Land am Rande des Bürgerkrieges

13. Juni 2010, 18:50
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Übergangsregierung hat Kontrolle über den Süden des Landes verloren - Ausschreitungen greifen auf weitere Städte über

Die Ausschreitungen, bei denen bisher rund 100 Menschen getötet wurden, sind nach der Gebietshauptstadt Osch auf weitere Städte übergesprungen.

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Bischkek/Moskau - Die von schweren Unruhen erschütterte zentralasiatische Republik Kirgistan steuert auf einen Bürgerkrieg zu. Die kirgisische Übergangsregierung hat über die Stadt Osch das Kriegsrecht verhängt und eine Teilmobilisierung der Streitkräfte angeordnet. Bei den Ausschreitungen im Süden des Landes kamen bisher mindestens 100 Menschen ums Leben. Weitere 1100 wurden schwer verletzt.

"Der Himmel über Osch ist schwarz vor Rauch, und die Menschen verstecken sich aus Angst vor plündernden Gangs in ihren Häusern", sagt Andrea Berg, Zentralasien-Beauftragte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Die kirgisische Nachrichtenagentur Akipress berichtete von Gefechten und der Errichtung von Straßensperren.

Die Auseinandersetzung, die laut Augenzeugen in der Nacht zum Freitag als Schlägerei in einem Oscher Nachtclub begonnen hatte, hat sich mittlerweile auch auf Jalalabad und umliegende Dörfer ausgeweitet. Die Straßenschlachten zwischen kirgisischen und usbekischen Jugendgruppen konzentrierten sich Sonntag rund um die brennende usbekisch-kirgisische Universität der Völkerfreundschaft. Im Dorf Susak soll es zu einem Massaker an der usbekischstämmigen Minderheit mit 30 Todesopfern gekommen sein.

Der Süden Kirgistans, wo die Hälfte der Bevölkerung usbekischstämmig ist, gilt schon seit langem als ethnisches Pulverfass. Vor 20 Jahren ist es in Osch schon einmal zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen gekommen. Damals starben rund 300 Menschen, bevor die sowjetische Armee eingriff.

"Die Situation ufert aus. Wir brauchen militärische Hilfe, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen" , sagte Interimsregierungschefin Rosa Otunbajewa am Samstag. Sie warf dem Anfang April gestürzten Präsidenten Kurmanbek Bakijew und seinen Anhängern vor, den ethnischen Konflikt im Süden angeheizt zu haben. Bakijew, der sich derzeit im Exil in Weißrussland befindet, bestritt dies.

Otunbajewa bat den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew um die Entsendung russischer Soldaten. Der Kreml lehnte eine Einmischung allerdings ab. "Das ist ein interner Konflikt, und Russland sieht die Voraussetzungen noch nicht gegeben, sich an einer Regelung zu beteiligen" , zitierte Ria Nowosti die Sprecherin des Präsidenten.

Statt Truppen schickte Russland Medikamente und flog Schwerverletzte nach Moskau aus. Medwedew berief außerdem für heute eine Sitzung der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ein, um über die Entsendung einer OVKS-Truppe nach Kirgistan zu beraten.

Laut Pawel Swjatenkow, Politologe des Moskauer Instituts für nationale Strategien, wäre der Einmarsch russischer Truppen ein Fehler, da die Interimsregierung durch einen Putsch an die Macht kam und über keine ausreichende Anerkennung im Volk verfügt. Russland könnte in den Verdacht geraten, etwas mit dem Umsturz zu tun gehabt zu haben. "Russland würde der Besatzung einer friedlichen Republik beschuldigt werden", schreibt Swjatenkow in einem Blog.

Unterdessen droht im Süden des Landes eine humanitäre Katastrophe. In Osch wurden die Geschäfte geplündert, die Lebensmittel werden knapp. Die Versorgung mit Strom und Gas wurde unterbrochen. Tausende ethnische Usbeken versuchen, in ihr Heimatland zu fliehen. Da viele aber nur über kirgisische Pässe verfügen, werden sie nicht über die Grenze gelassen und stranden im Niemandsland. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2010)

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    Regierungstruppen in Osch.

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    Brennende Häuser in Osch, Tausende sind auf der Flucht.

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