"Kunstmafia" bei Plünderungen in Bagdad vermutet

19. April 2003, 11:21
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"Man hat ganz bestimmte Objekte gesucht und gefunden, wie mit einer Liste"

Berlin - Für den Direktor des Islamischen Museums auf der Berliner Museumsinsel, Claus-Peter Haase, sind die Plünderer im Irakischen Nationalmuseum in Bagdad im Auftrag einer internationalen "Kunstmafia" vorgegangen. Die Täter hätten sehr genau gewusst, wo die kostbarsten Schätze gelegen hätten, sagte Haase. "Man hat ganz bestimmte Objekte gesucht und gefunden, wie mit einer Liste."

Erstaunlich sei auch, "mit welch brachialer Gewalt selbst schwerste Tresore aufgebrochen wurden", in die Museumsmitarbeiter bei Ausbruch des Krieges die besonders wertvollen Schätze eingelagert hätten. Zutiefst befremdlich sei der "eklatante Vandalismus", der auch den Verdacht nahe lege, dass hier bewusst eine falsche Spur gelegt werden sollte, meinte Haase. Dass dies unter den Augen von Soldaten geschehen konnte, sei unfassbar. US-Soldaten hätten nach eigenen Aussagen für ein Einschreiten an diesem Ort zunächst "keine Order" gehabt, wie aus Fernsehberichten hervorgegangen sei, sagte Haase.

Warnungen nicht beachtet

"Man erwartet nicht, dass Militärs der einen oder anderen Seite, sei es Saddam Husseins Republikanische Garde oder seien es amerikanische Militärstrategen, ein besonders sensibles Gefühl für Antiquitäten und Kunstschätze haben. Aber was man erwarten konnte, ist doch, dass die rechtzeitig vorher ausgesprochenen Warnungen, auch von kompetenten amerikanischen Experten, also Archäologen, die den Irak und das Nationalmuseum gut kennen, beachtet werden."

Als Katastrophe wertet es der Berliner Museumsdirektor, wenn die in Bagdad bisher vorhandene sehr gute Dokumentation sämtlicher Grabungen im Irak vernichtet worden sein sollte. Dieses präzise Archiv existiere seit dem Ersten Weltkrieg und sei kontinuierlich weitergeführt worden. "Es macht uns besonders wütend, wenn durch den Vandalismus gerade solche wertvollen Dokumente unwiederbringlich verloren gegangen sein sollten", sagte Haase. Er bezeichnete die Museumsplünderungen in Bagdad als den "größten Schock, den ein Museumsmann erleben kann."

Haase wies darauf hin, dass es auch vor dem Krieg bereits Plünderungen im Irak gab, die vor allem Grabungen in der Provinz wie zum Beispiel in Ninive betroffen hätten. Dabei hätten sich die Täter von der Androhung drakonischster Strafen auch in den Nachbarländern wie Syrien und Ägypten nicht abschrecken lassen. "Es gibt eindeutig eine international agierende Kunstmafia, die hier aktiv ist", meinte der Museumsdirektor.

Dabei seien die wahren Prunkstücke aus dem irakischen Nationalmuseum auf dem Weltmarkt unverkäuflich und verschwänden daher vermutlich für lange Zeit "in privaten Kellern und Dachböden" von zahlungskräftigen Sammlern. Manchmal tauchten sie erst nach 50 Jahren wieder auf, wie auch der Vergleich mit Vorkommnissen am Ende des Zweiten Weltkrieges zeige. (APA/dpa)

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