Der Retter der Welt

13. Juni 2010, 18:00
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Joseph Blatter ist nicht mehr aufzuhalten

 "Ein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte wird hier aufgeschlagen" , hat der Fifa-Präsident anlässlich der WM in Südafrika tatsächlich gesagt. "Sportgeschichte" hätte zwar auch genügt, aber der Mann gibt sich mit Kleinigkeiten längst nicht mehr ab.

Jetzt twittert er auch noch, beziehungsweise er lässt twittern. Ungefähr alle 22 Stunden taucht ein neuer Eintrag auf. Das Warten lohnt sich immer, Blatter gibt echt sein Innerstes preis. Hier eine fast vollständige Auswahl: "Ich war begeistert und bewegt von der Atmosphäre." "Ich fühle mich glücklich, vor dem Anpfiff Spieler zu treffen und ihnen Glück zu wünschen." "Das Kick-off-Konzert war wirklich wunderbar."

Menschen, die ihm relativ nahe stehen, behaupten sogar, der Mann träume (rede) tatsächlich schon von der Verleihung des Friedensnobelpreises. Denn so viele neue Kapitel hat die Menschheitsgeschichte auch wieder nicht zu bieten. Außerdem sind Schweizer neutral, also unumstritten. Und der Fußball wird überall gemocht.

Sollte es mit dem Frieden nicht klappen, wäre der Literaturnobelpreis eine Alternative. Blatter müsste nur eine Autobiografie verfassen, Talent zum Schreiben hätte er. Das merkt man ungefähr alle 22 Stunden beim Twittern. "Der Mann, der auszog, um Afrika zu retten" , könnte der Arbeitstitel des Bestsellers lauten. Eine Selig- oder gar Heiligsprechung strebt er übrigens nicht an, denn eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, relativ lange tot zu sein.

Dem lebendigen Blatter stehen sämtliche Türen und Tore offen. Die Wiederwahl im Juni 2011 gilt als fix. Und die Welt zögert ihren Untergang weiter hinaus. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 14. Juni 2010)

 

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