Neue Höflichkeit für slowakische Politik

13. Juni 2010, 22:14
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Iveta Radicová gilt als wahrscheinliche Premierministerin

Als sie das erste Mal nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1990 in den Westen kam, verschüttete sie aus Aufregung bei einer Einladung Rotwein. Iveta Radicová fiel da nur ein Satz ein: "Entschuldigung, ich bin aus dem Ostblock." 20 Jahre später ist ihr die damalige Unsicherheit nicht mehr anzusehen. Radicová könnte demnächst die erste Premierministerin ihres Landes werden. Die konservative Politikerin - ihr Vorbild ist Angela Merkel - feierte am Samstag in der Slowakei den Sieg der Mitte-rechts-Parteien. Sie tanzte und sang sogar.

Radicová wurde 1956 in Bratislava in eine "materiell geforderte, aber emotional reiche" Familie hineingeboren, wie sie sagt. Sie studierte Soziologie, arbeitete als Sozialarbeiterin mit Roma, heiratete den Kabarettisten Stano Radic und bekam eine Tochter. Später arbeitete sie am Soziologischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften und beriet Parteien. Einen weiteren Uni-Abschluss holte sie sich in Oxford. 2005 wurde sie Direktorin des Instituts. Dann holte sie Mikuláš Dzurinda als Sozialministerin in die Regierung. Die freundliche, energiegeladene Professorin wurde schnell zur beliebtesten Politikerin im Land, obwohl sie harte Reformen durchführte. Nach der Abwahl des Kabinetts Dzurinda wurde Radicová Abgeordnete, stolperte aber 2009 über einen Skandal - sie stimmte im Parlament rechtswidrig für eine Kollegin. Sie trat zurück. Trotzdem kandidierte sie im gleichen Jahr bei den Präsidentschaftswahlen und holte überraschend 38 Prozent der Stimmen, obwohl Kirchenvertreter gegen sie kampagnisiert hatten, weil sie sich nicht gegen die Abtreibung stellte.

Als Dzurinda Anfang dieses Jahres wegen eines Geldwäsche-Skandals die Führung der Slowakischen Demokratischen und Christlichen Union (SDKU) zurücklegte, übernahm Radicová die Partei. Die rhetorisch begabte Frau hatte schnell die Medien auf ihrer Seite. Ihr Tonfall ("Mir wird oft vorgeworfen, ich sei nicht aggressiv genug" ) konterkariert geradezu das Gepoltere männlicher Politiker wie dem bisherigen Premier Robert Fico.

Radicová will, dass nun die Höflichkeit in die Politik zurückkehrt. Sie selbst wertet ihre Fähigkeit, zuhören zu können, als größten Gewinn. Sie ist mit Jan Riapos - ihr Mann starb 2006 - liiert, der bei den Paralympics Gold im Tischtennis heimholte. In ihrem Haus umgibt sich Radicová mit 5000 Büchern, einem Golden Retriever und fünf Katzen. Auf Facebook hat sie 4996 Freunde. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2010)

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