Zehntausende auf der Flucht vor Kämpfen

14. Juni 2010, 18:59
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Übergriffe gegen usbekische Minderheit - Mehr als hundert Tote, Lage außer Kontrolle - Region droht Flächenbrand

In Südkirgistan droht eine humanitäre Katastrophe: Tausende Menschen fliehen aus der Krisenregion in Südkirgistan. Die Instabilität droht sich auf die Region auszuweiten.

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Im Süden von Kirgistan, der seit drei Tagen von schweren Unruhen heimgesucht wird, hat eine Flüchtlingswelle eingesetzt. Zwischen 75.000 bis 100.000 Angehörige der usbekischen Minderheit haben die südkirgisischen Städte Osch und Jalalbad verlassen und suchen Zuflucht im Grenzgebiet zu Usbekistan. Usbekistan hat mittlerweile seine Grenze für Frauen und Kinder geöffnet.

Ein Vertreter der usbekischen Minderheit sprach laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax von einer ethnischen Säuberung und bezifferte die Anzahl der Todesopfer auf 700. Nach offiziellen Angaben des kirgisischen Gesundheitsministeriums sind bei den Ausschreitungen bisher 124 Menschen getötet und mehr als 1600 verletzt worden.

Kirgistan ist ein ethnischer Schmelztigel mit rund 80 Minderheiten. Durch die willkürliche Grenzziehung und Migrationspolitik des sowjetischen Diktators Josef Stalin bildete sich in Südkirgistan eine usbekische Minderheit, die 50 Prozent der Bevölkerung der Region stellt. Spannungen gibt es nicht nur zwischen Usbeken und Kirgisen, sondern auch zwischen Usbeken und Tadschiken.

"Der ehemalige Präsident hat diese Völker benutzt, um Unruhe zu schaffen" , berichtet Talant Asemow, ehemaliger Deutschlehrer und nun Reiseführer in Bischkek. Provokateure würden in Jeeps in usbekische Dörfer fahren, um zu morden und danach in kirgisische, um so die beiden Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzubringen.

Flächenbrand befürchtet

"Die Instabilität in Kirgistan könnte leicht zum Auslöser eines lange dahinschwelenden Konflikts über die ethnische Grenzziehung, den wachsenden Einfluss militanter Islamisten im Ferghana-Tal und die wichtigste Ressource in der Region, Wasser, werden" , analysierte Chris Weafer, Chefstratege der russischen Investmentbank Uralsib, die Lage.

Russland, das von der kirgisischen Interimsregierung um militärische Hilfe gebeten wurde, ist in der Zwickmühle. Einerseits ist es im Interesse Moskaus, einen Flächenbrand in der Region zu verhindern, andererseits besteht die Gefahr, sich das Image mit einem neuerlichen Krieg zu ramponieren.

Präsident Dmitri Medwedew hat daher bisher eine Einmischung in den Konflikt abgelehnt. Der Kreml-Chef hat zwar rund 150 Fallschirmjäger nach Kirgistan entsandt, aber nur, um die russische Militärbasis im Norden des Landes zu verstärken. Bei einer am Montag einberufenen Krisensitzung der Organisation des Vertrags für Kollektive Sicherheit (OVKS), eines Militärbündnisses ehemaliger Sowjetrepubliken, einigte man sich lediglich auf eine gemeinsame Erklärung. In dieser rufen die OVKS-Länder Russland, Weißrussland, Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan die kirgisische Interimsregierung dazu auf, alle notwendigen zusätzlichen Schritte zur schnellsten Wiederherstellung der Ordnung im Land zu unternehmen.

In der Krisenregion haben Usbeken und Kirgisen ihr Schicksal mittlerweile selbst in die Hand genommen. Die Gemeindeältesten verhandeln über einen Waffenstillstand. Indes gab die kirgisische Übergangsregierung bekannt, einen der Drahtzieher der Unruhen festgenommen zu haben. Es sei eine "sehr bekannte Person" . Die Interimsregierung wirft dem im April gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew, der sich derzeit in Weißrussland aufhält, vor, hinter den Ausschreitungen zu stehen. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 15.6.2010)

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    Die Opfer der schweren Auseinandersetzungen in Südkirgistan werden oft ohne vorherige Identifizierung begraben. Wie viele Menschen tatsächlich starben, ist daher schwer zu belegen: nach offiziellen Angaben 124, laut der usbekischen Minderheit 700.

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    "Kirgisen-Zone" in Osh: Usbeken sprechen von Völkermord

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