Naives Gretchen und Vamp

22. April 2003, 11:07
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Vor 100 Jahren wurde Camilla Horn geboren - 1926 mit Murnaus "Faust"-Stummfilm zum Star avanciert

Frankfurt/Main - Die Wandlung vom naiven Gretchen zum Vamp gelang ihr mühelos: Die deutsche Schauspielerin Camilla Horn, die am 25. April 100 Jahre alt geworden wäre, zeigte in ihren über 60 Filmen viele Facetten. Begonnen hatte die Karriere der gebürtigen Frankfurterin geradezu märchenhaft: Ohne jemals eine Schauspielschule besucht zu haben, wurde die gelernte Schneiderin 1926 über Nacht mit Friedrich Wilhelm Murnaus "Faust"-Stummfilm zum Star.

"Horn verkörperte als Gretchen die ideale Mischung zwischen Unschuld und erwachenden Gefühlen", sagt Johannes Kamps, der im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main eine Ausstellung über die Schauspielerin vorbereitet. Start ist am 18. Mai. Der Legende nach entdeckte Murnau die damalige Komparsin und Tänzerin 1925 für seinen "Faust", als sie in einer Kostümszene für Lil Dagover einsprang. Ursprünglich war für die Rolle des Gretchens Lilian Gish vorgesehen.

Begeisterung

Als geistig verwirrte Kindesmörderin, die mit aufgerissenen Augen durch den Kunstschnee irrt, begeisterte Camilla Horn das Publikum und wurde zum internationalen Star. Sie spielte an der Seite von Emil Jannings und Gösta Ekmann. "Als Anfängerin war ihre Darstellung eine beeindruckende Leistung", meint Kamps. Briefe an die Eltern soll die Schauspielerin von nun an mit "Gretchen" unterschrieben haben.

Nach der gefeierten "Faust"-Verfilmung ging Camilla Horn 1927 nach Hollywood. Dort blieb sie bis 1929 und änderte ihr Image, als "Blonder Vamp" spielte sie in sieben Stummfilmen mit. "Tempest" und "Eternal Love" drehte sie unter Ernst Lubitsch. Auch mit Charlie Chaplin plante sie Projekte, die aber nie realisiert wurden. Mit Beginn der Tonfilm-Ära kehrte "die Horn" nach Deutschland zurück.

"Camilla Horn beeindruckte durch ihre selbstbewusste Schönheit, Eleganz und Ausstrahlung", erzählt Kamps. Bei der Ufa wurde sie in den Rollen der "Femme fatale" oder der "Grande dame" schnell zu einer der beliebtesten Schauspielerinnen. Ihre größten Erfolge waren die Filme "Der letzte Walzer", "Der Frechdachs" oder "Friedemann Bach" mit Gustaf Gründgens. "Die Horn" füllte die Seiten der Klatschpresse und avancierte zur Diva. Zu diesem Image trugen auch ihre vier Ehen bei. Verheiratet war sie unter anderem mit dem Fernsehjournalisten Rudolf Mühlfenzl, der 16 Jahre jünger als sie war. "Verliebt in die Liebe" (1986) nannte Horn ihre Autobiografie, die wegen der freimütigen Schilderung ihrer Liebesbeziehungen Aufmerksamkeit erregte.

Zu Beginn der 40er Jahre wurden ihre Engagements weniger, Gerüchte über Schwierigkeiten mit den nationalsozialistischen Machthabern tauchten auf. Camilla Horn zog sich auf ihr Landgut in Brandenburg zurück. Auch nach dem Krieg konnte sie nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. "Von ihren mehr als 60 Filmen war nur ein Drittel wirklich gut", meint Kamps. Am Theater war sie in dieser Zeit mit Boulevardstücken ebenso mäßig erfolgreich. Internationale Anerkennung errang sie wieder mit dem 1981 von Hans Sachs und Hilda Rinneberg gedrehten Dokumentarfilm "Camilla Horn sieht sich als Gretchen in Murnaus Stummfilm 'Faust'". Er wurde als bester ausländischer Kurzfilm für einen Oscar nominiert.

Nachdem die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Künstlerin bereits 1974 das Filmband in Gold bekommen hatte, wurde ihr 1988 auch der Bayerische Filmpreis verliehen. Anlass war ihre Rolle als Fürstin Großmutter in Peter Schamonis Film "Die letzten Tage von Schloss Königswald", in dem mehrere frühere Ufa-Stars mitspielten. Camilla Horn starb am 14. August 1996 im Alter von 93 Jahren in einem Pflegeheim in Bayern. (APA/dpa)

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    Camilla Horn

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