ihre Lebensräume verändert wurden, ihren Standort verlegen." Das sei heute nicht mehr möglich.

Obwohl die Gründe für den Rückgang der weltweiten Schlangenpopulationen nicht eindeutig geklärt sind, sei davon auszugehen, dass mehrere Faktoren dabei eine Rolle spielen, schreiben die Forscher um Reading. Auch sie sehen die Veränderungen der weltweiten Temperaturen innerhalb kürzerer Zeit als einen gemeinsamen Nenner. Als zusätzliche Faktoren kommen Veränderungen der Habitate durch immer intensiveren Landbau und Ausweitung der menschlichen Siedlungen sowie vereinzelt auch der Mangel an Beutetieren hinzu. (pte/red)

 

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    Kühlendes Bad für eine Klimawandel-Verliererin: 2009 wurde die Würfelnatter von den Gesellschaften für Herpetologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum "Reptil des Jahres" gewählt.

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