Arrangiertes Rätsel

13. Juni 2010, 19:23
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Alban Bergs "Lulu", dirigiert von Daniele Gatti

Wien - In Wien, wo man einem Opernregisseur zumeist alles vergibt, nur nicht die "Frechheit" einer eigenen Idee, die unter die Oberfläche des Werkes blickt, kann diese Lulu nur ein Erfolg sein. Mit seinem Nichterscheinen hat sich Peter Stein insofern um das Liveerlebnis eines Triumphs gebracht, den er absolut verdient hat: Da schien alles unterhaltsam durchorganisiert, und die Personenführung zeugte von eleganter Arbeit. Stein beschenkt mit dicklichen Figuren, einer skurrilen Salongesellschaft, mit deftig um Zuneigung schwitzenden Männern, die, wie es sich gehört, ihr Leben aushauchen. Dazu eine klare Raumlösung (Ferdinand Wögerbauer), aber leider eine Lulu von starker Unverbindlichkeit.

Im Vokalen vermittelt Laura Aikin ja Solides. Im Szenischen muss man jedoch bis zum Finale warten, wo Verzweiflung und Siechtum herrschen, um ihr zu glauben. Davor bliebt es bieder und zaghaft - das Kindliche, Verführerische, das Kühle. Warum Stein Frau Aikin zunächst nicht als Lulu wollte, bleibt somit lange klar. Sie passt nicht zu einem Konzept, das als szenisches Arrangement von der Echtheit des Einzelnen lebt. Qualitätsvoll aber das Ensemble; Natascha Petrinsky (als Gräfin Geschwitz) und Roman Sadnik (als Maler) seien besonders hervorgehoben.

Daniele Gatti und das Mahler Chamber Orchestra bevorzugten lange eine unterkühlte Gangart, die später einer angemessen herben Intensität wich, fallweise aber Sänger zudeckte. Echte Magie klingt indes anders. Diese Lulu hat übrigens in Lyon das Licht der Welt erblickt, und sie kooperiert auch mit der Mailänder Scala, wo Festwochenmusikchef Stéphane Lissner Intendant ist. Womit Lissner also mit sich selbst ins Geschäft kam. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.6.2010)

14. und 18. Juni

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