Kommentar: Verlogenes Mutterbild

24. April 2003, 13:10
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Die schwarz-blaue Regierung geniert sich nicht, die Frauen zu belügen

Unmutsäußerungen allerorts, Streikdrohungen, negative Umfragen und ExpertInnenberichte, die den Regierenden ein rasant schwindendes Vertrauen und sozial schädliche Auswirkungen bestätigen, begleiten die Pensionsreform vom ersten Tag an. Nichts desto trotz oder dem zum Trotz halten die VertreterInnen von Schwarz-Blau an ihren für sozial Schwache ungerechten, zuallererst Frauen treffenden "Reformplänen" fest. Sie genieren sich nicht, die Frauen zu belügen.

Mit den Vorwürfen der Ungerechtigkeit der geplanten Pensionsreform konfrontiert, meinte Bundeskanzler Schüssel, "dass von einer generellen Benachteiligung der Frauen nicht die Rede sein kann" und verwies auf das niedrigere Pensionsalter und die Anrechnung der Kindererziehungszeiten (APA, 08.04.2003). Wirtschaftsminister Bartenstein konterte, angesprochen auf die Nachteile des verlängerten Durchrechnungszeitraums von 15 auf 40 Jahre, die Frauen mit Teilzeitphasen extrem benachteiligt: "Man kann nicht die bevorzugen, die Teilzeit arbeiten" (Mittagsjournal, 05.04.2003). Und die neue Frauenministerin Rauch-Kallat schlug in dieselbe Kerbe: "Wenn man wenig einzahlt, kann man nicht eine Höchstpension erwarten". Jede Frau könne freiwillig mehr einzahlen und für jene, die wenig verdienen, sei ein wohlhabender Ehemann die "Rettung" (Interview in DER STANDARD, 15./16.03.2003).

Sie genieren sich nicht. Nicht dafür, einzugestehen, dass sie einer neoliberalen und rechtspopulistischen Ideologie fröhnen, in der soziale Verantwortung, Gerechtigkeit und Gleichheit keinen Platz haben. Nicht dafür, dass sie Frauenpolitik demontieren und durch reaktionäre Familienpolitik ersetzen. Und auch nicht dafür, dass für sie Frauen nichts anderes darstellen als eine flexible, billige ökonomische Reservearmee.

Im besonderen die schwarze Hälfte der Regierung, die ÖVP, geniert sich trotz ihres Namens nicht, sogar die christlich-sozialen Mindeststandards auszuhebeln. Sie genieren sich nicht, die Frauen und vor allem die Mütter immer wieder und wieder zu benachteiligen. Gerade jene Parteien, die nie müde werden, darauf hinzuweisen, dass Österreich vom Aussterben bedroht sei, dass mehr Geburten notwendig seien, um die Pensionen zu sichern. Gerade sie, die emsigen nationalen Österreich-Beschwörer, denen eine multikulturelle Gesellschaft ein Dorn im Auge ist. Die konservativen, Familie als "heiligen Wert"-Verteidiger und ein obsoletes Mutterbild-Bewahrer genieren sich nicht, die Frauen zu bestrafen. Überall und auf voller Linie.

Frauen sollen nach den Wünschen von Schwarz-Blau kuschen. Ihre Bäuche als Brutkästen für eine bevölkerungspolitisch optimierte Geburtenzahl zur Verfügung stellen. Dafür werden sie mit Gebärprämien namens Kindergeld belohnt. Und weil sie so brav sind, dürfen sie auch ein bisserl dazuverdienen. Am besten in niedrig entlohnten und unqualifizierten Teilzeitjobs. Die lassen sich so gut mit der Kinderaufzucht verbinden, ohne dass Väter in die Verantwortung der Kinderbetreuung genommen werden müssen und die Frauen auch keine Konkurrenz in der "männlichen Arbeitswelt" darstellen. Denn die "typisch weiblichen" Teilzeitjobs interessieren Männer sowieso nicht. Also alles gut gelöst. Zumindest in den Gehirnen patriarchal frauenfeindlicher DenkerInnen.

Fazit ist: Frauen leisten während ihrer jungen und mittleren Jahre gesamtgesellschaftlich gesehen die meiste Arbeit (schlecht bezahlte und unbezahlte Reproduktions- und Produktionsarbeit) und erhalten dafür das wenigste Geld. Im Alter wartet dann noch eine verschärfte Strafe: Keine oder geringfügige Pensionen sind ihr Lohn für ein arbeitsreiches Leben. Aber die schwarz-blaue Regierung geniert sich nicht.

Von Dagmar Buchta
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    "Maria mit dem Kind" von Rogier van der Weyden: Kindererziehung ist der Regierung nichts wert, auch wenn sie das Gegenteil so gerne beteuert.
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